London Lufthansa fliegt wieder nach Heathrow


Nach den knapp vereitelten Terroranschlägen auf Flugzeuge hat die Deutsche Lufthansa ihre Flüge nach London-Heathrow wieder aufgenommen. Noch herrscht in Großbritannien Terrorangst. Nach Presseberichten soll es sich bei den Tätern um britische Muslime handeln.

Fast fünf Jahre nach den Anschlägen vom 11. September haben britische Ermittler einen unmittelbar bevorstehenden Großangriff auf den transatlantischen Luftverkehr vereitelt. Die Londoner Polizei berichtete am Donnerstag, die Täter hätten mehrere Flugzeuge auf dem Weg in die USA mit Flüssigsprengstoff in die Luft jagen wollen. Ein Ermittler sprach von einem geplanten "Massenmord in unvorstellbarer Dimension". Ersten Erkenntnissen zufolge könnte hinter den Planungen die Extremistengruppe Al-Kaida stehen.

Inzwischen hat die Deutsche Lufthansa hat ihre Flüge nach London-Heathrow wieder aufgenommen und geht nach derzeitigem Stand davon aus, am Freitag wieder nach regulärem Plan fliegen zu können.

Wie ein Lufthansa-Sprecher am Donnerstag mitteilte, waren am Abend noch insgesamt neun Flüge von deutschen Flughäfen nach Heathrow geplant. Sechs der Maschinen würden auch am Abend noch wieder zurückkehren. "Das ist ein erster Schritt in Richtung Normalisierung. Wir hoffen, dass wir am Freitagmorgen wieder den regulären Flugbetrieb aufnehmen können", sagte der Sprecher.

Hauptverantwortliche sind festgenommen

Die Polizei nahm 21 Personen fest, unter denen sich nach Angaben des britischen Innenministers John Reid auch die Hauptverantwortlichen befanden. Die Anschläge wurden nach den Worten des stellvertretenden Scotland Yard-Chef Paul Stephenson durch den groß angelegten Einsatz der Spezialkommandos verhindert. Wenn es den Terroristen gelungen wäre, tatsächlich einen neuartigen Sprengstoff in zehn Flugzeuge zu schmuggeln, die Komponenten dort zusammenzufügen und simultan explodieren zu lassen, dann hätte sich dieser Tage eine Katastrophe ähnlich jener vom 11. September 2001 ereignet.

Der Westen, so warnte Tony Blair noch vor wenigen Tagen, sei mit einem "vollständig unkonventionellen Krieg konfrontiert", mit einem nahezu "weltumspannenden Extremismus". Jetzt, gut ein Jahr nach den verheerenden Anschlägen vom 7. Juli 2005 auf Londoner U-Bahnen, herrschen in Großbritannien wieder Terrorfurcht und Entsetzen. Zwar ist keine einzige Bombe explodiert, doch die Vorstellung macht einfach Angst: Irgendwo über den Wolken, vielleicht beim Flug in den Urlaub, zünden Selbstmordattentäter einen neuartigen, hochexplosiven Flüssigsprengstoff."

Das Vereinigte Königreich ist jetzt auf dem höchstmöglichen Niveau der Terrorwarnung angekommen", teilte Innenminister John Reid so sachlich wie irgend möglich mit. Die Menschen wissen, was die Alarmstufe "Critical" bedeutet: Die Gefahr eines verheerenden Anschlags ist akut. Zwar sind mehr als 20 Tatverdächtige festgenommen, doch die Fahndungen in vielen Teilen des Landes machen deutlich: Noch könnte es Terrorzellen geben, die irgendwo zuschlagen. Wenn nicht in Flugzeugen, dann vielleicht wieder in der U-Bahn oder in Bussen oder öffentlichen Gebäuden.

Furcht in Bahnhöfen

Furcht herrscht derweil nicht nur auf den Flughäfen. Die Polizeipräsenz in der Londoner U-Bahn und auf den Bahnhöfen ist deutlich verstärkt worden. Spezialkräfte mit Sprengstoffspürhunden sind im Einsatz.

