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Reise durchs Gastgeberland: Von einer Stadt, die brennen soll

Teil 2 unserer Russland-Serie: 75. Kilometer der Wolga, Astrachan. Golden glänzen die Kuppeln des Kremls, marmorweiß schimmert die neue Oper. Doch die Altstadt direkt daneben soll so schnell wie möglich verfallen – oder niederbrennen.

Das Haus von Lidija Krasnoschokowa verfault. Kein Einzelfall in Russland.

Einst war das Haus von Lidija Krasnoschokowa ein hübscher Altbau aus roten und weißen Ziegeln. Doch nun verfault es - wie die gesamte Altstadt von Astrachan. Kein Einzelfall in Russland. 

Als die Außenwand ihres Wohnhauses zusammenbrach, lag Lidija Krasnoschokowa schon im Bett. Am ersten Mai war das, dem Tag der Arbeit. Erst hörte sie ein leises Knirschen. Dann polterte es. Irgendjemand schrie. "Ich dachte, jetzt passiert es", sagt Lidija. "Ich dachte, jetzt ist das Leben vorbei."

Sie eilte nach draußen, so gut das eben noch geht mit ihren 84 Jahren. Draußen standen schon die Nachbarn, auf dem Gehweg türmten sich Steine, als habe jemand mit einer Abrissbirne gegen die Mauern geschlagen. Darunter war nur noch die dünne Holzwand zu sehen. Dann kam die Polizei. "Sie können hier nicht bleiben", erklärten die Beamten. "Zu gefährlich." Sie schrieben ein Protokoll, dann rückten sie wieder ab.  

Lidija war nicht klar, ob das Haus nun stehen bleiben oder doch in sich zusammen brechen würde und wartete zur Sicherheit noch eine Weile im Hof ab. "Dann habe ich mich wieder hingelegt", sagt sie. An solche Erschütterungen ist sie längst gewöhnt: Seit Jahren löst sich dieses Wohnhaus auf. Und Lidija lebt seit Jahren im Zerfall, auf morschen Dielen, hinter feuchten Wänden, mit Rissen in den Mauern und aufgeschlagenen Fenstern. In ihren zwei Zimmern hält sie Ordnung, aber hinter den Teppichen an der Wand wächst Schimmel, im Schrank modern in der feuchten Luft ihre Kleider. "Wenn ich etwas anziehen will", sagt sie, "muss ich es vorher trocknen". An der Decke klafft ein Loch.  

Interaktive Karte - eine Reise entlang der Wolga: Sie können in die Karte hinein- und wieder herauszoomen. Klicken Sie auf die Punkte, um mehr zu sehen



Die Heimatstadt von Lidija Krasnoschokowa Astrachan ist eigentlich eine schöne Stadt, gelegen nur wenige Kilometer von der Fluss-Mündung entfernt. Iwan der Schreckliche ließ die Handelsmetropole im 16. Jahrhundert auf einer Anhöhe an der Wolga errichten. Im Zentrum glänzen bis heute die goldenen Kuppeln des Kremls. Rundherum ließen sich wohlhabende Kaufleute nieder, die mit Seide und Salz handelten. Durch die alten Viertel fließen unter den Schatten der Bäume die Kanäle der Wolga. Hinter der Stadt beginnt die Steppe. Bis nach Kasachstan sind es nur wenige Kilometer. 

Wie überall in Russland wurden viele Altbauten in der Stadt aus Holz errichtet. Ziegel und Steine waren mitten in der kargen Steppenlandschaft früher kaum zu bekommen, die Baumstämme aber wurden auf der Wolga als Flösse flussabwärts getrieben. Das Haus, in dem die alte Lidija im Zentrum von Astrachan lebt, stammt aus dem Jahre 1870. Es ist ein hübscher Altbau aus roten und weißen Ziegeln mit kleinen Erkern an der Außenwand und hohen Decken. Ursprünglich gab es auch einmal Balkone, die inzwischen jedoch längst aus den Mauern herausgebrochen sind. 

Denn richtig saniert wurde das Haus offenbar nie. Nicht einmal eine Wasserleistung gibt es. Bis vor ein paar Jahren funktionierten wenigstens noch die Plumpsklos im Hof. Doch seit sich der Boden des ersten Stockwerks über den Klos löst und Teile davon herunterhängen, wurden die Toiletten offiziell versiegelt und abgesperrt. "Lebensgefahr" steht auf dem Schild an der Holztür. 

"Wir haben sie sowieso kaum benutzt", sagt Lidija. Wie ihre Nachbarn hat sie Blecheimer zuhause, den Inhalt schütten alle in die Jauchegrube, die wenige Meter vor Lidijas Haustür im Staub klafft. Etwas weiter ragt ein einziger Wasserhahn aus dem Hof. Wegen dieses Krans liegt sie seit ein paar Monaten mit den Nachbarinnen im Streit. "Die Frauen waschen ihre Toiletteneimer unter unserem Trinkwasser aus", schimpft Lidija. Überall im Hof stinkt es nach Pisse.  

2800 Kilometer durch Russland: Wenn eine Altstadt verfault
Das neue Opernhaus ist der ganze Stolz der Stadt Astrachan. Der weißer Protzbau mit grünen Dächern und 1200 Plätzen ist sogar größer als das Bolschoi Theater in Moskau. Doch die Altstadt direkt daneben sieht aus, als ob der Zweite Weltkrieg nur wenige Tage zurückliegt.

Das neue Opernhaus ist der ganze Stolz der Stadt Astrachan. Der weißer Protzbau mit grünen Dächern und 1200 Plätzen ist sogar größer als das Bolschoi Theater in Moskau. Doch die Altstadt direkt daneben sieht aus, als ob der Zweite Weltkrieg nur wenige Tage zurückliegt.

Im Zentrum von Astrachan wirken manche Straßenzüge, als habe die Stadt gerade einen Krieg überstanden. Schiefe Holzhütten, Abbruchbuden und Ruinen reihen sich aneinander, einige sind halb im Sumpf versunken. Balkone hängen herab, werden nur notdürftig abgestützt und sehen aus, als könnten sie jeden Moment aus den Fassaden auf Passanten fallen. 

Kein Einzelfall in Russland

Einige Häuser sind verkohlt, jeden Monat brennt im alten Zentrum mindestens eine der alten Hütten. Das Phänomen ist in ganz Russland bekannt: Zuletzt geriet der WM-Austragungsort Rostow am Don in die Schlagzeilen, da mehrere Feuer im vergangenen Sommer Dutzende Altbauten vernichteten. Bewohner hatten zuvor berichtet, dass man ihnen die Häuser abkaufen wollte, sie aber mit dem Preis nicht einverstanden waren. Auf den Grundstücken sollten Neubauten entstehen. Auch der Denkmalschutz und Bauvorschriften verhindern oft einen Abriss - ein Brand kommt dann gerade recht. 

Die Stadtverwaltung weiß von den einstürzenden Altbauten. Nach einer Studie dänischer Experten, erstellt im vergangenen Herbst im Auftrag der Stadtverwaltung, müssen 70 Prozent aller Mehrfamilienhäuser in Astrachan grundlegend saniert werden - insgesamt 5198. Knapp sechs Prozent aller Häuser seien so morsch und kaputt, dass man in ihnen aus Sicherheitsgründen nicht mehr leben könne, stellten die Dänen fest.  

"Als ich noch Fernsehen gucken konnte, habe ich einmal Putin in den Nachrichten gesehen"

Neben den Abbruchbuden erstrahlen abends die Symbole der neuen Stadt: Türme aus Spiegelglas, Verwaltungsgebäude und das neue Opernhaus, ein weißer Protzbau mit 1200 Plätzen, größer als das Bolschoi Theater in Moskau. Erst 2011 wurde das Theater in einem ehemaligen Park eröffnet, direkt neben Schutthalden und Altbauten. Vier Jahre lang dauerte der Bau, er kostete so viel wie die Stadt sonst im Jahr ausgibt. 

"Als ich noch Fernsehen gucken konnte, habe ich einmal Wladimir Putin in den Nachrichten gesehen", sagt Lidija Krasnoschokowa. Bewohner aus morschen Häusern sollten umgesiedelt werden, sagte er damals, Lidija ist sich ganz sicher. Inzwischen schaltet sie das Gerät wegen der Feuchtigkeit lieber nicht mehr an. "Sonst gibt es einen Kurzschluss!"

Im Rahmen eines staatlichen Umsiedlungsprogramms wurden tatsächlich auch in Astrachan neue Wohnungen gebaut. 5000 Menschen zogen in den vergangenen Jahren um. Die Behörden boten Lidija jedoch nur eine Notunterkunft in einem Wohnheim an. Sie lehnte ab. Schließlich kämpft sie bereits seit 2004 für gerechten Ersatz. "In der Sowjetunion habe ich zwanzig Jahre gewartet, bis ich diese Wohnung bekommen habe", sagt sie. "Ich lasse mich jetzt nicht einfach abspeisen." Ein Gericht sprach ihr eine Kompensation über zwei Millionen Rubel zu, etwa 26000 Euro. Derzeit, so sagte man ihr, gebe es dafür allerdings kein Geld. 

Tamina-Florentine Zuch


Auch Lidija hat kein Geld, um auch nur irgendetwas zu reparieren. Sie zeigt ihren Rentenbescheid: 7961 Rubel, umgerechnet etwa 110 Euro. "Dabei habe ich 47 Jahre lang gearbeitet“, sagt sie. Die Summe reicht kaum zum Leben. Um Strom zu sparen, hat sie den Kühlschrank ausgeschaltet. 

Wegen der Probleme mit der Wohnung bat sie nicht nur die Verwaltung, sondern auch Parteien um Hilfe. Von der LDPR des Wladimir Schirinowskij antwortete ihr. Wegen der Vielzahl der Anfragen habe man leider keine großen Summen zur Verfügung, hieß es im Schreiben. Deshalb könne man ihr nur 2000 Rubel schicken, umgerechnet 27 Euro. Man hoffe sehr, das helfe ihr.  

 Der dritte Teil der Reportage führt Sie morgen nach Kalmückien, einer Region, in der scheinbar alles auf dem Kopf steht. 

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