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Reise durchs Gastgeberland: Kamele statt Bären – über eine Region, in der Russland scheinbar Kopf steht

Teil 3 unserer Russland-Serie, 245. Kilometer der Wolga, Kalmückien. Hier ist alles anders. Statt Bären gibt es Kamele, statt der kalten Tundra die sonnenverbrannte Steppe und statt in Eislöchern badenden orthodoxen Russen buddhistische Kalmücken. 


Russland: Kamele sind in Kalmückien unverzichtba

Russland: Kamele sind in Kalmückien unverzichtbar: Sie dienen als Fleischvorrat, werden als Lasttiere benutzt. Aber Galoppieren können sie auch.

Wir fahren nach Bergin. "Leicht zu merken", sagt der Verwaltungsbeamte, der uns eingeladen hat. "Fast wie Ihre Hauptstadt!" In das Dorf führt nur eine einzige Schotterpiste, aber wir fragen uns trotzdem, ob wir hier richtig sind. Eine Stunde lang sehen wir nur Gras. Leere Steppe, in die ab und zu jemand einen Strommasten gespickt hat. 

Kalmückien ist so groß wie Österreich, eine russische Teilrepublik, die vor allem durch ihr langjähriges Oberhaupt bekannt wurde. Multimillionär Kirsan Iljumschinow fuhr in einem Lincoln oder Rolls-Royce durch die Steppe, ließ eine Schach-Stadt errichten, führte Schachunterricht in allen kalmückischen Schulen ein und wurde dann Präsident des Schach-Weltverbandes Fide. Einmal entführten ihn gelbe Außerirdische, behauptete er, und flogen ihn in ihrem Raumschiff ins All. Zuletzt landete er wegen seiner Geschäfte mit Syrien auf der US-Sanktionsliste. "Ein interessanter Mann", folgert ein Kalmücke. "Es ist gut, dass die Welt unser Land kennt. Ich bedauere aber, dass es hier kaum Arbeit gibt."

In Bergin wirbelt der Wind Sand zwischen den Häusern auf, dünnes Vieh trottet herum. Am Straßenrand stehen Wasserpumpen. Die ehemalige Sowchose gilt als eine Art Musterbetrieb, schon allein deshalb, weil sie noch existiert. Probleme gibt es aber auch hier: Die Trockenheit, der Weidegrund, der noch zu Sowjetzeiten durch massenhafte Viehzucht und Gemüseanbau kaputt gewirtschaftet wurde. Sowjetische Agronome pflanzten sogar in der Halbwüste Mais und Weizen an.

Viele Landwirtschaftsunternehmen in Kalmückien meldeten längst bankrott an, dabei ist die Viehzucht der erfolgreichste Wirtschaftszweig der bitterarmen Republik. Kaum eine andere Gegend in Russland ist so arm: In der Einkommensstatistik nimmt die Region den achtzigsten von 82 Plätzen ein. Nicht einmal in der Hauptstadt Elista ist die Wasserversorgung gesichert. In einer Bürgerfragestunde klagten Eltern im vergangenen Jahr, sie hätten ihrem Kind sogar die Schulbank selbst kaufen müssen.

Interaktive Karte - eine Reise entlang der Wolga: Sie können in die Karte hinein- und wieder herauszoomen. Klicken Sie auf die Punkte, um mehr zu sehen

Korruption und Skandale machen das Leben noch schwerer. Der Bau einer Fleischfabrik zieht sich seit Jahren hin, er wurde jetzt gestoppt. Im vergangenen Jahr erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den ehemaligen Vize-Premier: Er hatte 400 Landwirtschaftsbetriebe genötigt, einen Teil der staatlichen Subventionen an eine andere Firma zu überweisen. Danach versackte das Geld. Auch der ehemalige Landwirtschaftsminister wurde im Laufe der Ermittlungen verhaftet.   

Auf Kamelen durch Russlands Steppe

Die drei Kameltreiber des Berginer Betriebs leben in einem Häuschen mitten im Nirgendwo, tief in der Steppe. Zwei Zimmer gibt es für alle. Einer der Hirten hat gerade geheiratet. In der Küche kocht seine junge Frau auf einem Ofen, den sie mit Holzscheiten anheizt. Es gibt Hammelfleisch. Aus dem Fenster sehen wir die Kamele über das Gras herantreiben. 

Die Tiere sind eigentlich Fleischvorrat, werden als Lasttiere verkauft, aber Galoppieren können sie auch. Die Hirten trainieren jetzt oft für das Kamelrennen, das bald in Bergin stattfinden soll, denn es gibt ein Motorrad, eine Klimaanlage und eine Mikrowelle zu gewinnen. Der Wind treibt Wolkentürme über die Steppe, während Borka und Mascha, die Lieblingskamele der Hirten, über das Grasland rasen. Wir rumpeln über den Schotterweg zur Wolga zurück. 

