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Reise durch das WM-Land: Von einer Generation, die durch Hässlichkeit geformt wurde

Teil 9 unserer Russland-Serie: 1700. Kilometer der Wolga, Kasan. Hier lebt der Künstler Ilgisar Chasanow. Er sammelt Relikte aus der Sowjetzeit und versucht die Frage zu beantworten, warum Russland immer noch nicht zur europäischen Zivilisation gehören will.

Die Werkstatt des Künstlers Ilgisar Chasanow liegt mitten im Zentrum von Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan. Sie ist winzig und vollgestopft mit seiner Sammlung aus Gummisoldaten, Glasfläschchen, Plakaten, Streichholz-schachteln, Schulbüchern, Plastikpuppen. Alles, was vom sowjetischen Alltag übrig blieb. Manchmal stellt er Teile zu Installationen zusammen. Bekannt geworden ist Ilgisar Chasanow jedoch durch seine Malerei - er ist heute einer der bedeutendsten Künstler der Republik. Im Gespräch mit dem stern erklärte er, warum sich heute so viele Menschen in Russland nach der Sowjetunion zurücksehnen:

"Ich sammele alles Sowjetische, aber nicht aus einem Gefühl der Nostalgie. Es ist naiv zu denken: Wir wollen die zurück. In Wirklichkeit sehnen sich die Menschen nach ihrer Jugend. Ihnen kommt es heute so vor, als sei damals der Himmel blauer gewesen, der Rasen grüner. Sie vergessen, welche Probleme uns der Alltag damals gemacht hat.

Die Menschen kommen heute zu meiner Ausstellung und sehen meine Sammlung roter Dinge. Sie stammen alle aus der Sowjetunion, es sind rote Bücher, Stehaufmännchen, Telefone, Plastiktiere. Die Menschen sehen das, und denken, ich verspüre Sehnsucht. Sie verstehen nicht, warum alle Dinge damals rot waren, schon das . Von frühester Kindheit wurde der Mensch damals zur Flagge geführt. Wäre unsere Flagge damals grün gewesen, dann wären auch alle Dinge grün. So waren sie rot, wie die sowjetische Flagge. Selbst das Spielzeug.

Interaktive Karte - eine Reise entlang der Wolga: Sie können in die Karte hinein- und wieder herauszoomen. Klicken Sie auf die Punkte, um mehr zu sehen

Die Menschen werden auch durch die Dinge erzogen, die sie umgeben. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, die sowjetischen Dinge noch einmal in die Hand zu nehmen. Wenn du das Leben durch seine materielle Kultur betrachtest, siehst du die Minderwertigkeit dieser Gegenstände. Ihre Hässlichkeit formte unser Bewusstsein.

In der Sowjetunion musste man heucheln, Liebe zum Staat vorspielen. Ich mochte das nicht und habe mich deshalb vollständig vom Staat losgesagt. Ich war offiziell Hausmeister oder Wachmann. In meiner Freizeit habe ich gemalt. Viele haben das so gemacht. Eigentlich alle, die frei sein wollten. Sie machten einen , der ihnen nichts bedeutete und beschäftigten sich mit den Dingen, die sie liebten.

"Es war immer wichtig, einen Feind zu identifizieren und ihn zu vernichten"

1983 hatte ich endgültig verstanden, wo ich mich befand. Wir wollten eine Ausstellung organisieren, aber ein sowjetischer Funktionär, der in meinem Alter war, bekam Zweifel. Ich sah Stillleben auf meinen Bildern, er aber sah Flaschen, in denen Alkohol war. Ich malte damals oft Flaschen, weil sie eine ideale Form haben. Er sagte: So etwas dürfen wir doch nicht zeigen, das propagiert Alkohol! Ich sagte: Hier geht es doch nur um die Form, das ist Kunst. Die Ausstellung wurde verboten. Das Absurde kann in der Kunst lustig sein, aber im Leben ist es schrecklich. 

