VG-Wort Pixel

Kanadas "Holocaust" Brandstiftung in Kirchen: Wut bricht sich nach Funden Hunderter Leichen indigener Kinder Bahn

Angehörige der Cowessess First Nation Gemeinschaft trauern nach dem Fund nicht gekennzeichneter Gräber
Angehörige der Cowessess First Nation trauern nach dem Fund Hunderter Gräber mutmaßlich indigener Kinder auf dem Gelände der ehemaligen Marieval Indian Reservation School im kanadischen Bundesstaat Saskatchewan
© Geoff Robbins / AFP
Nachdem in Kanada erneut mehr als 180 Gräber mutmaßlich indigener Kinder auf dem Gelände eines früheren Internats entdeckt wurden, gingen Kirchen in Flammen auf. Das Land wird von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau versuchte die Wogen zu glätten. "Orte des Glaubens zu zerstören, ist nicht der Weg, den wir einschlagen sollten", sagte der Regierungschef am Mittwoch (Ortszeit) als Reaktion auf "verdächtige" Feuer, die in den vergangenen Wochen mindestens acht katholische und anglikanische Kirchen in den Bundesstaaten British Columbia und Alberta zerstört oder beschädigt haben. Die Royal Canadian Mountain Police (RCMP) hat die Ermittlungen übernommen, Belege für Brandstiftung mehren sich.

Trotzdem wollte Trudeau die Taten nicht rundweg verurteilen, weiß er doch um das mutmaßliche Motiv. Kanada wird in diesen Tagen mit dem vielleicht dunkelsten Kapitel seiner Geschichte konfrontiert, das von einigen Historikern als "kanadischer Holocaust" bezeichnet wird. Vom 17. Jahrhundert bis in die 1990er-Jahre wurden indigene Kinder ihren Familien entrissen, von ihnen isoliert und in den meist von den Kirchen betriebenen Residential Schools überall im Land untergebracht. Sie wurden dort gezwungen, ihre eigene Sprache und ihre Kultur zu vergessen und zu verleugnen, was – gut dokumentiert – bei zahllosen Insassen zu Identitätskrisen führte. Gleichzeitig sollten sie die Traditionen der europäischen Kolonialisten annehmen. Gewalt, Folter und sexueller Missbrauch gehörten zur Tagesordnung. Und angesichts zahlloser Vermisstenfälle überdauerte der Verdacht, dass Hunderte, vielleicht Tausende Kinder in den Umerziehungsinternaten starben oder aktiv getötet wurden.

Gräberfunde machen Verdacht für viele zur Gewissheit

Seit Wochen werden nun mit Hilfe von Bodenradargeräten auf den Grundstücken früherer Residential Schools immer wieder nicht gekennzeichnete Gräber oder sterbliche Überreste indigener Kindern entdeckt. Worüber lange nur spekuliert wurde, scheint nun offen zu Tage zu treten: in den kirchlichen Internaten wurden Kinder getötet und schließlich verscharrt. Obwohl bisher keine direkten Beweise vorliegen, gehen selbst Vertreter der indigenen Gemeinschaften davon aus, dass sich nun lange aufgestaute Wut und Hass im Niederbrennen von Kirchen entlädt.

Der Fund von 182 Grabstätten unweit des früheren Umerziehungsinternats St. Eugene nahe der Stadt Cranbrook im Süden von British Columbia ist der jüngste in dieser Reihe. Hier könnten sogar noch mehr Gräber gefunden werden. Einige seien nur knapp einen Meter tief. Es sei "eine zutiefst verstörende und schmerzhafte Erfahrung" für die gesamte Gemeinschaft, teilte die in Cranbrook ansässige indigene Gemeinde der ʔaq ̓ am (Teil der Ktunaxa Nation) in einem Statement mit. Dennoch müsse sichergestellt werden, dass "keine Seele wirklich vergessen wird". Es sei auch zu klären, ob es sich ausschließlich um Gräber von Internatsopfern handele, da der Friedhof auch von weißen Siedlern genutzt worden sei.

Nichts desto trotz forderte der National Chief der Versammlung der First Nations, Perry Bellegarde, schon wenig später, dass es eine Suche nach unbekannten Gräbern bei allen früheren Residential Schools geben müsse. "Das ist eine Bestätigung für all' das, was die Überlebenden berichtet haben", zitierte der TV-Sender Global News Bellegarde, "dass es nicht gekennzeichnete Gräber gibt und dass es in diesen Einrichtungen Todesfälle gegeben hat." Trotzdem verurteilte auch er die Brandstiftungen in christlichen Kirchen. "Ich kann die Frustration, die Wut und den Schmerz verstehen", sagte er, "aber Dinge niederzubrennen ist nicht unsere Art. Unser Weg besteht darin, Beziehungen aufzubauen und zusammenzukommen."

Kanadas "Holocaust": Brandstiftung in Kirchen: Wut bricht sich nach Funden Hunderter Leichen indigener Kinder Bahn

Papst ist aufgefordert, eine Entschuldigung auszusprechen

Der Premierminister von Alberta, Jason Kennedy, zeigte allerdings wenig Verständnis für die Brandstiftungen, sprach von einem "Angriff auf kanadische Werte". Es sei erschreckend. "Dieses Ausmaß an Gewalt, der Angriff auf eine Glaubensgemeinschaft, ist ein Angriff auf die verfassungsrechtlich geschützte Religionsfreiheit." Über den verstörenden Grund für die Ausbrüche sagte er nichts.

UN-Menschenrechtsexperten fordern von der Regierung Kanadas und dem Vatikan schon länger eine umfassende Aufklärung über die Opfer der Umerziehungsinternate, in denen insgesamt mindestens 150.000 junge Indigene, Inuit und Métis festgehalten und drangsaliert wurden. Premierminister Justin Trudeau hat nicht nur seine Landsleute aufgefordert, sich der Schuld ihres Landes bewusst zu werden, sondern auch selbst den Papst aufgefordert, nach Kanada zu kommen und sich zu entschuldigen.

Kanadas "Holocaust": Brandstiftung in Kirchen: Wut bricht sich nach Funden Hunderter Leichen indigener Kinder Bahn

Kommt Franzikus Ende des Jahres nach Kanada?

"Eine Entschuldigung ist ein Schritt von vielen auf einer heilenden Reise", zitierte der TV-Sender CNN Cadmus Delorme, Chief der Cowessess Community, auf deren Gebiet im Bundesstaat Saskatchewan erst kürzlich 750 nicht gekennzeichnete Gräber unweit der Marieval Indian Residential School entdeckt wurden. Die Konferenz der katholischen Bischöfe Kanadas teilte bereits Anfang des Monats mit, ein Treffen des Papstes mit Vertretern der indigenen Völker arrangieren zu wollen. Wegen der Corona-Pandemie könne dies aber frühestens Ende des Jahres stattfinden.

Quellen: Global News; CNNMitteilung ʔaq ̓ am Community; Nachrichtenagenturen DPA und AFP


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker