Nordkoreaner in Südkorea Lernen, die Waschmaschine zu bedienen


Immer mehr Nordkoreaner flüchten vor dem menschenverachtenden Regime des Diktators Kim Jong Il. Ihr Ziel: Der Bruderstaat Südkorea. Dort haben die Behörden nun die Tore eines Integrations-Lagers geöffnet. Flüchtlinge berichten hier von ihrem schweren Weg in das moderne Leben.

Der Weg ins neue Leben beginnt mit Computern, Geldautomaten und Waschmaschinen. "Als wir noch in Nordkorea lebten, wussten wir, dass es Computer gibt", sagt Frau Lim. Doch selbst ältere Nordkoreaner wie sie hätten noch nie eine Computertastatur auch nur berührt. "Normalen Bürgern ist es nicht erlaubt, Computer und Faxgeräte zu besitzen", sagt ihr 62 Jahre alter Landsmann Kim, der aus der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang stammt. Beide sind erst seit kurzem in Südkorea, wo sie nicht nur den Umgang mit Computern erst lernen müssen.

Lim kam im Februar, Kim im April. Ihre vollen Namen können sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Sie gehören zu den etwa 16.000 nordkoreanischen Flüchtlingen, die sich nach offiziellen Angaben seit dem Ende des Korea-Kriegs (1950-53) in den Süden der geteilten koreanischen Halbinsel abgesetzt haben. Die meisten Flüchtlinge kamen jedoch erst in den vergangenen Jahren, als sich die Lebensbedingungen in ihrer abgeschotteten und verarmten Heimat immer mehr verschlechterten.

Wie Lim und Kim flohen sie vor Hunger, Armut oder Unzufriedenheit mit dem diktatorischen Regime in Pjöngjang. "Die meisten Menschen verlassen Nordkorea, um der Armut zu entgehen", sagt Lim. Ein besseres Leben suchen sie im wohlhabenden und westlich orientierten Südkorea. In dieser neuen Welt beginnt für sie ein langwieriger und schwieriger Anpassungsprozess, an dessen Ende nicht selten geplatzte Träume, Frust und auch Verarmung stehen. Dennoch gelingt es zahlreichen Nordkoreanern, sich eine geregelte Existenz aufzubauen.

Das moderne Leben lernen

Hanawon, das "Haus der Einheit", ist eine ausgedehnte Anlage von zahlreichen Gebäuden aus rotem Backstein, die rund 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Seoul entfernt in Ansong liegt. 750 Flüchtlinge sind hier vorübergehend untergebracht. Mehr als 70 Prozent von ihnen sind Mädchen und Frauen. Die offizielle Bezeichnung der Einrichtung als "Zentrum zur Unterstützung für die Niederlassung nordkoreanischer Flüchtlinge" ist zugleich Programm.

Die Neuankömmlinge werden auch Trainees, also Auszubildende, genannt. Nach gründlichen medizinischen Untersuchungen und psychologischer Beratung stehen mehr als 130 Unterrichtsstunden auf dem Lehrplan, die sie auf das Leben in einer für sie völlig neuen Umgebung vorbereiten sollen. Doch zunächst müssen sie sich Fragen des Geheimdienstes stellen. Damit wollen die Behörden verhindern, dass sich als Flüchtlinge getarnte Spione einschmuggeln.

In Hanawon gibt es neben Unterkünften und Kantinen auch eine Klinik, eine Zahnarztpraxis, Unterrichtsräume, Werkstätten, eine Bibliothek sowie Hör- und Veranstaltungssäle und Räume zur Religionsausübung. Das Gelände gehört zu den Sicherheitsanlagen - die Gebäude werden streng bewacht, die Flüchtlinge leben weitgehend abgeschirmt. Allerdings sind Ausflüge in die Umgebung oder in die Millionenmetropole in Seoul Teil des Eingewöhnungsprogramms.

