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Reise durch Russland: Luxus wie zur Zarenzeit - das sagenhafte Anwesen Dmitrij Medwedews

Teil 11 unserer Russland-Serie: 2100. Kilometer der Wolga, Pljos. Hubschrauberlandeplätze, ein Ski-Hang samt Schlepplift, Schwimmbäder, Tennisplatz, Fußballplatz. Das Schloss des Premierministers Dmitrij Medwedew ist an Dekadenz kaum zu überbieten. In Russland löste es landesweite Proteste aus. 

Geheime Drohnenaufnahmen : So pompös wohnt der russische Premier - und keiner soll's wissen

Der berühmteste Bewohner des idyllischen Örtchens Pljos lebt hinter einem grünen Zaun, der neben ein paar schiefen Bauernhütten sechs Meter in den Himmel wächst. Kaum jemand hat den Mann hier je gesehen. Kaum jemand hat je ein Blick auf sein Anwesen geworfen. Höchstens auf dem You-Tube-Kanal des Oppositionspolitikers Alexej Nawalnyj: Der berichtete vor einem Jahr genüsslich über das großzügige Schloss des Premierministers , einer Residenz der Superlative mit drei Hubschrauberlandeplätzen, einem Ski-Hang samt Schlepplift, Gästehäusern, einem Fuhrpark, Schwimmbädern, Tennisplätzen, einem Fußballplatz und einer eigenen Anlegestelle an der Wolga für die Yacht. Wegen einer Allergie seines Sohnes ließ der Premierminister und ehemalige Präsident angeblich sogar die Birken fällen, die schon vor 200 Jahren auf dem Gelände wuchsen. Und auf dem großen Teich vor dem Schloss haben sogar die Enten ein schmuckes Häuschen bekommen. Russen sind daran gewöhnt, dass sich die Elite schamlos bereichert und im Luxus prasst, wie Fürsten zu Zeit der Leibeigenschaft. Aber das war selbst für das hart gesottene Publikum starker Stoff. Der Film löste Massenproteste aus.

Steht man am Zaun, ist nichts von all dem Luxus zu sehen. Alle paar Meter wurden Kameras am grünen Wellblech befestigt, damit das Wachpersonal in Ruhe verfolgen kann, was das Volk so treibt. In der Bauernsiedlung herrscht Totenstille. Nicht einmal fahren herum. Ab zu und bellt ein Hund.

Das Anwesen hinter dem Zaun ist ein altes Adelsgut aus dem 18. Jahrhundert, ein Kulturdenkmal, konfisziert von Bolschewiken und danach frei gegeben zum Verfall. Bis sich 2008 wie aus Zufall Medwedew für das historische Denkmal interessierte. Vielleicht war es auch kein Zufall: Der ehemalige Bürgermeister Alexej Schewzow hatte ihn eingeladen, und da Schewzow damals selbst der größte Immobilienbesitzer in Pljos war, kam ihm der hohe Gast sehr recht. Er zeigte ihm das Anwesen, so heißt es in Pljos, und wenig später begann Medwedew mit der teuren Restaurierung. Etwa 90 Millionen Euro soll sie gekostet haben.

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Pljos, so glauben manche, ist der schönste Ort Russlands. Die liegt so breit und dunkel da wie ein See. Am anderen Ufer, so sieht es aus, fängt die Wildnis an, dicker Wald, sattes  Gras. Wer hin will, muss ein Boot mieten. Unten am Hang ducken sich Bauernhäuser. Ein Flüsschen zieht sich ins Land hinein. Nie gab es Industrie hier. Kaum ein Auto ist zu sehen. Stille.

Im 19. Jahrhundert muss Pljos noch eine blühende Handelsmetropole gewesen sein. Damals verschifften Kaufleute Weizen und Stoffe auf der Wolga und errichteten ihre Anwesen an der . Wohlhabende Moskauer fuhren zur Sommerfrische her, die berühmtesten russischen Künstler ließen sich nieder an diesem idyllischen Ort. In der Sowjetunion wurde das Städtchen zum Ziel erholungsbedürftiger Werktätiger und Gewerkschaftsfunktionäre. Besonders gut ging es den Schauspielern im Erholungsheim für Kulturschaffende, mit der Wolga im Blick.

Moskauer Elite entdeckt den Chartme von Pljos

Heute erliegt die Moskauer Elite dem Charme des alten Künstlerstädtchens. Erst versuchte der Moskauer Unternehmer Schewzow, den Ort zu privatisieren. Als Kind besuchte er hier im Sommer immer seine Oma. Er studierte Wirtschaft und beriet in Moskau Firmen bei der Privatisierung. Als er Mitte der 90-er Jahre an die Wolga zurückkehrte, war er Multimillionär. "Ich war geschockt", erzählt Schewzow. "Die Stadt war bedauernswert, dreckig, heruntergekommen." Er kaufte sich ein altes Gut und baute es mehrere Jahre lang um. Ergänzend legte er sich außerdem ein Hotel zu, nach eigener Auskunft vor allem deshalb, damit sein Personal in Übung bleibt und etwas zu tun hat, wenn er selbst nach Moskau reist.

Schon bald kaufte Schewzow später billig die hübschen bunten Holzhäuschen im Zentrum auf. Die Besitzer waren meist froh, sie loszuwerden, denn im alten Viertel von Pljos verläuft bis heute nicht überall Kanalisation. Der Unternehmer restaurierte die Hütten, baute Bäder und Heizungen und vermietete sie an reiche Wochenend-Urlauber, manche für 400 Euro die Nacht. Einen Teil verkaufte er weiter.

