Kommentar Die Obama-Welle rollt weiter


Der Super-Dienstag hat nur Beinahe-Sieger hervorgebracht: Bei den Demokraten konnte Hillary Clinton wichtige Staaten erobern, gleichzeitig ging die Strategie Barack Obamas voll auf. Bei den Republikanern gewann John McCain die Oberhand - ohne endgültig zu siegen. Sicher ist: Das bessere Amerika ist wieder erwacht.
Ein Kommentar von Katja Gloger, Washington

Es war die lange Nacht der Beinahe-Sieger. Irgendwie hatten sie gewonnen, und dann doch wieder nicht. Da war man sich in "Hillaryland", im Kreis ihrer engsten Berater, so lange so sicher, dass dies die Nacht ihrer Krönung würde. Monatelang hatte Hillary Clinton in den Meinungsumfragen weit vorne gelegen, zehn, zwanzig Prozent vor Barack Obama, dem Jungsenator aus Illinois. Doch dann wehte der Wind des Wandels. Er griff Obamas Zauber auf, sein Versprechen auf den Aufbruch in die Zukunft, in ein neues Amerika. Und auch gestern strömten die Jungwähler in Scharen in die Wahllokale. Und sie wählten mit überwältigender Mehrheit Barack Obama.

Clinton siegt im Land der Kennedys

Sie musste ihre Bastionen halten. New York, New Jersey, Massachusetts, die bevölkerungsreichen Staaten an der Ostküste, ihren Heimatstaat Arkansas. Das gelang Hillary Clinton gestern Abend. Sie holte die Mehrheit in Kalifornien, dem größten Bundesstaat. Und in Massachusetts siegte sie gar gegen den Camelot-Glamour des Kennedy-Clan. Der Staat an der Ostküste ist die Heimat der Kennedys, von hier aus machte sich John F. Kennedy einst auf, Präsident zu werden. Und hier, wo sie seit Jahren ihre politischen Netzwerke pflegt, hatten dessen Tochter Caroline und dessen Bruder Ted Kennedy noch zwei Tage vor der Wahl für ihren Favoriten Barack Obama getrommelt - dennoch gewann Hillary Clinton. Ein süßer Sieg für sie, eine Genugtuung auch - hatten sich doch in den vergangenen Wochen viele mächtige US-Senatoren für Barack Obama ausgesprochen.

"Es ist Amerikas Nacht"

"Es ist Amerikas Nacht", rief sie auf ihrer Wahlparty in New York, "es ist Eure Nacht", und dann spulte sie doch nur ihre Wahlkampfschablonen herunter, hektisch und kühl und uninspiriert und gar nicht mit ihrer "eigenen Stimme", die sie neulich erst fand.

Er hingegen musste aus dieser Dienstag-Schlacht nur unbeschadet herauskommen, musste sein "Momentum" in Delegiertenstimmen verwandeln. Und das gelang ihm. "Unsere Bewegung ist real", sagte er gestern kurz vor Mitternacht. Und wieder zeichnete er das Bild eines wiedervereinten Landes, eines Landes, dass seine innere Spaltung überwindet, eines Landes, das sich auf seine Tugenden besinnt. "Die Veränderung, die wir suchen, liegt in uns selbst. Wir werden diese Nation heilen und wir werden die Welt reparieren. Yes, we can."

Obamas Strategie geht auf

Der Mann hat gut Lachen - ihm hilft das komplizierte Proporzwahlverfahren seiner Partei, das die Anzahl der Delegierten in den meisten Wahlkreisen splittet - solange ein Kandidat weniger als 75 Prozent der Stimmen bekommt. Dazu musste er ein gutes Drittel der Stimmen in den Hillary Clinton-Staaten erhalten. Seine Strategie scheint bislang aufzugehen. Und die lautet: Kleinvieh macht auch Mist. Unermüdlich hatte Obama in den vergangenen Tagen in den kleineren Bundesstaaten Wahlkampf gemacht, hatte selbst noch im stockkonservativen Idaho weit über 10.000 Interessierte angelockt. In diesen kleinen Bundesstaaten gewann er - vor allem aber brach er in Hillarys Festungen ein, selbst in Kalifornien und New York, wo er rund 90 Delegierte schnappen konnte.

Die Schlacht der beiden Titanen wird über Wochen weitergehen, wohl mindestens bis Anfang März, wenn in den großen Staaten Texas und Ohio rund 400 Delegierte bestimmt werden. Am Geld wird es nicht scheitern: Allein im Januar erhielt Barack Obama sensationelle 32 Millionen Dollar Wahlspenden - Hillary Clinton schaffte mit 13,5 Millionen weniger als die Hälfte. Jetzt fordert sie jede Woche eine Fernsehdebatte mit Obama, um diese Schwäche auszugleichen. Doch schon werden bei den Demokraten erste Befürchtungen laut, die Einheit der Partei könne gefährdet werden. Denn offenbar spielt die "Politik der Identität" eine immer größere Rolle: Hautfarbe, Geschlecht, Alter. Männer, Schwarze, Junge und besser Gebildete wählen eher Obama; Frauen, Latinos, Ältere und Wähler aus unteren Einkommensgruppen stimmen für eher Clinton. Lange andauerndes Gerangel um die Kandidatur nutze zudem dem republikanischen Konkurrenten.

Mike Huckabee lebt!

Und der heißt sehr wahrscheinlich John McCain. Der Kriegsheld und ewige Außenseiter hat gestern viele wichtige Bundesstaaten für sich gewinnen, die meisten Delegierten sammeln können, auch die des republikanischen Establishments. Doch die eigentliche Überraschung gestern Abend war: Mike Huckabee lebt! Und wie! Der baptistische Teleprediger erhielt mit seinen populistischen Botschaften wie etwa der Abschaffung der Steuerbehörde vor allem im Süden, im Bibel-Gürtel, die Stimmen der Evangelikalen. Und bislang sichert dieser Erfolg den Vorsprung von John McCain - denn Huckabee "stiehlt" Stimmen vom Noch-Kandidaten Mitt Romney. Und damit ist er eigentlich schon jetzt am Ziel: ohne Huckabee geht in dieser Wahl Nichts mehr. Und schon fragen sich die Kommentatoren, ob sich da ein künftiger Vizepräsident präsentiert. Mutig prognostiziert Huckabee: "Die Menschen haben mich gewählt. Dies ist ein Rennen von zwei Kandidaten. Und wir sind drin." Fast eine Ironie dabei, dass sich ausgerechnet Mitt Romney, der Hundertfachmillionär, jetzt als Revolutionär präsentiert, der das kaputte Washington erobern will. Aber kaum jemand glaubt noch, dass Romney echte Chancen hat.

Das bessere Amerika erwacht

Ein Ergebnis dieser langen Nacht der Statistiken aber ist: nach den dunklen Jahren der Bush-Regierung, nach den Jahren der Angst, des Zynismus und der Gleichgültigkeit entdecken Amerikas Bürger die Macht ihrer Stimme wieder. Sie stehen an, stundenlang, um ihre Kandidaten zu hören. Republikaner hören sich die Argumente der Demokraten an und umgekehrt. Sie führen Tausende Telefongespräche, sie spenden Geld, und sie wollen ihren Bürgerpflichten nachkommen. In diesen Tagen ist es, als ob das andere Amerika erwacht. Ja, das bessere Amerika.


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