Angst vor nordkoreanischen Racheakten

Zum zehnjährigen Jubiläum der Einrichtung in diesem Juli haben zum ersten Mal auch Journalisten aus aller Welt Zutritt. Die südkoreanische Regierung will zeigen, was sie für die Neuankömmlinge tut. Die Spannungen mit dem als unberechenbar geltenden Nachbarstaat im Norden haben sich seit dem Antritt einer konservativen Regierung in Seoul im Februar 2008 wieder spürbar verschärft. Sie vertritt eine härtere Haltung gegenüber Pjöngjang als die liberale Vorgängerregierung.

In Hanawon dürfen aber nur wenige Gebäude fotografiert oder gefilmt werden. Vor allem gilt es die Identität der Nordkoreaner zu schützen, so dürfen der volle Name nicht genannt und das Gesicht nicht abgelichtet werden. Zu groß ist die Angst, dass die nordkoreanischen Behörden die Familien der Flüchtlinge für die Landesflucht bestrafen. Auch werden mögliche Anschläge durch nordkoreanische Agenten auf die Flüchtlinge in Südkorea befürchtet.

Die Neuankömmlinge lernen in den mehrwöchigen Kursen in Hanawon nicht nur, wie sie im Internet surfen, Geld am Automaten abheben oder eine Waschmaschine in Gang setzen können. Jüngere Flüchtlinge gehen in eine nahe gelegene Schule. Zum Stundenplan der Älteren gehören Fremdsprachenunterricht und Klassen, die Hilfen bei der Arbeitssuche geben, die die Sprache und Regeln der freien Marktwirtschaft vermitteln oder über urbane Kultur informieren. In einer Sonderklasse wird auf die Führerscheinprüfung vorbereitet. Auch handwerkliche Tätigkeiten wie zum Beispiel Nähen werden geübt oder Yogakurse angeboten. Am Ende sollen die Flüchtlinge auf eigenen Beinen stehen können und nicht von Sozialhilfe abhängig sein. Der Umgang mit modernen Geräten ist dabei noch die kleinste Hürde.

Heimweh und Schuldgefühle

Viele plagen Angst vor Verfolgung, Stress und Schuldgefühle. Das mache sich häufig auch in körperlichen Symptomen bemerkbar, sagt der Psychiater Jun Jin Yong, der sich in Hanawon mit den seelischen Problemen der Flüchtlinge befasst. "Viele leiden unter Alpträumen, haben Brustschmerzen oder Atemprobleme." Der im Regelfall zwölfwöchige Aufenthalt in Hanawon könne einige Linderung bringen. "Aber was sie brauchen, ist eine Langzeitbehandlung." In vielen Fällen schreibt Jun eine Überweisung an andere Ärzte aus, die sich nach dem Verlassen von Hanawon um die Flüchtlinge kümmern können. Daneben gibt es zahlreiche Freiwillige, die den Nordkoreanern bei der Integration helfen.

Deren große Sorge ist es, sich nicht in der südkoreanischen Gesellschaft behaupten zu können und in Schule und Beruf nicht akzeptiert zu werden. Noch schwerer wiegen jedoch Heimweh und Schuldgefühle. Denn die meisten haben ihre Familie in Nordkorea verlassen - Kinder und Ehepartner, Enkel, Brüder und Schwestern. Auch steckt ihnen noch die Angst vor der Verfolgung während ihrer zum Teil jahrelangen Flucht in den Knochen, ehe sie Südkorea erreicht haben.

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Von den Behörden bedroht

Lim hat einen minderjährigen Sohn zurückgelassen. "Ich vermisse meinen Sohn so sehr; doch weiß ich auch, dass meine Tränen mir nicht helfen können", sagt sie schüchtern vor einer Gruppe von Journalisten. Nachdem ihr Ehemann in einem Krankenhaus gestorben sei, sei das Leben in Nordkorea für sie noch härter geworden. Den Anstoß zur Flucht habe ihr schließlich die Angst vor den Behörden gegeben. Diese seien dahintergekommen, dass sie sich auf einem eingeschmuggelten Video einen südkoreanischen Film angesehen habe, erzählt sie. "Ich war sehr beeindruckt von dem Film."

Wo ihr Sohn jetzt lebt, sagt Lim nicht. Bereits vor dreieinhalb Jahren kehrte sie ihrer Heimat den Rücken. Zunächst flüchtete sie über die Grenze nach China. Über Zwischenstationen in mehreren südostasiatischen Ländern ist sie schließlich nach Südkorea gelangt. Ihr Landsmann Kim, ein Ingenieur, hat früher in Russland gearbeitet. "Wir wurden gezwungen, nichts von Russland zu erzählen", berichtet er. "Die nordkoreanischen Behörden haben mir nachgestellt, weil ich den Sozialismus kritisiert habe." Er sei gewarnt worden, dass er sterben würde, wenn er im Gefängnis landen sollte. "Also bin ich geflüchtet." Im April 2008 sei er über den Grenzfluss Tumen nach China geflüchtet und dann zunächst wieder nach Russland gegangen.

Nordkoreaner kämpfen gegen Vorurteile

Das Ende der Flucht in Südkorea bedeutet nicht das Ende der Unsicherheit. "Wir haben Angst davor, dass die Südkoreaner uns als Fremde betrachten", sagt Lim. Sie wolle dafür kämpfen, um akzeptiert zu werden, und bereit, jede Art von Job anzunehmen, betont die frühere Arbeiterin.

Als er nach Südkorea gekommen sei, habe er gedacht, dies sei der Beginn eines glücklichen Lebens, erzählt der nordkoreanische Pianist Choi Cheol Woong nach einer Aufführung in Hanawon. Es sei jedoch zunächst der Anfang von schmerzlichen Erfahrungen gewesen: "Die soziale Diskriminierung und Voreingenommenheit der Südkoreaner waren schwerer zu ertragen als arm zu sein." Der 35-Jährige gilt als erfolgreicher "Niedergelassener" in Südkorea.

Das Einkommen der nordkoreanischen Flüchtlinge beträgt nach Angaben des Vereinigungsministeriums etwa nur ein Drittel dessen, was die Südkoreaner im Durchschnitt verdienen. Hilfsorganisationen, die sich um das Wohl der Nordkoreaner kümmern, fordern deshalb schon seit längerem von der Regierung eine systematischere und vor allem längere Ausbildung für die wachsende Zahl von Überläufern aus dem verarmten Nachbarland. Das Hauptproblem sehen sie in der Anpassungsfähigkeit. Im kommunistischen Norden wird ihnen gesagt, was sie tun sollen. In Südkorea stehen sie dem großen Wettbewerbsdruck zunächst fast hilflos gegenüber.

Vom Kommunismus in die Konkurrenzgesellschaft

Südkorea unterscheide sich vielmehr von Nordkorea als etwa die Bundesrepublik Deutschland von der DDR vor der Wiedervereinigung, sagt die Leiterin von Hanawon, Youn Miryang. "Südkorea ist sehr auf Konkurrenz eingestellt." Jeder Bürger sei in erster Linie für sich selbst verantwortlich. Das stelle die Flüchtlinge vor große Probleme. Viele hätten kein ausgeprägtes Selbstwertgefühl und keine Idee von Unabhängigkeit. "Doch die Nordkoreaner sind bereit, sich durchzukämpfen." Hanawon wolle ihnen helfen, in der Wettbewerbsgesellschaft bestehen zu können, sagt Youn, die ihre Doktorarbeit über die Stellung der Frau in Ost- und Westdeutschland sowie in Nordkorea schrieb. Wettbewerb bedeute auch die Fähigkeit zu Harmonie und Kooperation, sagt sie.

Ausgestattet mit einem Startgeld in Höhe von insgesamt 19 Millionen Won (derzeit etwa 10 400 Euro) können sich die Nordkoreaner nach dem Training überall im Land niederlassen. Die meisten zieht es jedoch nach Seoul, wo sie sich vor allem bessere Jobmöglichkeiten erhoffen. Eine zusätzliche finanzielle Hilfe erhalten sie, wenn sie drei Jahre in einem Unternehmen arbeiten. Denn: "Viele Flüchtlinge tendieren dazu, alles Geld auszugeben, sobald sie uns verlassen", weiß Youn zu berichten.

Dirk Godder/DPA DPA

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