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Palast für den Präsidenten: Pool in goldenen Fliesen: Putins ominöse neue Residenz

Viele Gerüchte umschwirren die "Putinpaläste" in Russland. Nun soll der Kreml-Chef eine neue Urlaubsresidenz haben: eine Villa unweit der finnischen Grenze. Doch in den Besitzurkunden sucht man seinen Namen vergeblich - wie so oft.

Wladimir Putin bei einem Kurzurlaub in den Bergen der russischen Republik Tuwa

Wladimir Putin bei einem Kurzurlaub in den Bergen der russischen Republik Tuwa

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Villa Sellgren heißt das herrschaftliche Domizil, das 1913 auf einer kleinen Insel in der Nähe der russischen Stadt Wyborg erbaut wurde. Nur zwölf Kilometer trennen das Schlösschen von der finnischen Grenze. Eine malerische Seelandschaft und alte Wälder umgeben das dreigeschossige Gebäude mit Terrassen, Sommergärten und einem eigenen Anlegesteg. Russischen Filmfans dürfte der herrschaftliche Bau bekannt sein. Hier wurde zur Sowjetzeit ein kultiger Sherlock-Holmes-Film gedreht.

Heute beherbergt die Villa offenbar ganz andere Herrschaften. Wie Recherchen des unabhängigen TV-Senders Doschd zeigen, dient das Schloss seit neuestem Wladimir Putin als Urlaubsresidenz. Ausgerechnet eine Quelle aus dem Umkreis der Stadtverwaltung von Wyborg plauderte das Geheimnis aus.  "2010 hat man angefangen, eine Datscha für Putin zu bauen. Er hat hier bereits mindestens einmal Urlaub gemacht", verriet der anonyme Insider.

Gelände ist abgeriegelt und wird streng bewacht

Aussagen von Einheimischen bestätigen diese Information. Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny schaltete sich inzwischen in die Recherchen ein und berichtet ebenfalls von Zeugenaussagen, die den Bericht stützen. "Es gibt keinen Anlass, dem Sender Doschd nicht zu glauben", konstatiert er in einem Video, das er am Mittwoch auf seinem Youtube-Kanal veröffentlichte. 

Bilder, die in russischen Medien und sozialen Netzwerken kursieren, sollen das eindrucksvolle Interieur der Villa zeigen. Vom Pool mit vergoldeten Fliesen bis zur wertvollen Marmorverkleidung in der Sauna ist wohl alles dabei, was ein Millionärsherz begehrt. So sahen es zumindest die Restaurierungsentwürfe aus dem Jahr 2012 vor.

Villa Sellgren: So soll die neue Datscha von Putin aussehen
So sahen die Restaurierunsgspläne für die Villa Sellgren 2012 aus. Die Bilder tauchten erstmals 2012 in dem russischen Sozialen Netzwerk VK auf, in einer Gruppe unter dem Namen "Russische Regionen".  Ob das Anwesen nun tatsächlich so aussieht, bleibt ungewiss.

So sahen die Restaurierunsgspläne für die Villa Sellgren 2012 aus. Die Bilder tauchten erstmals 2012 in dem russischen Sozialen Netzwerk VK auf, in einer Gruppe unter dem Namen "Russische Regionen".  Ob das Anwesen nun tatsächlich so aussieht, bleibt ungewiss.

Nawalny führte eine eigene Untersuchung durch und überflog die Insel Lodochny, auf der das Herrenhaus steht, mit einer Drohne. Die Aufnahmen zeigen das frisch restaurierte Gebäude, einen Hubschrauberlandeplatz und ein neu errichtetes Gästehaus. 48,5 Hektar umfasst das Gelände. 

Das Gebiet werde streng bewacht. "Niemand darf sich den Häusern nähern", berichtet Nawalny. "An der Einfahrt werden sogar Handys weggenommen, damit man keine Fotos macht. Was wird denn bitte so streng bewacht?", fragt er Oppositionspolitiker rhetorisch. "Sonderobjekte. Sehr wichtige Sonderobjekte", beantwortet er selbst seine Frage. "Selbst Häusern und Palästen von Medwedew kann man sich problemlos nähern", betont er.

