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Last Call: Eine Lobby für den kleinen Busen

Das Leben eines Korrespondenten in London kann sehr abwechslungsreich sein. Morgens Unterhaus, nachmittags Unterwäsche. Politik und Petticoats. In London läuft seit dieser Woche im „Victoria and Albert Museum“ die Ausstellung „Undressed, A Brief History of Underwear“. Sie wurde mit großem Getöse und ein paar Prominenten vor ein paar Tagen eröffnet. Es geht auf zwei Etagen um die Evolution von Dessous.

Der Mensch und Unterwäsche, das ist, wie man dort lernt, eine komplizierte Geschichte. Obendrein auch eine von Missverständnissen, Fehldeutungen und kleinen und größeren Sensationen. Sie beginnt - in der Antike, als die Damen bereits Bänder trugen (oben) und die Herren Leinentücher (unten), vermutlich jedenfalls. Und setzt sich munter fort mit Korsetts aus Fischbein und Metall und später mit Krinolinen, in jeder Hinsicht ausladenden Reifröcken mit Metall-Gestänge, die männliche Zeitgenossen wohl eher wenig entflammten, die Röcke aber sehr wohl. 3000 tödliche Unfälle Mitte des 19. Jahrhunderts allein in England. Außerdem verhedderten sich die Monstren regelmäßig in Kutschenrädern und kamen ergo wie Pferdefuhrwerke aus der Mode. Immerhin, vom tödlichen Reifrock bis zum verführerischen Büstenhalter waren es dann nur noch ein paar Jahrzehnte.

Solche Dinge erfährt man dort. Es ist eine lehrreiche Exkursion unter die Gürtellinie.

Ich muss dazu sagen, dass ich keine besonders große Affinität für Dessous habe und hatte. Ich halte Unterwäsche für ein notwendiges Übel, nicht mehr oder nicht weniger. Nicht mal Reizwäsche reizt mich richtig. Vielleicht liegt es daran, dass ich grundsätzlich keine große Affinität zu Mode besitze. Es gibt Menschen, Kolleginnen und meine Frau und Töchter insbesondere, die sagen, man sähe mir das auch an. Das kann gut sein. Beim Gespräch mit der Kuratorin des Museums musste ich mich für meine modische Unwissenheit erst einmal entschuldigen. Es war eine etwas ältere, sehr britische Kuratorin, die durch die Exponate führte. Korsetts, Pyjamas, Nachthemden, Ultra-Bras und Bust-Extender. Sie war außerdem sehr stolz darauf, dass die Männer in „Undressed“ nicht zu kurz kommen, „vier Fünftel Frauen, ein Fünftel Männer“. Dann zeigte sie auf das berühmte Foto von David Beckham im Slip, und mir wurde klar, was sie mit nicht zu kurz kommen meinte.

Die Kuratorin war ganz aufgeregt.

Überhaupt scheint die Ausstellung in London viele Menschen zu inspirieren und aufzuregen. Das ist grundsätzlich schön. Gerade meldete sich beim stern eine Unterwäsche-Firma, die sich, nun, auf kleinere Busen spezialisiert hat. Sie schrieben eine drei Seiten (!) lange Mail, bezogen sich auf die Ausstellung in London und schlugen als Thema das weite Feld der weiblichen Brust vor, etwas konkreter gefasst: die kleine weibliche Brust. Und noch konkreter: eine Lobby für die kleine weibliche Brust.

Es standen viele bemerkenswerte Sätze in dieser Mail. Einer ging so:„In unserer Kultur besteht ein genormtes Bild der weiblichen Brust, das auf Erwartungshaltungen und Projektionen beruht, und zwar gerade ausgehend von Frauen, das aber nicht der gelebten Realität - weder seitens der Frauen noch der Männer - entspricht.“

Ich musste das ungefähr dreimal lesen, bis ich verstand. Erwartungshaltung, Projektion, gelebte Realität. Hm.

Und weiter im Text: „Von den Oscars bis zu Instagram - und zum Alltag untendrunter: Trotz allen Selbstbewusstseins – in unserer Gesellschaft scheint ein kleiner Busen immer noch gefühlt „irgendwie nicht ok“ zu sein und muss per BH gepusht, geformt und vergrößert werden. Erschüttert die ungepaddete Oberweite die stereotype Vorstellung der „korrekten“ Brust? Definieren wir Femininität nach Cup-Größe? Und wann ändern wir das endlich?“

Gute Frage.

Denn, schreiben die Damen von der Firma für die Bekleidung von kleinen Brüsten:

„Eigentlich ist alles gut: Zwar haben sie nicht gewonnen, aber für den Oscar als beste Hauptdarstellerin waren 2016 Cate Blanchett, Saoirse Ronan und Charlotte Rampling nominiert: drei starke Frauen – mit kleiner Oberweite.“

Na also, es geht doch ohne gewaltige Brüste. Das ist schön. Wie überhaupt viel schön ist rund um die Brust. Zum Beispiel das ist schön:

„Einer der schönsten Party-Schnappschüsse der diesjährigen Berlinale zeigt Karoline Herfurth neben Sibel Kekili und Aylin Tezel – alle mit A-Cup-Brust.“

Man könnte sagen, dass die drei Schauspielerinnen Botschafterinnen der Cup-A-Brust sind. Auch das per se sehr schön. Die Cup-A-Brust braucht nämlich dringend Unterstützung und zwar keinesfalls durch den Einheitslook. Weil „über einer wachsenden Vielzahl von Brüsten heute eine Art starre Einheitsform von BH mit immer gleichem, meist großflächigem Rundungsansatz liegt“.

Das nun ist weniger schön. Großflächiger Rundungsansatz, starre Einheitsform. Auch die „wachsende Vielzahl von Brüsten“ hört sich nicht gesund an.

Auf drei Seiten geht das so in dem Brief von den Damen von der Firma für die Bekleidung kleiner Busen. Sie wollen, wir können es kurz machen, eine Debatte über kleine Brüste anstoßen. Der kleine Busen werde eben auch gesellschaftlich klein gehalten. Schluss damit. Sie zitieren dann noch ein Video auf YouTube, in dem glücklicherweise viele Männer kleinen Brüsten helfend zur Seite springen. Size doesn't matter und so. Das haben wir schon mal gehört irgendwo. Einer sagt, die Brust solle halt zum ganzen Körper passen. Das wäre in der Tat von Vorteil.

Bis zu dieser langen Mail und dem Video wusste ich wirklich nicht, dass kleine Busen diskriminiert werden. Ich bin allerdings auch kein Experte in diesen Dingen und fragte deshalb vorsichtshalber nach. Meine Frau und meine Töchter wussten es auch nicht. Die Diskriminierung der kleinen Brust muss an unserer Kleinfamilie glatt vorübergegangen sein.

Nun bin ich grundsätzlich gegen Diskriminierung aller Art und auch offen für Debatten aller Art. Es ist nur so, dass zur Zeit unendlich viele Debatten laufen. Wo man hinguckt Debatten. Böhmermann und Erdogan, Trump und Hillary, Großbritannien und Brexit. Dortmund und Liverpool. Jetzt auch noch Cup A. Auch auf die Gefahr hin als Ignorant zu gelten: Mir ist das Thema einfach zu klein.

Aber schön, dass wir drüber gesprochen haben.