Kommentar Eine Ohrfeige für Speedy Sarkozy


Die französischen Wähler haben ihrem schillernden Pop-Präsidenten Nicolas Sarkozy eine ordentliche Ohrfeige verpasst. Bei den Kommunalwahlen haben sie seine Partei abgestraft. Jetzt hat Sarkoy einen Imagewandel bitter nötig: Mit den bisweilen halbseiden wirkenden Posen muss jetzt Schluss sein.
Von Tilman Müller, Paris

Für die Sozialisten war es ein schöner Sieg, denn etwa die Hälfte der französischen Wähler stimmte gestern für ihre Kandidaten. Paris, Lyon, Toulouse, Lille, Straßburg, Reims - in den meisten Großstädten liegt die "Parti Soci-aliste" vorne. In 38 Städten, die weniger als 30.000 Einwohner haben, hat die Linke neue Bürgermeisterposten dazu gewonnen; in Metz stellt sie erstmals seit 1848 das Stadtoberhaupt. Mehrere Getreue von Präsident Nicolas Sarkozy, darunter Finanzministerin Christine Lagarde in Paris, Außenstaatssekretärin Rama Yade in Colombes oder Bildungsminister Xavier Darcos in Perigueux, erlitten persönliche Niederlagen. Allein der hauchdünne Vor-sprung des konservativen UMP-Manns Jean-Claude Gaudin in Marseille bewahrte die Rechten vor einem Fiasko.

"Herr Präsident, Sie haben verloren!"

"Die Franzosen strafen Sarkozy ab", titelte die Boulevard-Zeitung "Parisien". Selbst der "Figaro", die Hauspostille des Elysée-Palasts, sprach von einem Sieg der Sozialisten. Und die linksliberale "Liberation" häm-te nur: "Sehr geehrter Herr Präsident, irgendwer muss es Ihnen ja sagen - Sie haben die Wahlen verloren." Genau das will Sarkozy, nach zehn Monaten im Amt unbeliebt wie kein französischer Staats-chef vor ihm, nicht wahr haben. Kein Wort zur Niederlage, lieber schickt er seinen Premierminister vor, der von "der Fortsetzung des Reformkurses" spricht, als sei nichts gewesen. Doch wenn der von Wählern wie Umfragen gehörig abgestrafte "Tsarkozy" so weiter macht wie bisher, könnte ihm versagt bleiben, was seine beiden Vorgänger François Mitterrand und Jacques Chirac schafften: die Wiederwahl zu einer zweiten Amtszeit.

Sarkozy plant Imagewechsel

Dieses Schreckensszenario dürfte den überaus machtbewussten Hardliner bereits jetzt kräftig umtreiben. Denn bereits vor der Wahlniederlage verlautete Ende voriger Woche aus dem Elysée-Palast, der Präsident strebe einen "Stilwechsel" an. Will heißen: Ab sofort keine Sarkozy-Bilder mehr im Jogging-Outfit und mit Ray Ban-Sonnenbrille, mit dicker Rolex-Uhr und offenem Hemdkragen und schon gar nicht in Badehose mit Bikini tragender Carla Bruni im Arm. Ab sofort keine Jacht-Törns mit befreundeten Milliardären und womöglich auch kein lockeres Mundwerk mehr, das brave Bürger als "Blödmänner" und rebellierende Vorstadtjugendliche als "Gesindel" beschimpft.

Das klingt ein bisschen so, als habe der Wolf Kreide gefressen. Doch irgendwo scheint sich in Sarkozys Kreisen die Einsicht durchzusetzen, dass allein mit markigen Worten, Starallüren und exzessiver Zurschaustellung des Privatlebens kein Staat zu ma-chen ist. Jetzt gelte es, "Reformen ohne Rolex" ins Werk zu setzen, so ein Kommentator aus Lyon; ein bloßer Imagewandel wird den Präsidenten dabei kaum auf Erfolgskurs bringen. Im Wahlkampf pries er sich als "Präsident der Kaufkraft" - eine seiner vielen vollmundigen Versprechungen, die ihm nun die Blätter um die Ohren schlagen, indem sie fast täglich berichten, um wie viel Prozent die Preise für Milch, Brot, Coca Cola und Kartoffeln wieder mal gestiegen sind.

Auch außenpolitisch gab Sarkozy bisher nicht gerade den großen Metternich. Viele seiner Auftritte auf diplomatischem Parkett waren mehr als peinlich, so der Pariser Prunkempfang für den Wüstendiktator Gaddafi. Etliche seiner schnell hinausposaunten Ideen erwiesen sich als Rohrkrepierer. So etwa seine "Mittelmeer-Union" unter französischer Füh-rung, die vorige Woche beim Brüsseler Gipfel kurzerhand zur EU-Sache erklärt wurde; Sarkozys ursprüngliches Projekt, kommentierte trocken die französische Tageszeitung "Le Monde", sei dabei "komplett unter die Räder gekommen."

Bis zur nächsten Präsidentenwahl in gut vier Jahren bleibt Sarkozy viel Zeit, die Wähler durch seriöseres Auftreten und erfolgreiche Reformen wieder auf seine Seite zu ziehen. Die Resultate der gestrigen Wahlen dürften ihn dabei kaum behindern. Denn im Unterschied zu etwa den deutschen Bundesländern haben Frankreichs Regionalparlamente in Paris kaum Mitspracherechte und keinerlei Vetomacht.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker