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Kommentar: Welcome, Mr. President!

Der Sieg von Barack Obama bedeutet nicht weniger als eine Zeitenwende. Der Einzug des schwarzen Politikers ins Weiße Haus hat innerhalb und außerhalb Amerikas Signalwirkung: Obama hat das Potenzial, jene Brücken wieder aufzubauen, die sein Vorgänger eingerissen hat.

Von Tobias Betz

"Es ist wieder Morgen in Amerika. Und unser Land ist stolzer, stärker und besser." Mit diesen Worten warb Ronald Reagan in einem mittlerweile berühmten Werbespot im Wahlkampf 1984 um eine zweite Amtszeit. Er gewann die Herzen der Wähler erneut - und gestaltete eine Ära.

Nun ist es wieder Morgen. Und Amerika hat entschieden: Die Hoffnungen ruhen auf Barack Obama, dem Wahlsieger, dem künftigen 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Diesen Morgen hatten nach acht Jahren George W. Bush viele herbeigesehnt. Denn das Amerika, das er seinem Nachfolger hinterlässt, steckt tief in der Krise. Viele Tausende Amerikaner haben ihr Haus verloren, sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, können sich teure Medikamente und medizinische Versorgung nicht leisten. Bush hat sein Land in zwei Kriege geführt, ohne einen Plan für einen Rückzug zu haben. Er hat die Welt in Gut und Böse eingeteilt und den Ruf Amerikas ramponiert. Aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist das Land der unbegrenzten Machtdemonstrationen geworden, es waren acht dunkle Jahre unter diesem Präsidenten.

Obama hat Kurs gehalten

Doch jetzt ist Morgen. Ein neuer Präsident wird in wenigen Wochen in das Weiße Haus einziehen und einen neuen Politikstil mit sich bringen. Ein neuer Präsident, der wieder der Macht des Arguments folgen wird und nicht das Argument der Macht gelten lässt. Zumindest deutet alles darauf hin. Denn dieser Barack Obama, vor zwei Jahren noch ein Unbekannter auf der Politbühne in Washington, hat uns in den langen Monaten des US-Wahlkampfes ein Versprechen gegeben: Er will ein Versöhner sein, kein Spalter. Er will zuhören und erst dann entscheiden. Ein Diener des Volkes sein, kein Chefideologe auf dem Präsidentenstuhl. Ein Präsident, der die Welt in ihrer Buntheit und Widersprüchlichkeit kennt und versteht. In all den Höhen und Tiefen des Wahlkampfes hat sich Obama durch seine ruhige, sachliche Art als möglicher Präsident empfohlen. Er hat sich nicht auf die Niederungen eines Schmutzwahlkampfes eingelassen, blieb bei seinem Kurs auch, wenn es um ihn herum stürmisch wurde. Hillary Clinton ist daran in den Vorwahlen der Demokraten gescheitert, John McCain fand nie ein Mittel gegen die Souveränität des jungen Senators aus Illinois. Obama hat sich nicht beirren lassen. Er hat Kurs gehalten. Auch deshalb könnte er genau der Richtige sein für eine Zeit, in der die Finanzwelt außer Kontrolle zu sein scheint, in der viele nach Orientierung suchen und sie nicht mehr finden, weil die alten Koordinaten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr gelten.

Amerika ist wieder das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Obama hat diese Wahl mit der Verheißung auf Wandel gewonnen. Die amerikanischen Wähler haben ihm geglaubt, sogar in republikanischen Winkeln des Landes haben sie sich zu dem Demokraten bekannt. Obamas Sieg könnte das Ende der Zerrissenheit der USA einläuten, ein Ende des Denkens in blauen und roten Staaten. Mit Obamas Einzug ins Weiße Haus könnte auch eine neue Tonlage angeschlagen werden, die sich mehr auf pragmatische Problemlösung konzentriert als auf ideologische Positionen.

Es ist auch ein neuer Morgen für jene Amerikaner angebrochen, die sich bislang immer in der Nacht wähnten: Afro-Amerikaner, Latinos, asiatische US-Bürger. Obamas Sieg hat eine Mauer eingerissen, nicht nur für die schwarze Bevölkerung, deren Weg zu völliger Gleichberechtigung auch im Jahr 2008 noch nicht zu Ende ist. Zum ersten Mal in der Geschichte der USA wird nun einer der ihren Präsident. Was lange Zeit für viele nicht mehr war als ein leeres Versprechen, ist jetzt Gewissheit: Jeder kann es schaffen, sogar bis ins höchste Amt des Staates. Amerika ist wieder das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Er wird den Krieg gegen den Terrorismus nicht beenden

Es ist auch ein neuer Morgen angebrochen für den Rest der Welt. Denn künftig wird man wieder mit dem politischen Amerika reden können, gehört und verstanden werden. Amerikas Interessen haben sich doch nicht von einem Tag auf den anderen völlig verändert, werden die Mahner rufen. Das stimmt. Und dennoch könnte es Barack Obama gelingen, Stück für Stück Vertrauen zurückzugewinnen, Amerika wieder zu einem Vorbild für Demokratie und Menschenrechte zu machen. Er wird den Krieg gegen den Terrorismus nicht beenden, aber er könnte ihn mit mehr Rücksicht auf die Interessen seiner Verbündeten führen, ehrlich um Unterstützung werben und Dialog und wirtschaftlicher Kooperation mehr Gewicht geben. Obama wird die Welt nicht gerechter machen, aber er könnte sich bemühen, auch die blinden Flecken auf dem Globus für die amerikanische Außenpolitik wieder sichtbar zu machen. Er wird die Finanzkrise nicht allein beenden können, aber er kann mithelfen, ein neues System der Regulierung und Aufsicht zu schaffen. Er wird den Klimawandel nicht stoppen können, aber er kann die USA zu einem echten Partner und Förderer eines neuen Klimaschutzabkommens machen.

Doch wie an jedem Morgen, so ist auch heute nicht gewiss, was der Tag bringen wird. Ein Präsident Barack Obama kann scheitern. An den Beharrungskräften im eigenen Land, an überzogenen Hoffnungen, an seiner mangelnden Erfahrung. Die Herausforderungen sind immens, einige Wahlversprechen wird er wohl wegen der schlechten Wirtschaftslage nicht halten können. Seine außenpolitischen Pläne werden auf realpolitische Zwänge treffen. Es ist ein schweres Amt, das er übernehmen wird. Er muss zeigen, dass er ihm gewachsen ist, zeigen, dass einem vielversprechenden Morgen auch ein ebensolcher Tag folgen wird.

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