Kommentar Medwedew ist keine Marionette


Kaum hat Wladimir Putin seinen Nachfolger bekannt gegeben, schon revanchierte sich dieser mit einem spektakulären Jobangebot. Doch wer Dimitrij Medwedew nur die Rolle des Frühstückspräsidenten von Putins Gnaden zuschiebt, verkennt die russische Realität.
Von Andreas Albes

Russlands bekanntester oppositioneller Radiosender Echo Moskau lebt davon, dass die Zuhörer anrufen und ihre Meinung sagen können. Heute, am frühen Nachmittag, stand das Telefon nicht mehr still. Dmitrij Medwedew, gestern erst zum Putin-Nachfolger gekürt, hatte im Fernsehen seine erste Erklärung abgegeben - und den amtierenden Präsidenten eingeladen, ab März das Amt des Premierministers zu übernehmen.

Lust an der Macht noch nicht verloren

"Was soll das jetzt?", fragten die Echo-Moderatoren ihre Zuhörer, und die brachten alle möglichen Theorien ins Spiel: Medwedew und Putin regieren in trauter Einigkeit; Putin sägt Medwedew sofort wieder ab; die Verfassung wird geändert, und Medwedew ist nur noch ein Frühstückspräsident und so weiter.

Alle Varianten sind nicht neu, doch sie passen nicht ins Bild. Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass Putin, der gerade 55 ist, die Lust am Regieren noch nicht verloren hat. Ebenso wäre es theoretisch möglich, dass er auf den Posten des Regierungschefs wechselt und vom Weißen Haus aus die Geschicke des Landes lenkt. Das allerdings würde bedeuten, dass sich der neue Präsident entmachten lässt und, ähnlich wie in der Bundesrepublik, eine repräsentative Rolle einnimmt.

Sicher kein repräsentativer Präsident

Dafür allerdings wäre ein anderer Kandidat passender gewesen, nämlich der derzeitige Premierminister Wiktor Subkow. Mit 66 Jahren ist er in einem respektablen Alter, und er hat nicht den Ruf, besonders ehrgeizig zu sein. Aber Dmitrij Medwedew? Der ist erst 42, der Jüngste in Putins Team. Die Verantwortung, die er trägt, ist jetzt schon enorm. Er ist Aufsichtsratschef von Gasprom und leitet das Nationale Projekt, das heißt, er ist für die Entwicklung der Infrastruktur zuständig. So einer wird kein repräsentativer Präsident. Und ebenso wenig eignet er sich, um ihn aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand zu schicken, damit Putin wieder in den Kreml einziehen kann.

Umgekehrt scheint es genauso unwahrscheinlich, dass sich Wladimir Putin nach acht Jahren Präsidentschaft mit der Rolle eines Regierungschefs zufrieden gibt, wie sie ihm die russische Verfassung zuschreibt. Dann wäre er nämlich dem Präsidenten gegenüber weisungsgebunden. Bleibt als dritte Variante, dass Russland von beiden in trauter Einigkeit regiert wird - aber so viel Teamgeist, das klingt zu schön, um wahr zu sein.

Alles nur ein Wahlkampftrick?

Warum also Medwedews Angebot an Putin? Putin selbst hatte vor wenigen Wochen schon mal angedeutet, das Amt des Premiers zu übernehmen, als er ankündigte, für die Duma-Wahl zu kandidieren. Allerdings distanzierte er sich kurz darauf wieder davon. Auf Medwedews Vorstoß ging er bislang noch nicht ein, obwohl er heute bereits öffentlich auftrat.

Am wahrscheinlichsten ist, dass es sich um Wahlkampf handelt. Das Volk befindet sich im Putin-Taumel. Mehrere Millionen haben sich gerade erst an der Aktion "Für Putin" beteiligt, die ihn als nationalen Führer auf Lebenszeit installieren will. Medwedew tut also gut daran, die Menschen nicht daran zweifeln zu lassen, dass ihnen der amtierende Präsident noch lange erhalten bleibt. Was Putin tatsächlich vorhat, das wird sicher noch eine Weile sein Geheimnis bleiben.


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