HOME

Reise entlang der Wolga: Russland, das Schlaraffenland?

Kilometer 15, Kirowskij: Glaubt man den einheimischen Legenden, so könnte man meinen, der Kaviar sprudelt an den Ausläufen der Wolga wie aus einem Springbrunnen. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus.

Sechs Männer holen den zappelnden Fisch aus dem Becken, um den Beluga zu melken. Mit einer Pinzette öffnen die Züchter den Bauch des Fisches und massieren die Fischeier hinaus. 

Sechs Männer holen den zappelnden Fisch aus dem Becken, um den Beluga zu melken. Mit einer Pinzette öffnen die Züchter den Bauch des Fisches und massieren die Fischeier hinaus. 

Eine der ersten Geschichten, die wir an der Wolga hören, handelt von Hühnern, die schwarzen Kaviar fressen. Wir hören diese Geschichte mehrfach, in unterschiedlichen Versionen. Im Kern ist sie immer gleich. Früher, so die Legende, gab es im Wolga-Delta so viel Kaviar, dass die Dorfbewohner ihn irgendwann nicht mehr sehen konnten. Sie sehnten sich nach Wurstbroten oder Kohlsuppe, der Kaviar vergammelte, er landete im Futtertrog. Als sei Russland einmal ein Schlaraffenland gewesen, in dem die schwarze Luxusmarmelade permanent wie aus einem Springbrunnen sprudelte. Ein Teil der Geschichte ist trotzdem wahr. 

"Ich weiß jetzt nicht einmal, wann ich den letzten Kaviar gesehen habe", sagt Aschar, ein schmaler Mann, der am Feierabend Pantoffeln trägt. Er ist Chef auf einem Hausboot, einer Art selbst zusammen gezimmerter Fischer-WG. Ein bisschen sieht der Kahn aus, als hätte sich das Piratenschiff aus "Fluch der Karibik" an die Wolga verirrt. Acht Männer hausen hier in Stockbetten, der Boden ist schief, das Deck rostet. Am Abend gibt es Tee und Fischsuppe aus Wolgawasser. Jewgenij, der Koch, zieht es in Blecheimern an Bord. Auch in der winzigen Kombüse herrscht kein Luxus. Auf zwei Camping-Platten bereitet er für die gesamte Mannschaft das Essen zu. Das Klo ist im Schilf, das Bad auf der Reling.

Das Wolgadelta war immer einer der legendären Fischgründe des Landes, vielleicht sogar der Welt. 90 Prozent des schwarzen Kaviars stammen aus dem Kaspischen Meer, in dem hunderte verzweigte Wolga-Arme münden. Diese Kanäle waren die Laichplätze der Störe. Wie schwimmende Geldtransporter zogen Beluga, Sewruga- und Ossietra-Störe mit schwarzem Kaviar im Bauch an den Dörfern vorbei. "Wir angelten einen raus", sagen die Leute, "und lebten dann zwei Monate von dem Ertrag". Störe gibt es seit 250 Millionen Jahren auf der Erde, es sind Urzeit-Fische, sie überlebten die Dinosaurier. Doch vor ein paar Jahren blieben sie weg. 

Interaktive Karte - eine Reise entlang der Wolga: Sie können in die Karte hinein- und wieder herauszoomen. Klicken Sie auf die Punkte, um mehr zu sehen

 

Der Himmel glänzt rosa über dem Schilf, das Wasser ist so glatt wie ein Spiegel, wenn die Fischer am frühen Morgen ihre Boote losmachen. Im Labyrinth des Deltas ist die Wolga so seicht, dass die Männer in schmalen Kähnen durch das Wasser gleiten. Sie wuchten die Netze aus dem Fluss. "Höllenarbeit", sagen die Fischer. Außerdem verfangen sich in den letzten Jahren auch immer weniger Rotaugen, Welse und Hechte darin. 

Schon zu Sowjetzeiten machten die Industrieabwässer der Wolga vor allem dem Stör zu schaffen. Staudämme vernichteten die Laichplätze, versperrten alle Wege dorthin. Pestizide, Öl und Müll sammelten sich ausgerechnet an der Mündung, dort, wo die Männer aus den staatlichen Fischerei-Betrieben ihre Netze aus-warfen. 1980 verendeten massenhaft Fische nach einem Chemieunfall. 