Ein Restaurant mit Blick auf die russische Dorfidylle von Pljos

Ein Restaurant mit Blick auf die russische Dorfidylle von Pljos

Russlands Variante von Long Island

Kaum hatte Medwedew das Örtchen für sich entdeckt, schon floss auch Geld aus der Staatskasse nach Pljos. Nur dort, wo Putin eine Residenz unterhält, wird der Tourismus mit mehr Geld gefördert als in Pljos. Auf einmal wurden Straßen asphaltiert, Museen gebaut, drei Strände eröffnet. Im Sommer finden Musikfestivals und Radrennen an der Wolga statt. "Das idyllische Städtchen Pljos verwandelt sich mehr und mehr in die russische Variante des amerikanischen Urlaubsortes Long Island", stellte die Financial Times fest. Längst interessierten sich auch andere für das Klein-Od am Wasser. Der neue Bürgermeister ist Multimillionär und Schwiegersohn von Igor Setschin, dem mächtigem Chef von Rosneft, der größten Öl-Firma im Land. Gouverneure und hohe Beamte haben in Pljos inzwischen ihre Anwesen.

Manche der Dorfbewohner freuen sich über die Reichen im Ort. Die meisten wohnen auf dem Hügel, in schäbigen Mehrfamilienhäusern, weit weg von der grünen Idylle. "Ich wünsche jedem so einen Nachbarn wie Medwedew", sagt eine Anwohnerin: Weil deshalb wenigstens die Straßen gemacht werden. Manch einer löst sogar seine Privatprobleme, weil der Premier in der Nähe wohnt: Einmal schaffte es ein Bewohner von Pljos, sich an den Wachleuten vorbei zu schlängeln, als das Ehepaar Medwedew gerade eins der neuen Museen  besuchen wollte. Er bat Medwedew, doch auch in einem der heruntergekommenen Altbauten Wasserleitungen legen zu lassen. Und so geschah es auch.

Russland: Seit Dmitrij Medwedew nach Pljos gezogen ist, entwickelt sich das Örtchen zu einem russischen Long Island

Russland: Seit Dmitrij Medwedew nach Pljos gezogen ist, entwickelt sich das Örtchen zu einem russischen Long Island

Proteste gegen den schamlosen Wohlstand der Elite

Andere sind immer noch wütend über den schamlosen Wohlstand der Elite. "Niemand hat Interesse daran, hier etwas für die Bewohner zu machen oder für einfache Touristen", sagt Irina Malzewa, Journalistin am Ort. Selbst die öffentliche Banja am Ufer ist geschlossen. Das Tuberkulose-Krankenhaus wurde zu einem Herzzentrum umgewandelt – angeblich, weil sich die fremden Sommerfrischler aus Moskau vor Ansteckung fürchten. Abends wirkt der Ort ausgestorben wie eine Geisterstadt.

Während der landesweiten Proteste gegen Putin Anfang Mai zogen auch im benachbarten Iwanowo Unerschrockene auf die Straße. Früher war die Stadt einmal Zentrum der sowjetischen Textilindustrie, doch heute sind die meisten der größten Unternehmen geschlossen. Arbeit gibt es kaum: Wer kann, zieht weg.

Zu den Protesten hatte der lokale Stab des Oppositionspolitikers Nawalnyj aufgerufen. Die Demonstranten wollten vom Lenin-Platz zum Puschkin-Platz ziehen, es ist ein Fußweg von 30 Minuten. Eine Genehmigung erteilte die Stadt jedoch nicht. Kurz vor Beginn bekamen die Organisatoren deshalb Besuch von Sicherheitsbeamten: Ordentlich sollten sie sich verhalten, sagten die Polizisten. Und keine Attribute benutzen, auch keine russische Flaggen.

Proteste in Iwanowo. Nachdem der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny u.a. Details über das Anwesen von Dmitrij Medwedew veröffentlicht hatte, gingen seine Anhänger auf die Straße. 

Proteste in Iwanowo. Nachdem der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny u.a. Details über das Anwesen von Dmitrij Medwedew veröffentlicht hatte, gingen seine Anhänger auf die Straße. 

Etwa 200 Leute liefen auf dem Protestmarsch mit, was gar nicht so wenig ist, denn jedem Teilnehmer drohen Strafen und Haft. Damit das niemand vergisst, versammelten sich auf dem Puschkin-Platz etwa genauso viele Polizisten, zur Vorsicht mit Autos zum Transport von Gefangenen. Einige Sicherheitskräfte schlenderten in zivil herum und fotografierten Gesichter. Den Organisator, einen jungen Architekten, nahmen sie kurz fest.

In anderen Städten an der Wolga waren Demonstrationen immerhin auf abgezirkelten Plätzen erlaubt, meist irgendwo versteckt am Rande der Stadt. So war es in Astrachan. "Wir sind freie Bürger", rief dort eine Rednerin den hundert Unzufriedenen zu, die sich versammelt hatten. "Wir werden jetzt auf einem Spaziergang für ein freies Russland demonstrieren!" Nach wenigen hundert Metern war der Gang jedoch beendet. Die Hälfte der Demonstranten wurde festgenommen. Die anderen liefen weg.

In Iwanonow hatte die Stadtverwaltung den Puschkin-Platz einfach über Lautsprecher mit Radiomusik beschallen lassen. Vom Protest war so fast nichts zu hören.

 Der zwölfte Teil unserer Reportage führt Sie in eine Region, wo einst 700 Dörfer unter Wasser verschwanden. 

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