HOME

Reformen im Schatten der WM : Trotz russischen Sommermärchens: Putins "Masterplan" geht nicht auf

Alles könnte so einfach sein: Während Russland im WM-Fieber die Sbornaja anfeuert, drückt man schnell ein paar unliebsame Reformen durch und keiner merkt's. Das erhoffte sich wohl Wladimir Putin. Doch der Plan ging nach hinten los.

Russland: Während Wladimir Putin die WM 2018 eröffnete, kündigte sein Premier Dmitri Medwedew harte Reformen an

Russland: Während Wladimir Putin die WM 2018 eröffnete, kündigte sein Premier Dmitri Medwedew harte Reformen an

Picture Alliance

Der russischen Sbornaja ist ein historischer Erfolg gelungen. Zum ersten Mal in der Geschichte Russlands hat die Nationalmannschaft den Einzug ins Viertelfinale geschafft. Damit hat im Vorfeld niemand gerechnet. Doch während die Russen ihr Sommermärchen feiern, ziehen für einen von ihnen am Horizont dicke Wolken auf: Wladimir Putin. Seine Beliebtheitswerte befinden sich im Sturzflug, trotz der WM im Land, trotz der Siege der Sbornaja.

Denn im Schatten der WM startete der russische Präsident ein Reformprogramm, dessen Härte selbst im Fußball-Trubel nicht untergeht - entgegen der Hoffnungen im Kreml.

Die bösen Nachrichten erreichten die russische Bevölkerung, als ihre Nationalmannschaft gerade das erste Spiel dieser WM gegen Saudi-Arabien bestritt. Während Wladimir Putin wohlweislich das Spiel im Moskauer Luschniki-Stadion verfolgte, trat sein Premierminister Dmitri Medwedew vor die Kameras und hoffte wohl, keiner würde ihm zuhören. Zum einen soll die Mehrwertsteuer mit wenigen Ausnahmen von 18 auf 20 Prozent erhöht werden. Zum anderen soll das Renteneintrittsalter für Männer auf 65 Jahre (bisher 60) und für Frauen auf 63 Jahre (bisher 55) angehoben werden.

Nur 54 Prozent würden Wladimir Putin noch wählen 

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe - trotz des unverhofften 5:0-Auftaktsieges der russischen Nationalelf. Insbesondere die Anhebung des Renteneintrittsalters trifft die Bevölkerung hart. Und dies bekommt die Regierung direkt zu spüren. Putins Beliebtheitswerte sinken rapide. Einer Umfrage der Stiftung "Öffentliche Meinung" zufolge würden nur noch 54 Prozent der Russen Putin wählen, wären am kommenden Sonntag Wahlen. Vor zwei Wochen waren es noch 62 Prozent. 32 Prozent der Bevölkerung haben demnach kein Vertrauen in Putin. 39 Prozent gaben an, dass sich ihr Vertrauen zum Kreml-Chef in den letzten Monaten verringert hat. Nur noch 65 Prozent der Bürger heißen seine Arbeit gut. Das ist der niedrigste Wert seit fünf Jahren.

80 Prozent der Bevölkerung lehnen die Rentenreform ab. Die Hälfte von ihnen hält diese Maßnahme kategorisch für nicht akzeptabel.

Einer Umfrage des unabhängigen Levada-Zentrums zufolge, finden 42 Prozent der Russen, dass sich ihr Land in die falsche Richtung entwickelt. Im Mai waren es noch 27 Prozent.

Und selbst das staatliche "Allrussische Zentrum für öffentliche Meinung" bescheinigt Putin sinkende Beliebtheitswerte. Seit Mai sind die Werte um mehr als acht Prozent auf 72,1 Prozent gesunken.

Rente in Russland reicht kaum zum Überleben 

Warum die Rentenreform auf solch einen Unmut stößt, hat viele Gründe. Zum einen fürchten viele, die Rente gar nicht mehr erleben zu können. Die durchschnittliche Lebenserwartung der russischen Männer liegt gerade mal bei 66 Jahren. Nach Angaben des staatlichen Statistikdienstes Rosstat fällt sie in 47 von insgesamt 83 russischen Regionen sogar unter 65 Jahre. Laut der russischen Arbeiterkammer, einer der größten Gewerkschaften des Landes, liegt die Lebenserwartung für Männer in manchen Regionen sogar bei nur 60 Jahren. Frauen leben länger, doch auch hier liegt die Lebenserwartung nur bei knapp 77 Jahren. Ausgehend von diesen Zahlen werden 40 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen also gar nicht lange genug leben, um ihre Rente in Anspruch nehmen zu können.

Hinzu kommt die bereits vorherrschende katastrophale Situation der Rentner in Russland. Im März 2018 lag die durchschnittliche Rente in Russland laut Rosstat bei 13.342 Rubel, das sind umgerechnet nur 180 Euro. Das reicht kaum zum Überleben. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die durchschnittliche Rente nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung bei 1197 Euro im Monat. 

Viele Russen sind daher gezwungen weiterzuarbeiten. Zwölf bis 14 Millionen Menschen verbleiben derzeit auch nach dem Eintritt ins Rentenalter im Beruf, schätzt das russische Arbeitsministerium. Die Rente, so gering sie auch ausfällt, ist eine willkommene Stütze. Denn die durchschnittlichen Löhne liegen gerade mal bei 600 Euro. Wobei dieser Wert trügerisch ist, werden doch hier auch die exorbitanten Gehälter der Gasprom-Manager, Sberbank-Bänker und Rosneft-Vorstände einberechnet. Ein Lehrer verdient in Russland im Schnitt 460 Euro, ein Arzt 570 Euro, ein Florist knapp 300 Euro.