Jetzt schlossen am Mittellauf des Flusses zwar viele der alten Fabriken, dafür pumpen Bohrtürme nun Öl aus dem Kaspischen Meer. Die Fischer finden selbst, dass es wie ein Witz klingt: Vielleicht macht auch das Öl sie arm. 

Um den Stör zu retten, setzten Wissenschaftler noch in der Sowjetunion eine Fangquote fest. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging auch das Kontrollsystem am Kaspischen Meer unter. Die armen Anrainerstaaten Russland, Aserbaidschan, Turkmenistan und Kasachstan plünderten und wilderten, was Netz und Haken hergaben. 

Stalin und Breschnew ließen so manchen Kaviarschieber hinrichten

Betrug und Wilderei gab es hier dabei schon immer: Die Sowjetführer Josef Stalin und Leonid Breschnew ließen manchen Kaviarschieber hinrichten. Die Kontrolle war strikt, und im Meer durfte seit 1962 kein Stör mehr gefischt werden, um die Jungtiere zu schonen. Denn erst im Alter von 18 Jahren gibt ein Beluga, der größte der Störe, zum ersten Mal Kaviar. 

Heute ist der Stör-Fang vollkommen untersagt. Quoten gibt es nicht mehr. Dabei waren die verarmten Fischer in den Dörfern weniger das Problem. "Eine wirkliche Bedrohung für den Stör ist die industrielle Wilderei", sagt der lokale Jurist Andrej Djagterjow, "und die schreckliche Korruption in den Kontrollbehörden". 

Schon in den neunziger Jahren zogen Wilderer aus Dagestan mit amerikanischen Satelliten-Navigationsgeräten los und brausten mit 250-PS-Motoren über die Wolga und das Kaspische Meer. Illegaler Kaviar wurde damals oft in Sandgruben auf Inseln zwischengelagert, in Kellerwerkstätten abgefüllt. In manchen Dosen fanden sich Sandkörner, Fingernägel oder ein Daumenabdruck auf den schwarz glänzenden Perlen. 

2800 Kilometer durch Russland: Das Leben auf dem Fluss
Am frühen Morgen beginnt die Mannschaft von Aschar mit ihrer Arbeit. Der Fischer-Kahn beherbergt acht Männer, die hier auf Stockbetten schlafen.

Am frühen Morgen beginnt die Mannschaft von Aschar mit ihrer Arbeit. Der Fischer-Kahn beherbergt acht Männer, die hier auf Stockbetten schlafen.

Die Wolga-Fischer aus dem Hausboot bringen ihren Fang am Mittag zu Amir, der die Fische für die Fabriken sammelt und in gefrorenem Wolgawasser kühlt. Amir ist ein mürrischer alter Herr, bis vor kurzem noch Zahnarzt in einem der Dörfer. Dann kürzten sie das Personal in der Poliklinik. Jetzt verdient er umgerechnet 150 Euro im Monat, etwa so viel wie alle hier, aber nicht nur deshalb sind eigentlich alle sauer auf die Regierung.  

Daran ist vor allem das Gefühl schuld, dass andere vom Fisch immer noch gut leben können. Durch das Delta kurvt immer noch eine ganze Armee von Aufsichtsbeamten: Fischpolizisten, Grenzschützer, Inspektoren. Korrupt seien sie, klagen die Fischer. Viele verlangten regelmäßig einen Abschlag: von den Fischfabriken, die Lizenzen an die Fischer vergeben, aber auch von den Fischern selbst. Sie machten auch Geschäfte mit den Wilderern auf dem Meer, wo trotz Fangverbot immer noch Störe ins Netz gehen. Im Delta redet jeder davon wie von einem offenen Geheimnis. Aber wer, sagen die Fischer, kann das schon beweisen. 

Korruption ist im Delta auch an anderen Stellen ein Problem. Für Stör-Nachwuchs sollen die staatlichen Aufzuchtbetriebe sorgen. Doch der Effekt ihrer Arbeit sei gering, klagen Kritiker, auch deshalb, weil die Statistik über die ausgesetzten Fische oft geschönt werde. "Auf dem Papier werden die Jungfische manchmal sogar von Schiffen ausgesetzt, die sich wegen ihrer Größe gar nicht in den Wolga-Armen bewegen können", sagt der Jurist Degterjow. Weniger als 0,1 Prozent aller Beluga-Störe erleben die Geschlechtsreife mit 18 Jahren. "In der Natur", sagt Olga Sabantschuk, "gibt es Belugas fast nicht mehr". 

