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Britische Premierministerin Heute könnte die Entscheidung gefallen sein, ob Liz Truss gegen einen Salatkopf gewinnt

Liz Truss, Premierministerin von Großbritannien
Angezählt: Liz Truss, Premierministerin von Großbritannien
© Paul ELLIS / AFP
Großbritanniens Premierministerin gilt als so gut wie erledigt. Mit Sorge hat ihre Konservative Partei auf ihren heutigen Auftritt im Unterhaus geblickt. Aktuell spekuliert der britische Blätterwald, wie Liz Truss' Ende aussehen könnte. 

Die gute Nachricht ist: Der Livestream läuft noch. Die schlechte: möglicherweise nicht mehr lange.

"Hält sich Liz Truss länger als dieser Salat?", hatte der "Daily Star" in diebischer Erwartungshaltung gefragt. Seitdem ist das sogenannte Netz dazu eingeladen, auf Youtube einem Salatkopf bei seinem Ableben zu beobachten.

Nun ist die britische Boulevardpresse oft polemisch und weithin derb. Doch folgt man dem aktuellen Geraune in Großbritannien, dann könnte das vergammelnde Grünzeug die Premierministern tatsächlich überdauern.  

Denn auch wenn der Livestream noch läuft, für Liz Truss läuft es nicht. Kaum sechs Wochen im Amt, gilt die Regierungschefin als so gut wie erledigt. Allzu spektakuläre Kehrtwenden in der Finanzpolitik, miese Umfragewerte und eine folglich schwer verstimmte Konservative Partei setzen Truss mächtig zu (eine ausführliche Analyse dazu lesen Sie hier).

Aktuell wird darüber spekuliert, wann sie ihren Posten räumen muss, so als stünde nur noch der Zeitpunkt ihres politischen Endes zur Disposition. Best regards, der Salatkopf

Zwar räumte Truss "Fehler" ein und kündigte kämpferisch an, dass sie die Tory-Partei in die nächsten Parlamentswahlen 2024 führen werde. Doch wird ihr demonstrativer Optimismus in den eigenen Reihen kaum geteilt. Die Premierministerin dürfe sich "nicht mehr mehr viele Fehler leisten", sagte der Abgeordnete James Heappey am Dienstag. Soll heißen: Noch mehr Patzer, dann ist sie ihren Posten los. 

Lieber Boris Johnson als Liz Truss

Glaubt man einer aktuellen Umfrage von Sky News, ist das der mehrheitliche Wunsch der Konservativen. Demnach sprechen sich 55 Prozent der Tory-Mitglieder dafür aus, dass Truss sofort zurücktreten sollte. Nur 38 Prozent wollen sie im Amt behalten. Ob es für Truss schwerer wiegt, dass ihr skandalgeplagter Amtsvorgänger Boris Johnson (mit 63 Prozent) als geeignetster Ersatz genannt wird, sei dahingestellt.

Hingegen gewiss ist, dass sie an diesem Mittwoch einen ähnlichen Befreiungsschlag wie einst "BoJo" gebrauchen könnte, der es in seiner turbulenten Amtszeit immer wieder vermocht hat, sich mit starken Auftritten im Unterhaus aus allerhand Bredouillen herauszureden. 

Truss hat sich erstmals seit ihrer vermaledeiten Steuerpolitik den Fragen der Abgeordneten im Parlament gestellt. Die Blicke richteten sich dabei nicht zuletzt auf den aufbrausenden oder ausbleibenden Beifall von den Bänken des Unterhauses: Ein schwacher Auftritt würde Truss schaden – und ihren möglichen Sturz weiter beschleunigen.

Unter diesem Eindruck wurde die Fragestunde aber auch mit gewisser Sorge verfolgt. Truss gilt, diplomatisch ausgedrückt, als rhetorisch nicht sehr begabt.

