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Interview mit "Le Figaro": Putin: "Ihr denkt euch was aus und erschreckt dann selbst"

Hackerangriffe, Manipulation von Wahlen, hybrider Krieg? Für Putin sind es Erfindungen der Europäer und Amerikaner. Auch die Skandale in Washington erklärt er sich ganz einfach.

Wladimir Putin bei seinem Besuch in Versailles

Wladimir Putin bei seinem Besuch in Versailles

Es waren Bilder fürs Fotoalbum: Die goldenen Säle von Versailles, die prachtvollen Gärten des Sonnenkönigs, die französische Ehrengarde in Paradeuniform. Bei seinem Treffen mit Emmanuel Macron sonnte sich Wladimir Putin nur zu gerne im Glanz des alten Frankreichs. Es waren vor allem Bilder für Zuhause, für die flimmernden Mattscheiben in russischen Wohnzimmern. Schließlich hat jeder Russe, der etwas auf sich hält, ein kleines Faible für die Grande Nation. Aber seinen Besuch in Paris nutzte Putin nicht nur für eine Botschaft nach innen, sondern auch nach außen. In einem Interview mit dem französischen "Le Figaro" legte er seine Sicht auf die Weltpolitik dar, auch wenn er dabei wieder seine alte Leier spielte: Ich habe mit all dem nichts zu tun, weder mit dem Krieg in der Ukraine, noch mit dem in Syrien und erst recht nicht mit den Querelen in Washington.

"Ich habe bereits mit drei US-Präsidenten gesprochen. Sie kommen und gehen, aber die Politik bleibt immer gleich. Wissen Sie warum? Wegen der mächtigen Bürokratie", erklärt Putin das aktuelle Gerangel im Weißen Haus. "Jemand wird gewählt. Er hat eigene Ideen. Aber dann kommen die Menschen mit den Aktenkoffern, weißen Hemden und Krawatten. Nicht roten Krawatten, sondern schwarzen oder dunkelblauen", sagt er scherzhaft in Anspielung auf Trumps viel kritisierte Vorliebe für die roten Modelle. "Und sie beginnen, ihm zu erklären, was man machen soll. Etwas zu verändern ist wirklich eine schwierige Angelegenheit. Und das sage ich ohne jegliche Ironie."

"Wir haben gar nichts erwartet"

"Zum Beispiel Obama", führt der russische Präsident weiter aus. "Er ist ein fortschrittlicher Mensch mit liberalen Ansichten, Demokrat. Vor den Wahlen hat er versprochen, Guantánamo zu schließen. Hat er das getan? Nein. Wollte er das etwa nicht? Er wollte das sehr. Ich bin mir sicher, dass er das wollte. Aber das ist ihm nicht gelungen."

Von einem Präsidenten Trump habe Russland daher "eigentlich gar nichts erwartet. Nichts Besonderes. Der Präsident der Vereinigten Staaten setzt die traditionelle amerikanische Politik fort. Selbstverständlich haben wir im Laufe der Wahlkampagne von Herrn Trump gehört, dass er die russisch-amerikanischen Beziehungen normalisieren möchte. Die schlimmer gar nicht mehr sein könnte, wie er es ausgedrückt hat. Wir erinnern uns gut daran. Wir begreifen und sehen jedoch auch, dass sich die innenpolitische Situation in den USA in der Tat so darstellt, dass die Leute, die die Wahl verloren haben, sich damit keinesfalls abfinden wollen und leider im innenpolitischen Kampf auf antirussische Rhetorik zurückgreifen", so Putin.

Wladimir Putin erklärt Trumps Erfolg

Von den Berichten über eine mögliche russische Manipulation des US-Wahlkampfs will er weiterhin nichts hören. Der Skandal in Washington basiere auf reiner Fiktion. "Herr Trump hat einst selbst gesagt: 'Vielleicht hat jemand absichtlich einen USB-Stick mit dem Namen eines russischen Bürgers irgendwohin eingesteckt' – oder etwas in diese Richtung. Denn man kann in dieser virtuellen Welt absolut alles anrichten. Russland hat sich damit nie beschäftigt. Wir haben es nicht nötig. Wir haben keinen Grund, das zu tun. Wo wäre da der Sinn?"

Die Leute, die die Wahlen verloren haben, würden einfach nicht anerkennen wollen, dass sie sie tatsächlich verloren haben, und "dass derjenige, der gewonnen hat, dem Volk nähersteht. Er hat besser begriffen, was das Volk will, die einfachen Wähler. Eben das will man bisher nicht anerkennen."

Auch über die europäische Politik äußert sich der Kreml-Chef kritisch, insbesondere die Nato-Erweiterung. "Für uns ist das ein Zeichen dafür, dass unsere Partner – Verzeihung – sowohl in Europa als auch in den USA eine kurzsichtige Politik betreiben. Sie denken nicht einen Schritt voraus. Diese Angewohnheit ist unseren westlichen Partnern abhandengekommen", beschwert er sich. "Ich glaube, wir alle wollen Sicherheit, Ruhe, Wohlstand und Zusammenarbeit. Man sollte sich keine imaginären Gefahren aus Russland, irgendwelche hybriden Kriege und so weiter ausdenken. Ihr selbst denkt euch etwas aus und erschreckt euch dann selbst. Eine solche Politik hat gar keine Perspektiven."     

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ivi