London Terrorpuzzle fügt sich zusammmen


Langsam fügen sich die Teile des Puzzles zusammen: Hinter den geplanten Terroranschläge auf Flugzeuge stecken vor allem junge Männer aus muslimischen Einwandererfamilien. Wichtige Spuren führen nach Pakistan.

Sicherheitskräfte haben in Großbritannien 24 Verdächtige festgenommen. Die Spuren führen auch nach Pakistan, wo nach Medienberichten sieben mutmaßliche Terroristen festgenommen wurden. Der Hinweis, dass die möglicherweise verheerendsten Terroranschläge seit dem 11. September 2001 unmittelbar bevorstehen könnten, kamen nach Informationen aus britischen Regierungskreisen aus Pakistan. Auch die Sprecherin des Außenministeriums in Islamabad, Tasnim Aslam, sagte: "Pakistan spielte eine sehr bedeutende Rolle dabei, dieses internationale Terroristennetzwerk aufzudecken und zu zerbrechen." Die pakistanische Tageszeitung "The Nation" berichtete, nach Vereitelung der Anschläge und nach neuen Hinweisen des britischen Geheimdienstes seien sieben Verdächtige in zwei pakistanischen Städten festgenommen worden.

Märtyrervideo gefunden

Bei den 24 Verdächtigen, die sich in London in Polizeigewahrsam befinden, handelt es sich vor allem um Männer aus muslimischen Einwandererfamilien im Alter zwischen 17 und 35 Jahren, die bereits seit langem in Großbritannien leben. Die meisten davon haben sowohl die pakistanische als auch die britische Staatsbürgerschaft. Drei der Männer sollen aus britischen Mittelklasse-Familien stammen und erst vor kurzem zum Islam übergetreten sein. Nach Informationen der Tageszeitung "The Times" wurde bei einem Verdächtigen ein so genanntes Märtyrervideo gefunden, das vermutlich von einem der potenziellen Selbstmord-Attentäter stammt. Ähnliche Videos waren nach den Terror-Anschlägen in London mit mehr als 50 Toten vor mehr als einem Jahr an die Öffentlichkeit gelangt.

Aus den vielerlei Informationen über Ablauf und Hintergründe entwickelt sich erst langsam ein einigermaßen zuverlässiges Bild. Demnach kam der Inlandsgeheimdienst MI5 durch einen Tippgeber vor etwa einem Jahr auf die Spur der Gruppe. Der amerikanischen Sender CNN zitiert US-Regierungsbeamte, wonach ein britischer Geheimagent in die Terrorzelle eingeschleust worden sei, der den Behörden von den geplanten Anschlägen berichtet habe. Die Männer hätten noch keine Flugtickets gekauft, seien aber dabei gewesen, im Internet Flüge mit zeitgleicher Abflugzeit zu finden.

Nach und nach bekamen die Ermittler eine Idee davon, was geplant war - bis zu zwölf Passagierflugzeuge auf dem Weg in die USA fast zeitgleich explodieren zu lassen. Dazu wollten die potenziellen Selbstmord-Attentäter angeblich in Teams von zwei oder drei Mann die Chemikalie Acetonperoxid (TATP) an Bord schmuggeln. Erst auf der Flugzeug-Toilette sollte der Stoff dann mit Flüssigkeit vermischt werden. Gezündet werden sollte der Sprengsatz mit Hilfe von Handy, iPod oder Digitalkamera.

Die Planung sei jedoch durch mehrere Festnahmen vor einigen Tagen in Pakistan über den Haufen geworfen worden. Die Tageszeitung "The Guardian" berichtet unter Berufung auf britische Regierungskreise, dass kurz darauf aus Pakistan die Order gekommen sei: "Do your attacks now!" ("Macht Eure Anschläge jetzt!") Daraufhin hätten sich die Behörden zum sofortigen Einsatz entschlossen.

Enge Verbindung zu al Kaida vermutet

Dies legt die Vermutung nahe, dass die "Flaschenbomber"- wie die Boulevardzeitung "The Sun" sie nennt - engere Kontakte zur Terrororganisation al Kaida hatten als viele vermuten. Denn immer noch streiten die Experten darüber, ob die britischen Terror-Zellen eigenständig handeln oder von al Kaida gesteuert werden. Die Antwort auf diese Frage wird auf sich warten lassen. Wie der britische Innenminister John Reid immer wieder sagt: "Wir sind erst am Beginn."

"The Nation" berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise in Pakistan, konkrete Hinweise auf die Terrorpläne seien von drei am Dienstag in der Hafenstadt Karachi festgenommenen Verdächtigen "herausgepresst worden. Auch die britische Tageszeitung "The Guardian" schrieb, dass die Festnahme von Terrorverdächtigen in Pakistan Auslöser für die Razzien in London und anderen englischen Städten gewesen sei. Demnach war die Anschlagsserie für die kommenden Wochen geplant. Nach den Festnahmen in Pakistan sei von dort jedoch der Befehl zur sofortigen Ausführung gekommen. Nach der Entschlüsselung durch die Geheimdienste sei dann der Zugriff in Großbritannien beschlossen worden. Die Bank von England fror die Konten von insgesamt 19 Terrorverdächtigen ein, deren Namen auch genannt wurden.

Wegen des Terror-Alarms mussten in Großbritannien erneut mehr als hundert Flugverbindungen gestrichen werden. In Heathrow und anderswo kam es wieder zu langen Wartezeiten. In Deutschland kam es wegen der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen bei Flügen nach Großbritannien und in die USA zu Verspätungen bis zu mehreren Stunden. Vereinzelt wurden auch noch Flüge gestrichen.

Debatte um Verschärfung der Gesetze

Nach dem Terrorschock von London hat die Union eine Verschärfung der Sicherheitsgesetze und den Einsatz der Bundeswehr im Inneren gefordert. Der Koalitionspartner SPD hielt sich in der Debatte zurück, lehnte aber wie die Oppositionsparteien die Forderung nach einem Einsatz der Bundeswehr im Anti-Terrorkampf ab. Im Zentrum der Unionsforderungen steht ferner die rasche Einführung einer gemeinsam von Polizei und Geheimdiensten zu nutzenden Anti- Terrordatei.

Das Bundeskabinett hatte am 12. Juli beschlossen, für diese Datei eine gesetzliche Grundlage zu schaffen. Vom Kabinett bereits verabschiedet, ist eine Verlängerung und eine teilweise Erweiterung der nach dem 11. September 2001 erlassenen Anti-Terrorgesetze. Der innenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), will nach dem britischen Terroralarm diese Sicherheitsgesetze im Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens nochmals zu überprüfen.

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) warnte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"(Samstag) vor reflexartigen Forderungen nach schärferen Gesetzen. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Dieter Wiefelspütz, mahnte, eine hektische, hysterische Sicherheitsdebatte zu unterlassen. Deutschland sei in Sachen Terrorismusbekämpfung gut aufgestellt. "Ich kann keine Sicherheitslücken erkennen», sagte Wiefelspütz der dpa. Es gehe um eine Optimierung. Die Anti-Terrordatei werde kommen. Die jetzt geführte Debatte um einen Einsatz der Bundeswehr kritisierte Wiefelspütz als "vollkommen abwegig".

Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach beharrte aber wie andere Politiker der CDU und CSU darauf. Es gehe nicht um eine Militärisierung der inneren Sicherheit, sondern darum, die besonderen Fähigkeiten der Bundeswehr zu nutzen, "wenn nur sie in der Lage ist, eine bestimmte Gefahr abzuwehren", sagte Bosbach im Deutschlandradio Kultur.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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