Zwischen grauen Betontürmen schwimmt ein Vermögen

Sabantschuk, Chefin der Firma "Raskat“", zeigt die Fische trotzdem. Sie schwimmen in den Aufzuchtbecken ihrer Firma in der alten Wolga-Schleuse von Narimanow, einem kleinen Ort nördlich von Astrachan. Das Gelände ist umzäunt und von Kameras überwacht. Wachleute sind außerdem Tag und Nacht im Einsatz, als Bodyguards der teueren Störe. Zwischen den grauen Betontürmen der alten Industrieanlage schwimmt ein Vermögen. 

Das Unternehmen ist ein Familienbetrieb. Der Besitzer fing die Störe selbst, als es noch offizielle Fangquoten gab. Seine Schwiegereltern managen es. Stolz sind sie darauf, dass die Fische in Wolgawasser aufwachsen, ihrem natürlichen Lebensraum. Sechs Tonnen schwarzen Kaviar verkauft "Raskat" jedes Jahr. Die teuerste Sorte - ein Kilo vom Beluga - kostet mindestens 1500 Euro. Einmal im Jahr wird geerntet. "Wir melken den Fisch", sagt Sabantschuk. Die Methode erfand der Russe Sergej Poduschkin schon in den 80-er Jahren – damit die Störe wegen der Fischeier nicht mehr getötet werden müssen. 

2800 Kilometer durch Russland: Wie der Kaviar gemolken wird
Da der Stör- und Belugafang offiziell untersagt sind, werden die Fische in Fabriken entlang der Ausläufe der Wolga gezüchtet. Hier wird ein Beluga aus einem Becken der Firma "Raskat" gehievt. 

Da der Stör- und Belugafang offiziell untersagt sind, werden die Fische in Fabriken entlang der Ausläufe der Wolga gezüchtet. Hier wird ein Beluga aus einem Becken der Firma "Raskat" gehievt. 

Die Methode ist bei den kleineren Stören leicht. Wie am Fließband arbeiten die Züchter. Sie leiten mit einer Hormonspritze die Geburt ein, fischen die Stören nacheinander aus den Becken, lassen sie für wenige Minuten an Land. Auf einer Art Liege presst ihnen einer der Züchter den Rogen aus dem Leib. Die kostbaren Fischeier werden gekühlt, dann zur Verarbeitung nach Astrachan gebracht. 

Schwieriger wird es mit den Belugas, der größten Stör-Art. Bereits im Herbst untersuchen Veterinäre die Störe mit einem Ultraschallgerät. Anfang Mai herrscht bei "Raskat" eine Stimmung wie unter Verwandten, die sich ungeduldig vor dem Kreißsaal versammelt haben, um endlich das Baby zu begrüßen. Im Büro in der Schleuse gibt es Tee und Marmelade. Manchmal klettert Chef-Züchterin Natalja Kondratowadie die Leiter hinunter zu den Becken und überprüft, ob die Geburt beginnen kann. Schwimmen die ersten Perlen im Wasser, kann es losgehen.

2800 Kilometer durch Russland: Kaviar vom lebenden Stör

Sechs Männer hieven den zappelnden Beluga aus dem Becken, binden ihn mit Tüchern an der Liege fest. Keine leichte Arbeit: Der schwerste Fisch wiegt fast 200 Kilo. Vorsichtig weitet die Züchterin mit einer Pinzette die Öffnung im Bauch, ihr Mann Jurij massiert den Fischleib. Ein anderer Mitarbeiter fängt den Rogen in einer Schüssel auf. Ganz vorsichtig: Kommen die Perlen mit Wasser in Berührung, verdirbt die ganze Portion.

So stirbt der Beluga nicht aus. Doch um die Zucht auch langfristig zu erhalten, reicht das nicht. "Wir brauchen langfristig neue Fische aus anderen Familien, neue Gene", erklärt die Züchterin. "Gibt es keine Fische in der Wildnis mehr, überleben auch die Kulturen nicht lange."  

 Lesen Sie im zweiten Teil der Reportage, warum eine ganze Altstadt am besten niederbrennen soll.

Prolog / Teil 1 /  Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 /

Themen in diesem Artikel
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.