Reise durch Russland: Wenn Kamele galoppieren
Russland: Kamele sind in Kalmückien unverzichtba

Russland: Kamele sind in Kalmückien unverzichtbar: Sie dienen als Fleischvorrat, werden als Lasttiere benutzt. Aber Galoppieren können sie auch.

In der kalmückischen Kreisstadt Zagan-Aman, die eigentlich ein Dorf ist, empfangen uns zehn Jungarmisten in der größten Schule des Ortes. Die Jugendorganisation "Junarmija" ist eine Erfindung von Kreml-Ideologen, um den patriotischen Geist der Jugend zu stärken. Seit der Gründung im Sommer 2016 haben sich landesweit 230.000 Jugendliche angemeldet. Die Teenager in Kalmückien tragen eine beige Uniform, die ein bisschen an Pfadfinder erinnert, und haben sogar Pokale mitgebracht. 

"Natürlich sind wir Patrioten unserer Heimat", sagen alle. Sie führen ein paar militärische Übungen vor, marschieren durch die Turnhalle und bauen ein Kalaschnikow-Modell zusammen. Fast alle wünschen sich später einen Job beim Staat, denn nur die sind sicher und gut bezahlt. Einige Jungen wollen zur Armee. Ein Mädchen möchte Gerichtsvollzieherin werden. 

Erfindung von Kreml-Ideologen: Die Jungarmisten von Kalmückien
Die Jugendorganisation "Junarmija" Iín der kalmückischen Kreisstadt Zagan-Aman ist in der Region sehr beliebt. Seit der Gründung im Sommer 2016 haben sich landesweit 230.000 Jugendliche angemeldet.

Die Jugendorganisation "Junarmija" Iín der kalmückischen Kreisstadt Zagan-Aman ist in der Region sehr beliebt. Seit der Gründung im Sommer 2016 haben sich landesweit 230.000 Jugendliche angemeldet.

"Das Leben ist hier nicht einfach", erklärt Baldschinima, der Lama, ein freundlicher Mann, der gerne laut lacht. In Zagan-Aman lebt er in einer kleinen Bauernkate, deren Wände Porträts des tibetischen Dalai Lamas schmücken. Aus dem Garten seines buddhistischen Tempels ist die Wolga fast zu sehen: Breit und träge fließt sie durch die Ödnis. 

Bereits sein Großvater war ein Lama – die Kalmücken, ein mongolisches Volk, sind traditionell Buddhisten. In der Sowjetunion wurde der Glaube verboten, und den Großvater holte Stalins Geheimdienst NKWD ab. Zehn Jahre lang litt er im Gulag. 1944 verbannte Stalin alle Kalmücken aus ihrer Heimat, die Hälfte des kalmückischen Volkes starb damals. Als die Überlebenden nach Stalins Tod in ihre Heimat zurückkehren durften, waren ihre Häuser bewohnt und die Viehherden gehörten anderen. "Die Kalmücken", sagt der Lama, "haben immer gelitten". 

Baldschinima, der Lama von Zagan-Aman bittet bei einer Zeremonie am Ufer der Wolga die Geister des Flusses um Hilfe, um Zufriedenheit und auch um Verzeihung für alles, was die Menschen dem Wasser antun.

Baldschinima, der Lama von Zagan-Aman bittet bei einer Zeremonie am Ufer der Wolga die Geister des Flusses um Hilfe, um Zufriedenheit und auch um Verzeihung für alles, was die Menschen dem Wasser antun.

Einmal im Jahr versammelt er seine Gemeinde nicht im Tempel, sondern am Wolga-Ufer. Er bläst in eine Muschel und bittet die Geister des Flusses um Hilfe, um Zufriedenheit und auch um Verzeihung für alles, was die Menschen dem Wasser antun. Das Ritual sei ein bisschen schamanistisch, gesteht der Lama. "Aber die meisten Menschen sind hier ja nicht gläubig, sondern abergläubisch". Halt und Hilfe und Rat bräuchten sie. Er segnet die Speisen, entzündet ein Feuer, und schon bald schaukelt eine Kiste mit Bananen, Orangen und Keksen über die Wellen, ein Geschenk aus dem Tempel an den Fluss.  

Lesen Sie im vierten Teil der Reportage, wie Stalingrad wieder für einen Tag zum Leben aufersteht. 

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Tamina-Florentine Zuch
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