Ich habe in meiner Sammlung der sowjetischen Gegenstände ein Plakat, auf dem es um eine Insektenplage geht. Darauf steht: 'Die  Fliege ist unser Feind. Vernichten Sie Fliegen!' Das ist ein sehr praktisches und verständliches und typisches Plakat. Denn das Wort 'Fliege' kann man durch beliebige andere Worte ersetzen. Es war immer wichtig, einen Feind zu identifizieren und ihn zu vernichten. Bis heute ist es das.

In gab es in der späten Sowjetunion keine Underground-Kultur, keine heimlichen Treffen, keine Dissidenten-Szene. Dann kamen die 90er Jahre. Endlich konnten wir reden! Es war eine aufregende, verrückte Zeit. Kompliziert war es nur mit den Banditen. Der Staat gab allen Freiheit und Chancen, und die ersten, die davon Gebrauch machen, waren Banditen. Banditen und Künstler gehören ja zu den aktiven Gesellschaftsschichten. Sie sind die Pioniere alles Neuen.

Tamina-Florentine Zuch

Es gibt natürlich kompliziertere Dinge in der modernen Kunst als meine Installationen. Aber sie sind dennoch wichtig. Wir müssen mit unserer Vergangenheit aufräumen. Wir müssen wir selbst sein. Sonst sehen wir unter Europäern seltsam aus, mit dem ganzen absurden Zeug, das wir mit uns herumschleppen. Ich trage jetzt Archive zusammen. Viele Menschen haben ja noch ganze Koffer voll mit Zetteln, mit Formularen, Bescheinigungen, Attesten aus der Sowjetunion. Ich möchte eine Anthologie des sowjetischen Menschen erstellen.

Denn ich frage mich, warum wir immer noch nicht zur europäischen Zivilisation gehören wollen. Woher kommt diese Leidenschaft für Führer, die alles für alle entscheiden?

"Ich hoffe, dass Russland ein gutes Land wird, das nach klaren Regeln lebt"

Unsere heutigen Führer sind Menschen aus meinem Leben, meine Altersgenossen. Für die junge Generation ist es vielleicht seltsam, erwachsene Kerle zu sehen, die dauernd tricksen und betrügen. Für mich ist das Alltag. Ich bin fasziniert davon, dass wir immer noch in dieser Welt aus Manipulationen leben. Man redet über Kunst und Moderne, und unterdrückt sie gleichzeitig. Dabei geht das nicht. Man darf sie nicht regulieren. Sie ist eine Form unseres Ausdrucks. Sie zeigt die kranken Flecken auf.

Mir tun heute die fähigen Leute leid, die etwas tun und erreichen wollen, denn das ist in unserer Wirklichkeit sehr schwer. Es gibt keine sowjetischen Verbote mehr. Aber alles ist so kompliziert, die Hürden sind so hoch, dass viele an ihnen scheitern. Man braucht sehr viel Energie.

In Kasan haben wir ein Zentrum für moderne Kultur gegründet, es heißt 'Smena', also 'Abwechslung'. Dort gibt es Ausstellungen moderner Kunst, Kurse, eine Buchhandlung, Werkstätten. Das war so ein Projekt, das fast gescheitert ist. Dabei brauche nicht ich es, mein Sohn, der es leitet, braucht es nicht. Aber die Bürger dieser Stadt brauchen es, weil sich alles verändern muss.

Manchmal bin ich im Ausland, denn meine Tochter lebt in Rom. Ich kann dort aber nicht lange bleiben, denn ich bekomme Heimweh nach Kasan. Nach meinem Leben. Diese Stadt verändert sich schnell. Früher war sie ein Labyrinth aus grünen Höfen. Wir Kinder haben dort gespielt, sind umhergezogen, aber wir waren trotzdem Sklaven. Ich hoffe, dass ein gutes Land wird, das nach klaren Regeln lebt."

Der zehnte Teil unserer Reportage führt sie nach Nischnij Nowgorod.

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