Villa gehört engen Vertrauten Wladimir Putins

Ein Zaun riegelt das Gebiet bereits mehrere Kilometer vor der Residenz ab. Es sei eine geschlossene Anlage, erklärte ein Sicherheitsbeamter dem Sender Doschd. Touristen dürften das Gelände nicht betreten, und zwar schon seit langer Zeit. "Der Zaun ist fünf Kilometer von der Villa entfernt. Man hat ihnen den ganzen Wald und die gesamte Küstenlinie überlassen. Die Leute können nirgendwo mehr angeln gehen", beschwerte sich ein Einheimischer.

Es deutet tatsächlich alles daraufhin, dass die Villa Sellgren nun zu den Urlaubsresidenzen des russischen Präsidenten zählt. Den Namen Putin sucht man in den Dokumenten aber vergeblich. Stattdessen stößt man auf die Namen mehrerer enger Vertrauter Putins.

Beziehungsgewirr

Nach Daten des russischen Föderaldienstes für staatliche Registrierung, Kataster und Kartographie gehört die Villa der Firma Sever. Bis 2014 hieß deren Besitzer Oleg Rudnow, ehemaliger Geschäftsführer der Baltischen Mediengruppe, zu der auch die russischen Sender STO und 5. Kanal gehören. 2015 ist Rudnow verstorben. Seitdem führt sein Sohn Sergej die Geschäfte.

Rudnow galt als alter Freund Putins. Er soll ihn 1996 kennengelernt haben, als der Kreml-Chef noch Vize-Bürgermeister von Sankt Petersburg war. Außerdem war der Geschäftsmann eng mit der Bank Rossjia verbandelt, die von Putins Freunden Nikolaj Schamalow, Jurij Kowaltschuk und Sergej Roldugin geleitet wird. 

Und: Im Besitz der Familie Rudnow sind bereits Immobilien, die zu Residenzen Putins zählen. So gehören den Rudnows 20 Prozent der Gesellschaft, die das Restaurant und die sogenannte Datscha Lindströms auf dem Gelände des präsidialen Palastes in Strelna leitet.

Die Firma Sever ist außerdem eng mit der Ressortanlage "Igora" von Jurij Kowaltschuk verbunden, wo Medienberichten zufolge Putins Tochter ihre Hochzeit mit dem Sohn von Nikolaj Schamalow gefeiert haben soll. Es war auch derselbe Nikolaj Schamalow, der zusammen mit dem Geschäftsmann Sergej Kolessnikow den sogenannten Putinpalast in Gelendzhik für den Präsidenten errichten ließ.

Das Grundstück, auf dem sich die Villa Sellgren befindet, ist seit 2005 im Besitz von eben diesem Kolessnikow.

Ominöse Ferienanlage

Fünf Kilometer vor der Einfahrt zu dem Anwesen verkündet nun ein Schild, dass sich hier ein Ferienhof der Firma Sibur befindet. 2012 wurde das Gelände und der historische Bau, das zum russischen nationalen Kulturerbe gehört, für die Errichtung einer Ferienanlage freigegeben. Doch außer dem Schild existiert heute von solch einer Einrichtung keine Spur. Die Verwaltung von Wyborg gab gegenüber dem Sender Doschd zu, dass es keine Ferienanlage gibt. Und auch Alexej Nawalny konnte keine Beweise für ihre Existenz finden. "In den öffentlichen Dokumenten der Firma Subur haben wir keine Erwähnung einer Ferienanlage gefunden", sagt Nawalny.

Die Firma Subur gehört aber Putins bestem Freund Gennadij Timchenko und seinem Schwiegersohn Kirill Schamalow.

An einen Zufall kann man angesichts der kaum zu überblickenden Verbindungen zwischen den Schamalows, Rudnows, Kolessnikows und Putin nicht mehr glauben. "Die gesamten Beweise deuten deutlich auf das Standard-Korruptionsschema von Wladimir Putin hin", schlussfolgert Nawalny in seinem Bericht. "Sein persönliches Vermögen wird auf die Namen seiner engsten Freunde registriert. Und diese Freunde sind in den vergangenen 17 Jahren märchenhaft reich geworden."

ivi
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