HOME

Reise durch das WM-Land: Wo jeder achte 30-jährige Mann HIV-positiv ist

Teil 6 unserer Russland-Serie: 1290. Kilometer der Wolga, Toljatti. Jeder achte 30-jährige Mann in dieser Stadt ist HIV-positiv. In keiner Gegend der Welt verbreitet sich das Virus so rasant wie in Russland und Zentralasien - dank der Ignoranz der Behörden.

Russland, Toljatti: Swjata beim Besuch einer ihrer Schützlinge

Russland, Toljatti: Swjata beim Besuch einer ihrer Schützlinge. Die Sozialarbeiterin verteilt Einwegspritzen, Aidstest und Kondome an Drogenabhängige und Prostituierte.

Wir laufen nachts durch die Stadt, zusammen mit Swjata. Sie ist klein und schmal und sieht ein bisschen wie ein Teenager aus, dabei ist Swjata furchtlos und hat Kraft und Willen für zehn.

Die Fluss-Landschaft mit ihren sanften Hügeln ist herrlich bei Toljatti, die Stadt aber sieht aus wie eine Wüste in grau. Wir ziehen durch die Hinterhöfe der Plattenbauten mit den aufgeschlagenen Pflastern, fahren die gesichtslosen Straßen entlang. Die Industriemetropole trägt den Namen eines italienischen Kommunisten, weil die Sowjets in den 60-er Jahren das Patent des italienischen Autoherstellers Fiat erwarben und die Wagen hier als Schiguli oder Lada nachbauten. Die ganze Stadt entstand nur für das Autowerk. Manchmal sehen wir Minuten lang nur Fabrikmauern.

Swjata, eine Sozialarbeiterin, fährt immer dieselbe Route ab, denn sie verteilt Einwegspritzen, Aidstest und Kondome an Drogenabhängige und Prostituierte. Ihre Organisation "April" ist die einzige in Toljatti, die auf diese Weise HIV-Prävention leistet, dabei ist jeder achte 30-jährige Mann in der Stadt HIV-positiv. 

In keiner Gegend der Welt verbreitet sich das Virus derzeit so rasant wie in Russland und Zentralasien. Mehr als eine Million Menschen sind offiziell landesweit infiziert, mehr als ein Prozent der Bewohner, in Toljatti sind es sogar drei. In Deutschland werden jährlich etwa 3500 Fälle diagnostiziert – so viel wie in Russland in zwei Wochen. Stündlich stecken sich in Russland nach der Statistik etwa zehn Menschen an. Etwa 50 Russen sterben jeden Tag an der Krankheit. In Toljatti sind die meisten Drogenabhängigen HIV-positiv, aber es ist längst nicht mehr nur ihre Krankheit. Mehr als 40 Prozent der neuen Fälle werden nicht durch Spritzen übertragen, sondern durch heterosexuellen Sex. "Es ist eine Epidemie", sagt Swjata, "aber die wenigsten Leute wissen das".

Interaktive Karte - eine Reise entlang der Wolga: Sie können in die Karte hinein- und wieder herauszoomen. Klicken Sie auf die Punkte, um mehr zu sehen

In einem grauen Altbau läuft sie Stufen hoch, im Treppenhaus blättert die Farbe von den Wänden. Swjata besucht Alexej, einen schlaksigen Mann in Jeans und Hemd, der in einer Firma für Schädlingsbekämpfung arbeitet. Im Flur seiner Wohnung stehen Kindergummistiefel und Schaufel - Alexej ist Familienvater. Er spritzt seit Jahren Heroin. Neulich erwischte ihn die Polizei und steckte ihn in den Zwangsentzug. "Das bedeutet eigentlich nur, dass Du mit anderen in einem Zimmer eingesperrt wirst", sagt er. "Du kommst raus, und willst Dir als erstes einen richtigen Schuss setzen." Das machte er auch. "Aus Prinzip", sagt Alexej. Als persönlichen Protest gegen den Zwang. Swjata gibt ihm eine Tüte mit Spritzen und Tests, die er weiter verteilen soll. 

Den Behörden gefällt das nicht, denn Russland hat sich in der Aids-Bekämpfung für einen Sonderweg entschieden. Dabei wirft der Kreml alle Strategien über den Haufen, die international seit Jahrzehnten Erfolg haben. Bei Aufklärungsveranstaltungen dürfen die Aktivisten von "April" nicht mehr über Kondome reden, wenn Minderjährige dabei sind: Sexualkunde ist in Russland verpönt, sie gilt als Anleitung zu Sex. Selbst über den Nutzen von Kondomen wird offiziell gestritten. Experten aus dem staatlichen "Institut für strategische Studien" erklärten, die Kondom-Industrie sei schuld an der Verbreitung des Virus, weil sie Minderjährige zu frühem Sex verführe.

Auch wegen der Einwegspritzen gibt es immer wieder Ärger. Die Polizei suchte bereits im Büro der Sozialarbeiter nach Drogen, eine andere Behörde verdächtigte "April", Drogenkonsum zu propagieren. "In Toljatti legten LGBT-Aktivisten Präservative am Ewigen Feuer nieder", giftete eine Lokalzeitung nach einer Aufklärungsaktion der "April"-Aktivisten. Danach tauchten Mitarbeiter des Geheimdienstes und der Polizei bei ihnen auf, sogar der Gouverneur meldete sich.

