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Kriege und Hunger: Mehr als 40 Millionen Menschen sind auf der Flucht

Ganz Skandinavien menschenleer - oder auch Kanada. In diesen Dimensionen etwa bewegt sich die Flüchtlingsnot auf der Welt. Die UN legten jetzt neue Daten vor.

Die Zahl der Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet oder vertrieben worden sind, ist in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. 45,2 Millionen Menschen lebten Ende 2012 als Flüchtlinge, teilten die Vereinten Nationen in ihrem Jahresbericht zum Weltflüchtlingstag an diesem Donnerstag mit. Das sind - zum Beispiel - doppelt so viele Menschen wie Australien Einwohner hat.

Zugleich ist das der höchste Stand seit Mitte der 90er Jahre, als die Kriege in Ex-Jugoslawien unzählige Menschen in aus ihren Heimatorten trieben. "Diese Zahlen sind wahrhaft alarmierend", sagt António Guterres, UN-Hochkommissar und Leiter des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR). "Sie reflektieren massenhaftes Leid und zugleich die Schwierigkeiten der internationalen Gemeinschaft, Konflikte zu verhindern oder rasch friedlich zu lösen."

Allein im zurückliegenden Jahr sind 7,6 Millionen Frauen, Männer und Kinder aus ihren Heimatorten geflohen. Das bedeute "ein neuer Flüchtling alle 4,1 Sekunden", rechneten die UN-Statistiker vor. Die meisten von ihnen - 6,5 Millionen - fanden notdürftig Zuflucht innerhalb des eigenen Landes. Dort sind sie allerdings ebenso auf internationale Hilfe angewiesen wie jene, die sich über Grenzen geschleppt oder die Flucht in überfüllten Booten riskiert haben.

Ertrunken in Thunfisch-Käfigen

Eine Krisenregion zu verlassen, ist oft die letzte Hoffnung. Jedes Jahr kostet sie Hunderte das Leben. Wie gerade erst sieben Afrikaner: Um nach Italien zu gelangen, hatten sie sich an Thunfisch-Haltungskäfigen im Schlepptau eines tunesischen Fangschiffes geklammert und waren ertrunken.

Auch Naturkatastrophen und steigende Lebensmittelpreise - oft eine Folge des Klimawandels - gehören zu den Ursachen, warum Menschen sich eine neue Heimat suchen. Vor allem aber sind es Kriege. Weit mehr als die Hälfte der vom UNHCR als Flüchtlinge registrierten Menschen stammen aus den fünf Ländern mit den derzeit blutigsten Konflikten: Afghanistan, Somalia, Irak, Syrien und Sudan.

Allein wegen des Bürgerkriegs in Syrien rechnen die UN für dieses Jahr mit Millionen neuer Flüchtlinge. "Syrien löst sich als Zivilisation auf mit fast der Hälfte seiner Bürger in Abhängigkeit von Nothilfe", warnte UNHCR-Chef Guterres. Bis Ende des Jahres könnten mehr als 10 Millionen Syrer Flüchtlinge im eigenen Staat oder im Ausland sein.

Deutschland hat die Aufnahme von 5000 Syrern versprochen. Kritikern ist das zu wenig. Doch den UN gilt selbst diese Zusage als vorbildlich. Man hoffe, dass andere westliche Länder dem deutschen Beispiel folgten, sagte UNHCR-Sprecher Adrian Edwards.

Dass die Bundesrepublik mehr tut als vergleichbare Staaten, zeigt auch der neue UN-Flüchtlingsbericht: Deutschland steht in der Liste der Aufnahmeländer nach Pakistan und dem Iran mit fast 590.000 Flüchtlingen an dritter Stelle. Bei der Zahl neuer Asylanträge lag die Bundesrepublik 2012 mit 64.5000 gleich hinter dem Spitzenreiter USA (70.400), gefolgt von Südafrika (61.500) und Frankreich (55.100).

Zudem ist Deutschland unter den zehn Ländern, die weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, der einzige westliche Staat. An die Stelle der USA rückte hier auf Rang zehn die Türkei. Insgesamt tragen freilich arme Entwicklungsländer die Hauptlast: Sie beherbergen mehr als 80 Prozent aller Flüchtlinge weltweit.

Besonders schwierig ist das zurzeit für die Nachbarländer Syriens, in die Monat für Monat etwa 5000 Kriegsflüchtlinge strömen. Bislang stammen die meisten Auslandsflüchtlinge der Welt noch aus Afghanistan (2,58 Millionen). Die meisten fanden Aufnahme in Pakistan. Doch außerhalb der unmittelbaren Konfliktregion steht mit knapp 32.000 afghanischen Flüchtlingen wiederum Deutschland an der Spitze.

anb/DPA / DPA