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Russland: Harte Reformen: Kreml setzt im Schatten der WM teuflischen Plan um

Die Fußball-WM in Russland ist die teuerste aller Zeiten. Wie viele Milliarden sie genau verschlingt, weiß nur der Kreml. Die Kosten sollen aber die einfachen Bürger tragen. Während alle im WM-Trubel sind, setzt der Kreml harte Reformen durch. 

Wladimir Putin bei der Eröffnungsfeier der WM in Russland

Wladimir Putin bei der Eröffnungsfeier der WM in Russland

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Der Kreml lässt es krachen. Kein Land der Welt hat so viel für eine Fußball-WM ausgegeben wie Russland in diesem Jahr. Die offizielle Summe: 11,8 Milliarden Dollar und damit 2 Milliarden mehr als die WM in Brasilien 2014. Doch die tatsächlichen Kosten dürften bei weitem die offiziellen Angaben übertreffen. Allein die neue Arena in Sankt Petersburg soll den Berechnungen der Anti-Korruption-Organisation Transparency International zufolge 1,38 Milliarden Dollar gekostet haben. Neue Stadien, Hotels, Flughäfen, Straßen - wie viel Geld die WM verschlungen hat, weiß nur der Kreml.

Aber woher die Milliarden nehmen? Aus den Taschen der eigenen Bürger. Während die russische Nationalelf die WM eröffnete, verkündete die Regierung in Moskau ein umfassendes Reformpaket. Zwei Entscheidungen treffen die Bevölkerung besonders hart: Zum einen wird die Mehrwertsteuer ab 2019 von 18 auf 20 Prozent angehoben. Zum anderen wird das Renteneintrittsalter stufenweise erhöht, für Männer von 60 auf 65 Jahre, für Frauen von 55 auf 63 Jahre.

In Deutschland, wo das Renteneintrittsalter momentan bei 67 Jahren liegt und bereits die Rente mit 70 diskutiert wird, mag diese Anhebung erträglich erscheinen. Doch in Russland ist diese Entscheidung für viele Menschen katastrophal. Denn zwei Fünftel der Russen dürften das Renteneintrittsalter gar nicht erleben.

Lebenserwartung in Russland

Nach offiziellen Angaben der russischen Regierung liegt die durchschnittliche Lebenserwartung der russischen Männer gerade mal bei 66 Jahren, die der Frauen bei 77. Der große Unterschied zwischen den Geschlechtern ist vor allem auf die äußerst ungesunde Lebensweise der Männer zurückzuführen. Viele rauchen viel, trinken noch mehr, und ernähren sich schlecht. Nach Angaben der Russischen Arbeiterkammer, einer der größten Gewerkschaften des Landes, liegt die Lebenserwartung für Männer in manchen Regionen sogar bei nur 60 Jahren. Ausgehend von diesen Zahlen werden 40 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen also gar nicht lange genug leben, um ihre Rente in Anspruch nehmen zu können.

Kritiker werfen der Regierung in Moskau nun vor, genau diesen teuflischen Plan zu verfolgen. Denn die Arbeitgeber werden die Sozialbeiträge an die Pensionskassen zahlen, unabhängig davon, ob der Staat jemals die Renten wirklich wird auszahlen müssen. Dabei ist die Situation der Rentner in Russland bereits jetzt dramatisch. Die durchschnittliche Rente beträgt gerade mal 14.000 Rubel, umgerechnet etwa 190 Euro. Das reicht kaum zum Überleben. Hinzu kommt, dass für diejenigen, die nach dem 50. Lebensjahr ihre Arbeit verlieren, es so gut wie unmöglich ist, eine Neuanstellung zu finden. 

WM-Trubel sollte wohl böse Nachrichten überdecken 

Die Worte von Premierminister Dmitrij Medwedew, wonach die Russen, die voller Kraft und Arbeitsdrang seien, die Reformen locker verkraften dürften, klingen in den Ohren vieler da wie blanker Hohn. Die Beliebtheit der Regierung sinkt rasant. Auf change.org wurde eine Petition gegen die Rentenreform gestartet. Innerhalb weniger Tage haben bereits mehr als 1,6 Millionen Menschen die Petition unterschrieben - obwohl vielen Russen die Plattform gar nicht bekannt ist.

Auch der Zeitpunkt der Reformen sorgt für Empörung. Als Medwedew am vergangenen Donnerstag die bösen Nachrichten verkündete, spielte die russische Nationalmannschaft gerade gegen Saudi-Arabien. Der Verdacht, die Reformen sollten im WM-Trubel untergehen, liegt auf der Hand.

Putin bricht sein Versprechen 

Dabei haben viele die Versprechungen Putins aus dem Jahr 2005 noch in Erinnerung. Damals sagte er: "Ich bin gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Und solange ich Präsident bin, wird es keine solche Entscheidung geben."

Nun will Putin nicht mit der Reform zu tun haben. Der Plan sei ohne das Zutun des Präsidenten geschmiedet worden, behauptete Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow. Doch das kann sich niemand vorstellen.

Nach Berechnungen der unabhängigen Zeitung "Nowaja Gazeta" wird die Rentenreform allein in den nächsten 6 Jahren 4 Billionen Rubel in die Staatskassen spülen, umgerechnet etwa 55 Milliarden. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die ebenfalls für viele Russen eine enorme Belastung darstellt, wird demnach 2 Billionen Rubel, also ungefähr 27 Milliarden Euro einbringen. 

Tamina-Florentine Zuch


wue