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Lech Kaczynskis tragischer Tod: "Hoffentlich war nicht Russland Schuld"

Das fragile Verhältnis zwischen Polen und Russland wird auf eine neue Probe gestellt: Das Unglück von Smolensk könnte die Beziehungen erneut belasten. Moskau tut alles, um das zu verhindern.

Von Bettina Sengling, Moskau

Auch Russland trägt Trauer. Trauer über die Opfer der Flugzeugkatastrophe in Smolensk. Den ganzen Tag über legten Moskauer Blumen vor der polnischen Botschaft nieder. Am Montag, dem Tag der offiziellen Staatstrauer, zeigen Fernsehkanäle keine Werbung, Unterhaltsprogramme wurden abgesagt. Premier Wladimir Putin und Präsident Dmitrij Medwedew beeilten sich, dem polnischen Premierminister Donald Tusk ihr Beileid auszudrücken und Hilfe anzubieten. Eine Woche lang dürfen Polen sogar ohne Visum nach Russland reisen. Tusk und Putin trafen sich bereits kurz nach dem Unglück in Smolensk. "Dies ist auch unsere Tragödie", sagte der Gastgeber.

Offenbar ist beiden Seiten wichtig, dass das empfindliche Verhältnis durch den Unfall von Smolensk keinen weiteren Schaden nimmt: Dass der polnische Präsident ausgerechnet über Katyn abstürzt, ist symbolträchtig genug. Zudem saß er auch noch in einer Tupolew - einem Flugzeug russischer Bauart. "Hoffentlich war das nicht Russlands Schuld", sagten viele Russen spontan, als sie von der Katastrophe in Smolensk hören.

Misstrauen prägt die Beziehung

Das Verhältnis zwischen den Präsidenten Lech Kaczynski und Wladimir Putin war Jahre lang besonders schlecht. Unter der US-Regierung von George Bush hatte sich der amerikafreundliche Kaczynski bereit erklärt, zehn amerikanische Abwehrraketen an der Grenze zu Russland zu stationieren. Offiziell sollten die Raketen zwar Atomraketen aus Nahost-Staaten abwehren. Doch Russland glaubte das nicht. Putin fühlte sich von der Aufrüstung an der Nato-Grenze provoziert und drohte mit Nachrüstung. Barack Obama rückte von diesem Projekt zwar ab - Freunde wurden Kaczynski und Putin aber dennoch nicht.

Schon Polens Eintritt in die Nato fasste Russland als Provokation auf: Das Militärbündnis rückte so an die russischen Grenzen. Und auch Kaczynski ortete seine Feinde vor allem in der Nachbarschaft - in Deutschland und im übermächtigen Russland, das er stets als Bedrohung empfunden hatte. Demonstrativ zeigte er sich mit dem außenpolitischen Feinden Russlands - den Präsidenten Georgiens und dem ehemaligen ukrainischen Präsidenten, Wiktor Juschenko.

Treffen in Katyn sollte Zeichen der Annäherung sein

Das Treffen zwischen dem Premier Wladimir Putin und Wladimir Tusk in Katyn galt als erste Annäherung zwischen den beiden Staaten nach langer Zeit. Immerhin gedachte Putin damit erstmals jener 14.700 polnischer Kriegsgefangener und 11.000 Lagerinsassen, die von dem sowjetischen Geheimdienst NKWD unweit von Smolensk ohne Gerichtsbeschluss erschossen worden waren. Zu Sowjetzeiten galt das Verbrechen als Gräueltat der Nazis. Erst in den 90er Jahren unter Präsident Boris Jelzin bewiesen Dokumente die Schuld des Sowjetregimes. Jelzin öffnete damals die geheimen Akten.

Mehr als eine Annäherung war das Gedenken zwischen Putin und Tusk jedoch nicht. Die Angehörigen der Opfer von Katyn verlangen von Russland seit Jahren vollständige Aufklärung der Verbrechen. Doch die Dokumente sind inzwischen wieder unter Verschluss. Unter Putin stellten die russischen Behörden 2004 alle Ermittlungen ein. Nach dem Tod des Präsidenten Kaczynski zeigte das russische Staatsfernsehen am Sonntag erstmals den polnischen Spielfilm "Katyn" des Regisseurs Andrzej Wajda. Ein vorsichtiges Versöhnungssymbol.

Die Angehörigen der Katyn-Opfer werden spüren, ob sich Russlands freundliche Gesten in Symbolen erschöpfen. Die russischen Gerichte schmetterten die Klagen der Opfer bislang ausnahmslos ab: Russland sei nicht verpflichtet, die Verbrechen aufzuklären. Denn die Schuldigen seien ebenfalls tot. Die Opfer haben sich inzwischen an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt, damit Russland die Akten doch noch frei gibt und sich so den Verbrechen seiner Vergangenheit stellt. So weit geht die Freundschaft bislang aber nicht.