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Reise durch das WM-Land: Als die Deutschen Flüchtlinge waren und sich nach Russland retteten

Teil 5 unserer Russland-Serie. Der 920. Kilometer der Wolga, Marx. Kriminelle, geflohene Sträflinge, Abenteurer: Im 18. Jahrhundert rollten regelrechte Flüchtlingswellen aus Deutschland an die Wolga, einem wechselhaften Schicksal entgegen - bis heute.

Zwischen 1924-1945 gab es in Russland die autonome Wolgadeutsche Republik.

Hunderttausende Deutsche immigrierten im 18 Jahrhundert nach Russland. Zwischen 1924-1945 bekam ihr Siedlungsgebiet sogar den Status der autonomen Wolgadeutschen Republik. Hier feiern die Wolgadeutschen von Samara und Saratow den 10. Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917. 

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Irgendwann zog auch Zürich an die . Das Dorf lag erst an einem Flüsschen. Doch der stank. Außerdem wuchs nichts in den Gärten. So siedelten die Bewohner im 18. Jahrhundert noch einmal um, ganz in die Nähe von Katherinenstadt, das heute, nach der fünften Umbenennung, Marx heißt.

Warum das Wolga-Nest damals Zürich genannt wurde, ist nicht überliefert. Die meisten Bewohner stammten aus Hessen und Rheinland-Pfalz. Vielleicht träumten sie nur davon, in der Fremde einen Ort zu schaffen, so märchenhaft schön wie die Stadt in der Schweiz. Der Nachbarort von Zürich an der Wolga hieß damals Basel.

Im 18. Jahrhundert rollten regelrechte aus Westeuropa an die Wolga. Einige, besonders die Mennoniten, wollten in der Fremde ihre Religionen frei ausüben. Die meisten jedoch flohen vor der Armut. Manche deutsche Kleinstaaten verhängten sogar Auswanderungsverbote und drohten den Werbern mit der Todesstrafe, weil so viele Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Westen in den Osten drängten, unter ihnen auch Kriminelle, geflohene Sträflinge, gescheiterte Kaufleute, Abenteurer. Die russischen Behörden waren vom Andrang völlig überfordert.

Der Wille zur Integration war bei den Neurussen mit deutschem Migrationshintergrund nur wenig ausgeprägt. Die Einwanderer sprachen deutsch, bauten protestantische Kirchen, pflanzten Kartoffeln und bestickten Geschirrtücher mit deutschen Sinnsprüchen wie "Arbeit ist des Lebens Zierde". Ihre Orte nannten sie Mariental und Lilienfeld und Unterwalden, als lebten sie immer noch in oder im Schwarzwald. Sie bauten Windmühlen, brauten Bier. Mehr als hundert deutsche Dörfer entstanden so an der Wolga, und den Untergang der russischen Zivilisation fürchtete trotz des Massenandrangs der arbeitswütigen Protestanten damals niemand.

Interaktive Karte - eine Reise entlang der Wolga: Sie können in die Karte hinein- und wieder herauszoomen. Klicken Sie auf die Punkte, um mehr zu sehen

Im Gegenteil: Die russische Regierung hielt eisern an ihrer Willkommenskultur fest. Während russische Bauern noch Leibeigene waren, bekamen  die deutschen Siedler Land umsonst, brauchten keinen Kriegsdienst zu leisten und zahlten keine Steuern. Die Geschichte der Russlanddeutschen war länger als ein Jahrhundert lang die Geschichte eines glänzenden gesellschaftlichen Aufstiegs. Sogar in den frühen Sowjetjahren erkämpften sie sich einen Sonderstatus: Sie lebten in der "Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen".

Erst später, unter Stalin, wurde eine Leidensgeschichte daraus. Stalin lokalisierte nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 ein Heer von feindlichen Spitzeln unter den Deutschen. Das war zwar erfunden, aber er ließ dennoch alle Russlanddeutschen nach Sibirien und Kasachstan deportieren, wo Tausende starben.

Das Zürich in Russland gibt es immer noch

Zürich gibt es immer noch, nur heißt das Dorf jetzt Sorkino. Er ist heute der Ort eines Wunders. Vielleicht auch einfach nur des  Wahnsinns, des Absurden, das vermutete die "Moskauer Deutsche Zeitung". Aber das stimmt so nicht.

Wladimir Rоdikow fährt uns hin, er ist Pfarrer in der protestantischen Gemeinde von Marx. Auch Rоdikow ist Deutscher, er stammt aus Sibirien und erinnert sich noch, wie andere Kinder früher "Faschisten" hinter ihnen herriefen. Später studierte Rodikow evangelische Theologie in Berlin. Das protestantische Gemeindeleben von Marx ist recht übersichtlich, denn besonders viele Deutsche gibt es an der Wolga nicht mehr. Insgesamt sind etwa 12.000 Deutsche in das Gebiet um Saratow zurückgekehrt. Zu seinen Gottesdiensten am Sonntag kommen etwa zwanzig. Weil er als Pfarrer umgerechnet nur hundert Euro verdient, unterrichtet er nebenbei noch an einer Schule.