"Man stirbt am Arbeitsplatz"

Ein weiterer Faktor ist, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für ältere Menschen in Russland schlecht sind. "Arbeitnehmer haben bereits ab 45 Jahren Probleme bei der Jobsuche und müssen mitunter mit geringeren Löhnen rechnen“, erklärte Angelina Woskresenskaja von der Recruiting-Agentur Antal dem OWC-Verlag für Außenwirtschaft. 

"Es gibt ohnehin kaum Arbeit. Und wenn du erst 40 bist, will dich erst recht niemand haben", erklärte die 62-jährige Galina aus Sankt Petersburg gegenüber dem stern. Seit Jahren findet sie keine Arbeit, lebt von der Untervermietung einiger Zimmer in ihrer Wohnung, die sie noch zu Sowjetzeiten erhalten hat. 5000 Rubel bekommt sie als Rente, knapp 70 Euro.

Junge Menschen verlassen sich gar nicht mehr, darauf irgendwann eine Rente zu bekommen. "Ich habe zwar noch einige Jahre bis zur Rente, aber ich rechne ehrlich gesagt gar nicht mehr damit. Wenn ich überhaupt etwas bekomme, wird es eigentlich so wenig sein, dass es sich gar nicht lohnt, darüber zu reden", sagte ein junger Musiker aus Moskau. "Ich würde sogar am liebsten meinen Ruhestand in einem anderen Land verbringen."

Jüngere sorgen sich außerdem, dass die Rentner zu lange im Job bleiben. "Die Rentner werden lange ihre Arbeitsstellen nicht verlassen und den jungen Generationen die Plätze wegnehmen", fürchtet etwa der 30-jährige Sohn Galinas.   

"Fast alle meine Bekannten arbeiten, weil es einfach unmöglich ist, nur mit der Rente zu überleben. Man stirbt am Arbeitsplatz", bestätigte ein Moskauer Professor fast die Befürchtungen des jungen Mannes. Dennoch sei die Rente gerade für die Armen eine große Hilfe. "Die Ärmsten, die Obdachlosen, diejenigen, die keine Unterstützung seitens ihrer Kinder erhalten, verlieren sehr viel durch die neue Reform", sagte er.

Angst vor dem eigenen Volk

Doch genau dies könnte sich für Putin als gefährlich erweisen. Denn er genießt ausgerechnet unter den schwächeren sozialen Schichten große Popularität. Nun wächst der Unmut. Die Bereitschaft zu Protesten ist so hoch wie selbst 2011 nicht, als landesweit tausende Menschen gegen die manipulierten Parlamentswahlen demonstrierten. In einer Umfrage der Stiftung "Öffentliche Meinung" gaben 31 Prozent der Befragten an, dass sie unbedingt an den nächsten Protesten, die in ihrer Stadt stattfinden, teilnehmen wollen. 2011 waren es nur 20 Prozent.

Dass der Kreml Angst vor dem Zorn des eigenen Volkes hat, zeigt nicht nur der Termin der Verkündigung der Rentenerhöhung, sondern auch Putins Verhalten in den letzten Wochen. Der Kreml-Chef vermeidet alles, nur um nicht mit der Rentenreform in Zusammenhang gebracht zu werden. Seit dem Auftaktspiel der WM meidet er die Öffentlichkeit, erschien weder zu dem Spiel der russischen Sbornja gegen Uruguay noch zu dem gegen Spanien. Offiziell kommentiert Putin die Reform nicht einmal. Die gesellschaftliche Sprengkraft der Reformen ist ihm bewusst und so versucht er, einen direkten Reputationsschaden zu vermeiden. Wie auch früher darf Medwedew die "Drecksarbeit" für ihn erledigen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow behauptete gar schlicht, dass weder der Präsident noch seine Administration an den Reformen beteiligt seien, man solle sich an die Regierung wenden, deren Chef ja Medwedew als Premierminister ist. 

Doch das nimmt ihm niemand ab. "Den Leuten wird ständig eingetrichtert, dass Putin alles entscheidet. Und dann heißt es auf einmal: alles, nur nicht das", sagte der Politologe Gleb Pawlowski dem russischen Dienst der BBC. "Das Spiel, die Regierung habe dies zu verantworten, aber bloß nicht Putin, ist einfach nicht glaubwürdig." Diese Methode habe vielleicht vor 20 Jahren funktioniert, heute aber nicht mehr.

Diese Meinung teilt auch Gregory Kertman, Analyst der Stiftung "Öffentliche Meinung". "Versuche, den Präsidenten von der Rentenreform abzugrenzen, werden von den Bürgern nicht wahrgenommen. Die Zahlen weisen auf eine erhebliche Unzufriedenheit hin."

Putin kann sich nicht im Schatteten der WM 2018 verbergen

Am vergangenen Sonntag fanden in zahlreichen Städten bereits Proteste statt, und das obwohl Putin eigentlich per Dekret untersagt hatte, während der WM politische Proteste durchzuführen. Eine Petition auf Change.org, die sich gegen die Anhebung des Renteneintrittsalters richtet, kommt inzwischen auf fast 2,6 Millionen Unterschriften.

"Die Lebenserwartung nach Rentenantritt wird weniger als eineinhalb bis zwei Jahre betragen", erklärte Valerij Raschkin von der Kommunistischen Partei. "Alles, was darüber hinausgeht, wird einbehalten und gestohlen. Die russischen Bürger haben das Recht zu protestieren und zivilen Ungehorsam zu üben."

Auch wenn sich die russische Sbornaja erstmals in ihrer Geschichte in ein WM-Viertelfinale vorgekämpft hat, geht Putins Plan, sich im Schatten der WM zu verbergen, nicht auf.