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Kongo: Schrotflinte gegen Kochtopf

Im kongolesischen Bürgerkrieg versucht eine UN-Mission, die verfeindeten Milizen zu entwaffnen und den jungen Soldaten einen Neuanfang zu ermöglichen - unter anderem mit Kursen in waffenfreiem Leben.

Wären Ibrahim und Desiré sich vor einigen Wochen begegnet, hätten sie aufeinander geschossen. Heute sitzen die beiden jungen Kongolesen friedlich nebeneinander und wühlen in den großen Pappkartons, die sie im Tausch gegen ihre Kalaschnikovs erhalten haben: Ein T-Shirt, ein Kochtopf, eine Decke, ein Radio ... Ibrahim ist zufrieden. "Soldat sein ist nichts für mich, ich möchte lieber Arbeit finden", sagt der 23-Jährige und zupft an dem hellblauen Plastik-Rosenkranz, den er um den Hals trägt.

Kampf um Gold und Diamenten

In der rohstoffreichen Ituri-Provinz im Osten Kongos schwelt seit Jahren ein unübersichtlicher Krieg, der immer wieder aufflackert. Zahlreiche Stammesmilizen, die zum Teil von Uganda und Ruanda unterstützt oder gegeneinander ausgespielt werden, kämpfen um die Kontrolle des Handels mit Gold, Diamanten und anderen Bodenschätzen.

Ibrahim war Mitglied der Hema-Miliz UPC, Desiré kämpfte auf der Seite der Lendu-Miliz FNI. Beide Gruppen sind für grausame Massaker an ihren Feinden bekannt. "Ich bin zur Miliz gekommen, nachdem sie meinen Vater getötet haben", sagt der 19 Jahre alte Desiré. Auch Ibrahim hat seinen Vater und seine beiden Brüder bei einem Angriff auf sein Dorf verloren. "Wir sind geflohen. Was aus meiner Mutter wurde, weiß ich nicht", sagt er.

Kursus in waffenfreiem Leben

Im Durchgangslager der UN-Mission in Bunia, der Provinzhauptstadt von Ituri, treffen Kämpfer aller Seiten zusammen. In einem dreitägigen Kurs bekommen sie Grundsätze für ein Leben ohne Waffen erklärt. "Wir haben keine Probleme miteinander", sagt Ibrahim. "Krieg ist Sache der Politiker. Wir verstehen uns gut, wir sind doch alle Kongolesen", fügt er hinzu und schlägt dabei in Desirés ausgestreckte Hand, als hätten sie keinen erbitterten Krieg, sondern ein spannendes Fußballspiel hinter sich.

Die UN-Mission in Kongo (MONUC) rühmt sich, dass von schätzungsweise 15.000 Milizionären in Ituri schon 11.000 entwaffnet seien. Doch auch die MONUC-Chefin in Ituri, Dominique McAdams, räumt ein: "Auf jede abgegebene Waffe kommen vermutlich zwei, die versteckt wurden." Viele Kämpfer sind vor allem an der Starthilfe interessiert, die neben dem gut gefüllten Pappkarton auch 50 Dollar umfasst. Eine Kalaschnikov ist auf dem Schwarzmarkt schon für 30 Dollar zu haben.

Die meisten Waffen sind Schrott

Denis Baumgarten, ein Schweizer UN-Soldat, überwacht das Sortieren und Registrieren der abgegebenen Waffen. "Es wird jede Menge Schrott abgegeben", sagt er und zeigt auf einen großen Haufen rostiger Gewehre. "Mehr als die Hälfte der Waffen sind untauglich." Neben der Standardwaffe Kalaschnikov finden sich alte Jagdflinten, israelische Uzis und belgische Waffen aus den 50er Jahren. "Natürlich geben die Kämpfer nur das ab, was sie entbehren können. Aber was wir haben, haben wir", meint er. Die Waffen werden entweder zerstört oder der im Aufbau befindlichen kongolesischen Armee übergeben.

Ob Ibrahim, Desiré und die 11.000 anderen Ex-Kämpfer künftig tatsächlich keine Waffe mehr anrühren, hängt vor allem davon ab, ob sie eine Chance für einen Neuanfang haben. Die 50 Dollar werden nicht lange reichen, und bezahlte Arbeit ist im kriegszerstörten Kongo außer bei den internationalen Hilfsorganisationen kaum zu finden. Und auch die neue kongolesische Armee, in die ein Teil von ihnen integriert werden soll, kann ihren Soldaten kaum Sold zahlen. Doch Ibrahim ist zuversichtlich. "Wir schlagen uns schon durch", sagt er und schultert mit breitem Grinsen seinen Pappkarton.

Ulrike Koltermann/DPA / DPA