Eine achtminütige Pressekonferenz am vergangenen Freitag wurde von Tory-Abgeordneten als katastrophal beschrieben, wie Sky News berichtete, die alles nur noch schlimmer gemacht habe. Dass Truss daraufhin ihren neuen Finanzminister Jeremy Hunt vorschickte und wortlos im Parlament zuhörte, wie er ihre erst kürzlich angekündigten Steuererleichterungen Stück für Stück kassierte, brachte ihr zusätzlichen Hohn und Spott ein.

Wie zu erwarten hat die Labour-Partei um Oppositionschef Keir Starmer – die mit bis 30 Prozent in den Umfragen vor den Konservativen liegt – die angeschlagene Premierministerin hart in die Mangel genommen. Wütende Zwischenrufe und Rücktrittsforderungen schallten Truss von den Oppositionsbänken entgegen, die wiederholt an ihrem Amt festhielt: "Ich bin eine Kämpferin und keine Drückebergerin." Vorwürfen, sie habe die Wirtschaft des Landes an die Wand gefahren, trat Truss mit der Feststellung entgegen, die wirtschaftliche Lage sei allgemein schwierig.

Ob sie damit auch den Unmut aus den eigenen Reihen mildern konnte, bleibt abzuwarten. Jedenfalls blieb der schwer in die Defensive geratenen Regierungschefin Kritik aus den eigenen Reihen erspart. Ist es die Ruhe vor dem Sturm? Möglicherweise konnte sich Truss noch etwas Zeit erkaufen.

Denn Spekulationen, sie könne sich die Loyalität der Brexit-Hardliner mit einer harten Linie gegenüber Brüssel im Streit um den Status für Nordirland erkauft haben, schienen sich zu bestätigen. So versicherte auf Nachfrage eines Abgeordneten, sie wolle an einem Gesetzentwurf festhalten, mit dem die als Nordirland-Protokoll bezeichnete Abmachung aus dem Brexit-Vertrag ausgehöhlt werden soll.

Schon wird über ihr Ende spekuliert

Doch britische Qualitätsmedien blicken angesichts der heiklen Gemengelage schon in die Glaskugel: Wie könnte Truss ausgebootet werden? Berichte, wonach in ihrer Fraktion angeblich schon der Putsch geplant wird, hatten die Gedankenspiele zuletzt nochmal befeuert.

Eines der Szenarien, das skizziert wird: Genug Tory-Abgeordnete sind mit ihrer Geduld am Ende, reichen beim Vorsitzenden des "1922 Komitees" ein Misstrauensschreiben ein und führen damit die Neuwahl der Parteispitze herbei.

Um das Verfahren auszulösen, müsste jedoch eine 15-Prozent-Schwelle der Abgeordneten erreicht werden. Den Parteiregeln zufolge bleibt einem Tory-Vorsitzender außerdem eine einjährige Schonfrist, im Fall von Truss also bis September 2023. Jedoch könnte ein gewaltiger Berg an Misstrauensbriefen eine Änderung der Modalitäten rechtfertigen, munkelt etwa der "Guardian".

Ein weiteres Szenario: Truss beugt sich dem wachsenden Unmut ihrer Parteimitglieder und lässt sich "ins Schwert fallen", wie es britische Medien formulieren. Kurzum: Sie tritt zurück.

Am unwahrscheinlichsten gilt Option 3: Truss ruft Neuwahlen aus – und stellt sich und die Tory-Partei damit dem Wählervotum. Dieser Schritt würde aktuellen Umfragen zufolge aber in einer krachenden Niederlage für die Konservativen enden.

Auffällig: Ein Szenario, wonach Truss im Amt verbleiben könnte, wird in britischen Medien praktisch nicht verhandelt. Der Glaube an ein politisches Husarenstück erscheint offenbar zu gering. 

Anmerkung der Redaktion: Die Fragestunde im britischen Unterhaus hat mittlerweile stattgefunden. Der Text wurde entsprechend aktualisiert.

Quellen:  "The Guardian", Sky News, BBC, "The Times", mit Material der Nachrichtenagentur DPA

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