Peter Clarke, der Chef der Anti-Terrorabteilung von Scotland Yard, verbirgt Gefühle und bleibt ruhig. Zum Zugriff in der Nacht hätten sich die Experten des Yard und des Geheimdienstes MI5 entschlossen, weil "ein kritischer Punkt erreicht" worden sei. Genauer könne er nicht werden, bei diesem "sehr frühen Stadium der Ermittlungen". Als sicher könne aber gelten, dass der Sprengstoff "im Vereinigten Königreich hergestellt werden sollte".

Dass die potenziellen Selbstmordattentäter wohl ebenso in Großbritannien groß geworden sind wie die Terroristen vor über einem Jahr in London, sorgt für große Beunruhigung. Nach Informationen des Senders BBC kommt die große Mehrheit aus verschiedenen Stadtteilen von London. In der mittelenglischen Stadt Birmingham gab es zwei Festnahmen, in High Wycombe nördlich von London mindestens eine.

Zu ihrer Identität machten die Behörden zunächst keine Angaben. Nach britischen Presseberichten soll es sich um britische Muslime handeln. In politischen Kreisen Londons wird wieder eine Frage heiß diskutiert: Führen der Einsatz tausender britischer Soldaten an der Seite von US- Streitkräften im Irak und in Afghanistan sowie Blairs politische Nibelungentreue zu Bush zur Radikalisierung von Teilen der muslimischen Bevölkerung im Inselkönigreich?

"Es geht nicht um die Muslime"

Scotland Yard-Chef Stephenson warnt jedoch vor zu schnellen Schlüssen und Vorverurteilungen. Es gehe nicht um Großbritanniens Muslime, sondern "um einige Leute, die sich maskieren, die sich in ihren Gemeinden hinter einem bestimmten Glauben nur verstecken". Diskutiert wird auch, warum die Massenfestnahmen gerade jetzt erfolgten. Der sicherheitspolitische Korrespondent der BBC, Gordon Corera, weist darauf hin, dass Terrorismusbekämpfer einem möglichen Coup zur Sprengungen von Passagierflugzeugen seit Monaten auf der Spur seien. Es sei keineswegs so, dass Anschläge exakt für den 10. August geplant gewesen seien, sondern "möglicherweise in ein oder zwei Wochen".

Der Terroralarm in London hinterlässt auch am größten deutschen Flughafen in Frankfurt seine Spuren. Acht Flüge von und nach London-Heathrow fallen am Donnerstag aus, knapp 1000 Passagiere müssen teils mehrere Stunden warten. "Das ist eine Menge, mit der wir als Flughafen fertig werden müssen", sagt Volker Zintel vom Flughafenbetreiber Fraport.

Doch während sich in London-Heathrow lange Schlangen bilden, fällt der Terroralarm in Frankfurt angesichts von mehr als 150 000 Passagieren täglich kaum ins Gewicht. Doch wurden die Handgepäckkontrollen verschärft. "Wir schauen bei den Handgepäckkontrollen jetzt genauer hin und haben unser Personal sensibilisiert", sagte ein Sprecher der Flughafenbetreibergesellschaft Fraport am Donnerstag. Aber man sich sicher, dass die Sicherheitsvorkehrungen kaum noch zu verbessern sind - vielmehr komme es wie in London darauf an, Kriminelle zu fassen, bevor sie einen Anschlag verüben.

Bei vielen Maschinen wurden die Sicherheitsvorkehrungen nicht sichtbar erhöht. "Alles wie gehabt", sagt ein Mitarbeiter an einem Durchleuchtungsgerät. Anders ist es bei British Airways in Terminal 2, wo die Bundespolizei in höchster Alarmbereitschaft steht. Dort wurde Handgepäck - bis auf nötige Medikamente, Geld und Pässe - verboten. Viele Passagiere reagieren gelassen auf die Verspätungen.

DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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