Von Drogenersatztherapien will man in Russland nichts wissen 

Galina, 35, sieht aus wie eine alte Frau. Sie empfängt Swjata heute auf der Straße, trägt nur Pantoffeln, Rock und Pulli, dabei zieht kalter Wind durch die Straße. "Ich musste abhauen", sagt sie. Oben sitzt ihr Mann mit drei anderen Männern und säuft. Er ging auf sie los, Galina nahm ihren Pass und rannte die Treppen runter. Wegen der Spritzen wartet sie schon auf Swjata. Sie ist auch HIV positiv. "Als ich das erfahren habe, war es ein Schock", sagt sie. "Dann dachte ich: Vielleicht sterbe ich jetzt schneller." Drogen gibt es in Toljatti überall. Viele junge Leute nehmen synthetische, manche kosten umgerechnet kaum mehr als zwei Euro. Vor ein paar Tagen stürzte sich im Nachbarhaus jemand aus dem Fenster im Rausch. Drogenersatztherapien, im Westen seit Jahrzehnten angewandt, gibt es in Russland nicht: Das sei ja so, als wenn man Wodka-Sucht mit Cognac bekämpfe, erklärte ein Experte aus dem Gesundheitsministerium. Auf den Besitz von Methadon stehen in Russland 20 Jahre Gefängnis.

Tamina-Florentine Zuch

"April" bekam immer Geld aus dem Ausland: unter anderem vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDs, Tuberkulose und Malaria, der wichtigsten Organisation zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten weltweit. Das russische Justizministerium stufte "April" deshalb vor einem Jahr als "ausländischen Agenten" ein. Auf jeder Broschüre steht nun: "Diese Materialen werden von einer Organisation verbreitet, die als ausländischer Agent agiert".

Als "ausländische Agenten" verdammt

An der Wolga sind sie nicht die einzigen, die so gebrandmarkt wurden. In Tschapajewsk unweit von Samara musste die Organisation "Vereinigung der Ärzte" ihre HIV-Prävention einstellen: Diese widerspreche den "nationalen Interessen Russlands", stellte das Justizministerium in Samara fest. Außerdem erhält sie seit Jahren Geld aus der US-Universität Harvard – um zu den Folgen der Umweltverschmutzung zu forschen. Die Stadt ist so mit Dioxinen verseucht, dass der ehemalige Bürgermeister 2008 vorschlug, sie komplett zu evakuieren.

In Engels bei Saratow traf es den Verein "Sozium", der 1998 von städtischen Angestellten gegründet wurde und auch in der HIV-Prävention tätig war. "Sie nehmen am hybriden Krieg teil, der gegen Russland geführt wird und einen Regime-Wechseln zum Ziel hat", führte ein Soziologie-Professor 2016 in seinem Gutachten aus. Die Tätigkeit der Organisation sei mit den Aufgaben des Staates nicht zu vereinbaren.

Selbst eine Gewerkschaft des Autoherstellers "Awtowas" gilt als ausländischer Agent: Die Mitarbeiter hatten sich unter anderem von der IG Metall schulen lassen.

Für alle Organisationen bedeutet das vor allem bürokratischen Mehraufwand. "Viele haben außerdem Angst vor uns", sagt Swjata. "Wir gelten als Staatsfeinde. Krankenhäuser und Ärzte arbeiten offiziell kaum noch mit uns zusammen. Das ist für uns ein großes Problem."

Die Sozialarbeiterin Swjata in ihrer Wohnung in Toljatti.

Die Sozialarbeiterin Swjata in ihrer Wohnung in Toljatti.

Neulich hatten sie so einen Fall, da mussten die Aktivisten Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Eine der jungen Prostituierten, drogenabhängig und HIV-positiv, erkrankte nicht nur an Hepatitis, sondern auch an Tuberkulose und Krebs. Ihre Eltern hatten sie verstoßen. "April" half mit Medikamenten und organisierte einen Platz im Tuberkulosekrankenhaus. Das Mädchen starb trotzdem.

Ihr Zuhälter steht nachts an einer Ausfallstraße und spendiert von dem Tee, den er im Kofferraum deponiert. Heute ist eine neue Frau dabei, erzählt er Swjata. Ihr Kind starb, der Mann lief weg, die Mutter ist krank. Um Geld zu verdienen, geht sie nun anschaffen. "Hier versucht jeder zu überleben, wie er kann", sagt er.

Nach der Arbeit treffen sich die Aktivisten von "April" in einer Wohnung in der Revolutionsstraße. Sie gehört einem Sozialarbeiter. Sein Bruder starb hier an Drogen. Aus den Fenstern sind aus der Ferne die Schornsteine der Autofabrik zu sehen. Es ist weit nach Mitternacht. Auch freiwillige Helfer von "April" sind da. In Kürze läuft die Finanzierung aus dem Ausland aus. Mit Geld aus Russland rechnet niemand. Eine Katastrophe wäre das, sagt eine ehemalige Abhängige. "Bei April verurteilt dich keiner", sagt sie. "Hier öffnest du dich. Du willst wieder leben."

 Lesen Sie im siebten Teil der Reportage, wie aus kleinen Jungs treue Soldaten für Putin geschmiedet werden.

Prolog / Teil 1 / Teil 2Teil 3Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 /