"Die Menschen in der Verbannung träumten von der Wolga", sagt Rоdikow.  In ihrer Erinnerung war der Himmel blauer, schien die Sonne heller. Sogar manche Enkel träumten von dem schönen Land am Fluss, dabei kannten sie es eigentlich gar nicht.

Russland: Eine neue Kirche für das ehemalige Zürich
Wladimir Rodikow ist der Pfarrer in der protestantischen Gemeinde von Marx. 

Wladimir Rodikow ist der Pfarrer in der protestantischen Gemeinde von Marx. 

"Lieber Aids als eine deutsche Republik"

Als die Russlanddeutschen endlich in ihre Heimat zurückkehren durften, stellte sich heraus, dass an der Wolga niemand auf sie wartete. In Sorkino, Marx und all den anderen Orten lebten jetzt Russen, und die fürchteten sich vor den Rückkehrern. Gegen eine neue Wolgarepublik zogen sie sogar auf die Straße. Manche trugen Schilder; "Lieber Aids als eine deutsche Republik" stand darauf. Präsident Boris Jelzin schlug damals vor, die Deutschen könnten doch auf das Raketentestgelände von Kapustin Jar ziehen. Abgeschreckt von so viel Feindseligkeit wanderten die meisten Deutschen gleich weiter in das Land ihrer Vorfahren. Vielleicht versprachen sie sich auch einfach nur ein sorgloses Leben. Allein von 1990 bis 2001 kamen 1,8 Millionen Russlanddeutsche in die Bundesrepublik.

Die Deutschen an der Wolga sind bis heute überzeugt davon, dass viel mehr Menschen in Russland geblieben wären, hätte es damals eine autonome Republik gegeben. "Wir wissen ja, dass wir auch anders sind als die Deutschen in Deutschland", sagt Elena Gejdt, Vorsitzende der Russlanddeutschen in Marx. Natürlich gebe es viele Probleme in Russland. "Aber in Deutschland gibt es auch Probleme", sagt sie. "Nur eben andere". Die alten Gebäude der deutschen Siedlungen verfielen, die protestantische Kirche in Marx hätten die Behörden am liebsten wieder in einen Club verwandelt. Sie wird heute langsam restauriert.

Deutschunterricht, für diejenigen, die immer noch aus Russland nach Deutschland auswandern wollen.

Deutschunterricht, für diejenigen, die immer noch aus Russland nach Deutschland auswandern wollen.

Nur in Sorkino war alles anders. Ein russlanddeutscher Bauunternehmer machte sich dort 2011 auf Spurensuche, denn sein Vater war gerade gestorben. Das Haus seiner Familie fand er nicht. Dafür sah Karl Karlowitsch Loor die Ruinen der alten Kirche.

In die Kirche von Zürich war 1871 ein Blitz geschlagen, sie brannte völlig aus. Die Dorfbewohner sammelten Geld und ließen schon wenige Jahre später eine neue errichten, noch schöner und größer als die alte. Die Pläne stammten von einem Architekten aus Berlin. Es war ein ehrgeiziges Projekt: 900 Menschen hatten in ihr Platz, der Glockenturm maß 48 Meter. "Ich konnte nicht glauben", sagt Loor, der Bauunternehmer, "dass die Bauern in diesem Dorf ein solches Bauwerk geschaffen hatten." Zu Sowjetzeiten landeten die Glocken beim Altmetall und aus der Kirche wurde ein Dorfclub, aber ein paar Mauern hatten dem Chaos standgehalten. Loor beschloss, die Kirche nach den alten Originalplänen wieder aufzubauen.

Die neue alte Kirche von Sorkino ist heute schon von Weitem zu sehen, sie überragt die alten Häuschen im Dorf und sieht ein bisschen fremd aus, so als sei sie hier gelandet. Pfarrer Rodikow öffnet die Tür: Innen duftet es nach frischem Holz, der Boden ist aus Granit. Im Altarraum steht eine Orgel. In Innsbruck bestellte Loor eine gusseiserne Glocke und eine Kirchturmuhr. "Jesus Christus heute gestern und derselbe auch in Ewigkeit", steht auf deutsch über dem Altar.

Rudikow hält jeden Sonntag Gottesdienst in dieser Kirche. Viele kommen nicht. Die Kirche hat fast tausend Plätze, aber im Dorf wohnen nur etwa 700 Menschen. Protestanten gibt es hier nicht mehr. 

Aber darum geht es Loor nicht.

Russlanddeutsche seien überall fremd, heißt es immer: Weil sie in Russland für alle die Deutschen sind und in Deutschland die Russen. Aber das stimmt gar nicht mehr. In Russland sind sie heute Russen mit einem deutschen Familiennamen. Und viele junge Russlanddeutsche in Deutschland leben inzwischen wie Deutsche, die noch sehr gut russisch sprechen.

Die Kirche erinnert daran, dass es einmal anders war. Sie erzählt vom Stolz der Wolgadeutschen, ihrer Arbeitswut, ihrem Reichtum. Und auch davon, wie sehr sie dieses Land liebten, das ihnen längst Heimat geworden war.

Aus den Fenstern der Kirche ist aus der Ferne sogar die Wolga zu sehen.

 Lesen Sie im sechsten Teil der Reportage, wie sich in Toljatti eine HIV-Epidemie ausbreitet, während die Behörden gegen Kondome wettern.

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