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Reise durch das WM-Land: Wo das russische Silicon Valley aus dem Boden gestampft wird

Teil 8 unserer Russland-Serie: 1700. Kilometer der Wolga, Innopolis. Die ganze Stadt sieht so modern aus, dass man meinen könnte, ein Spaceshuttle habe sie an die Wolga gebracht. Kein Wunder, soll Innopolis doch zum russischen Silicon Valley werden.

Russland: Studenten lungern auf den Fluren des Fitness-Zentrums von Innopolis herum. 

Russland: Studenten lungern auf den Fluren des Fitness-Zentrums von Innopolis herum. Ihre Laptops sind so manchen von ihnen doch lieber als Hanteln.

Auf einmal fühlen wir uns wie auf einer Reise in die Zukunft. Wie auf Zeitreise. Dabei fahren wir nur aus Kasan, der Hauptstadt Tatarstans, eine Stunde in den Norden. Russland baut hier eine neue Stadt, zum ersten Mal seit Ende der Sowjetunion. In jeder Beziehung ist Innopolis der jüngste Ort des Landes: Das Durchschnittsalter der 3000 Einwohner liegt bei gerade einmal 28 Jahren. Rentner gibt es hier nicht.

So modern sieht das Städtchen aus, dass man meinen könnte, ein Spaceshuttle habe es hergebracht. Alles ist hell und weit und licht, die Silhouetten der Bauten zeichnen sanfte Linien. Zu manchen Wohnungen gibt es nicht einmal einen Schlüssel, die Bewohner öffnen sie mit dem Scan ihres Fingers. Der Bürgermeister kommuniziert per Chat mit seinen Bewohnern. Studenten durchschreiten in Pantoffeln die beheizten Glastunnel vom Wohnheim zur Uni. Der Hausmeisterservice spricht drei Sprachen. Innopolis soll einmal High-Tech-Zentrum des Landes werden, eine Art russischer Version des Silicon Valleys.

Bei der Stadtplanung schaue man allerdings eher auf Asien als auf die USA, erklärten die Verantwortlichen: Davon zeugt auch die Wahl des Architekten. Liu Thai Ker verantwortete in den 80-er Jahren bereits die Umgestaltung Singapurs, bevor er das russische Vorzeigestädtchen auf dem Reißbrett entwarf. Das Motto der Stadt lautet: "Die Zukunft ist bereits da."

Interaktive Karte - eine Reise entlang der Wolga: Sie können in die Karte hinein- und wieder herauszoomen. Klicken Sie auf die Punkte, um mehr zu sehen

Neue IT-Hochburg für Russland

Die Idee zur neuen IT-Hochburg kam dem jungen Kommunikationsminister, der aus Tatarstan stammt, und dem Tatarstans Chef während eines Treffens mit dem technikaffinen Premierminister Dmitrij Medwedew. IT-Firmen sollen sich ansiedeln, die schicken Wohnungen sind ausschließlich für ihre Mitarbeiter reserviert. So wollte man verhindern, dass sich russische Fachleute ins Ausland absetzen. Der russische Staat steckte bis 2015 alleine 15 Milliarden Rubel alleine in die Entwicklung der Infrastruktur. 20 Milliarden Rubel finanzierte Tatarstan, das durch Ölförderung reich wurde, aus seinem föderalen Budget.

Der Bau ging schnell voran. Erst 2012 vergrub Medwedew eine Kapsel mit einer Botschaft an die Nachwelt unter den ersten Steinen. 2015 erhielt Innopolis bereits den Status einer Stadt: In nur drei Jahren entstanden die erste IT-Universität des Landes, eine Schule, ein IT-Gymnasium, ein Kindergarten, das Fitness-Zentrum und eine Poliklinik. Bis 2035 sollen in Innopolis 150.000 Menschen leben und arbeiten, so der Plan, die Hälfte davon IT-Spezialisten. Alle Studenten verpflichten sich, nach ihrem Abschluss eine Zeit lang in Innopolis zu bleiben. 

Bislang gleicht die Musterstadt in weiten Teilen noch einer Baustelle. Wer herkommt, sieht Kräne über Glasfassaden und zu Baugruben aufgeworfenes Land. Außerdem: Leere. Innopolis wirke noch ein wenig wie einer der Fantasy-Filme, in dem auf einmal alle Menschen  von der Erdoberfläche verschwanden, schrieb ein russischer Reporter: "Kommt dir ein Passant oder ein Auto entgegen, hast Du Glück." Nach zehn Minuten Spaziergang befinde man sich bereits in der Wildnis. Manchen Besucher erinnert Innopolis gar an die geschlossenen Städte der Sowjetunion, in denen Wissenschaftler abgeschieden von der Welt an ihren Ideen tüftelten. 

Russland: Das "Silicon Valley" an der Wolga
40 Kilometer von der Millionen-Metropole Kasan entfernt entsteht eine neue Stadt, die der Kreml zum russischen Silicon Valley machen will. Innopolis heißt die neue Stadt, die erste, die seit den Zeiten der Sowjetunion praktisch aus dem Boden gestampft wird. 

40 Kilometer von der Millionen-Metropole Kasan entfernt entsteht eine neue Stadt, die der Kreml zum russischen Silicon Valley machen will. Innopolis heißt die neue Stadt, die erste, die seit den Zeiten der Sowjetunion praktisch aus dem Boden gestampft wird. 


Immerhin gibt es nun einen Supermarkt, sogar ein Restaurant und eine Bar. Ansonsten lädt das riesige Fitness-Zentrum zur politisch korrekten Freizeitgestaltung. Für Studenten ist Sport sogar Pflicht. Manche umgehen es allerdings, in dem sie sich mit ihren Chip-Karten einloggen und dann mit dem PC auf den Knien in den Fluren herumlungern.

Firmen sind noch nicht genug da, und die meisten gehören dem Staat. Dabei winken deutliche Steuervorteile: Wer seinen Unternehmenssitz in die Stadt verlagert, ist Teil einer Sonderwirtschaftszone. Auch Ausländer lassen sich bislang auf sich warten. Für die Wohnungen gibt es inzwischen jedoch Wartelisten.Auch den Teletschejews kam Innopolis anfangs wie eine leere Stadt in der Wüste vor, steril und kahl. Kein Wunder: Sie stammen aus Krasnojarsk, einer Millionenmetropole in Sibirien. Michail Teletschejew ist Informatiklehrer, den Umzug gewann er bei einer Lotterie. Seine Frau Irina musste er ein wenig dazu überreden, aus der Heimat in die Reißbrett-Stadt zu ziehen.  

Tamina-Florentine Zuch

Als sie im Herbst in Innopolis ankamen, fegte kalter Wind durch die nackten Häuserschluchten. "Und wo sind hier die Menschen?", fragte sich Irina und fühlte sich ziemlich verlassen. Jetzt gefällt es ihnen doch. Im Kindergarten der Tochter gibt es ein Schwimmbad und Englischkurse. Das IT-Gymnasium, an dem Michail unterrichtet, ist so begehrt, dass sich acht Kinder auf einen Platz bewerben. Alle Kollegen sind jung.

Die Teletschejews kennen inzwischen alle Nachbarn, und wenn sie zur Arbeit laufen, treffen sie überall Bekannte. Im Hof spielen die Kinder mit ihren Freunden auf dem Spielplatz, selten fährt ein Auto vorbei. Das Leben fühlt sich also ein bisschen wie im Dorf an, nur mit WiFi, Crosstrainer und WhatsApp-Gruppe. Krasnojarsk, ihre Heimatstadt, kam ihnen beim letzten Besuch unaufgeräumt, dreckig und alt vor. Aus Innopolis wollen sie jedenfalls nie wieder weg. 

 Der achte Teil unserer Reportage führt Sie in die Millionenmetropole Kasan. 

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