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Machtwechsel in Libyen: Neubeginn mit einem Phantom im Nacken

Der Übergangsrat in Libyen setzt ein Zeichen: Die ersten Minister ziehen in Tripolis ein, beginnen mit der Arbeit. Die Aufbruchstimmung wird von Kämpfen und einer Audiobotschaft Gaddafis gestört.

Im Triumphzug nach Tripolis: Vier Tage nach der Eroberung der Hauptstadt hat die politische Führung der Aufständischen mit der Übernahme der Regierungsgeschäfte begonnen. Unter dem Jubel der Menschen fuhr am Donnerstag mehr als die Hälfte der Minister des Übergangsrates in den Westen der Stadt ein. Der untergetauchte Diktator Muammar al Gaddafi rief Männer, Frauen und Kinder in einer neuen Audiobotschaft derweil zum Kampf bis zum bitteren Ende auf: "Erlaubt den Ratten nicht, Tripolis an die Kolonialmächte zu übergeben."

Wo sich Gaddafi versteckt hält, war am Donnerstag weiterhin unklar. Ob die Audiobotschaft tatsächlich von dem 69-Jährigen stammt, blieb offen. Für den Despoten und seinen Clan wird es nun immer enger. Nachdem bereits ein Kopfgeld auf Gaddafi ausgelobt worden war, hilft jetzt auch die Nato bei der Suche. Berichte von Rebellen, wonach er in einem Gebäudekomplex in Tripolis eingekesselt worden sei, bestätigten sich nicht.

Gaddafis Schergen kämpfen bis zum Letzten

Unterdessen leisten Gaddafi-Kämpfer weiter erbitterten Widerstand gegen den Untergang des Regimes. Feuergefechte zwischen Gaddafis Truppen und Aufständischen wurden am Donnerstag nicht nur aus der Hauptstadt Tripolis, sondern auch aus anderen Landesteilen gemeldet.

Zu den schwersten Kampfhandlungen in Tripolis kam es nach Angaben des US-Nachrichtensenders CNN am internationalen Flughafen. Gaddafi-Kämpfer versuchten, die Kontrolle über den Flughafen zurückzuerlangen. Auch in Gaddafis ehemaligem Militärhauptquartier Bab al Asisija wurde weiter gekämpft. Die Aufständischen hätten erst 80 Prozent der Militäranlage mit Bunkern, Tunnelsystemen und Baracken unter Kontrolle gebracht. Rebellen und ehemalige Regierungstruppen kämpften auch um beiden Kleinstädte Suwara und Adschajlat im Nordwesten Libyens.

Übergangsrat tagt erstmals in Tripolis

Obwohl in Tripolis weiter gekämpft wird, zeigte sich der Übergangsrat entschlossen, kein Machtvakuum in Libyen aufkommen zu lassen. Als der Konvoi mit den Ressortchefs aus Bengasi der in den Westen der Stadt einfuhr, brachen viele Einwohner in Jubel aus.

In einer ersten Sitzung erörterten die Minister danach eine Verbesserung der Sicherheitslage, wie Ölminister Ali al Tarhuni sagte. "Wir brauchen nicht mehr Truppen, sondern eine bessere Organisation." Er bezeichnete die Ankunft in Tripolis als "historischen Moment". "Ich bin so stolz und glücklich, mir fehlen die Worte".

Während der Übergangsrat in Tripolis Flagge zeigt, geht die Jagd auf Gaddafi weiter. Die Nato stelle dem Übergangsrat sowohl Geheimdienstinformationen als auch Mittel zur Aufklärung und Erkundung zur Verfügung, sagte der britische Verteidigungsminister Liam Fox dem Sender BBC. Der "Daily Telegraph" hatte berichtet, eine Spezialeinheit der britischen Armee suche nach Gaddafi und dessen Söhnen. Die Elitesoldaten hätten sich als Einheimische verkleidet.

Rätselraten um Gaddafi

Für Spekulationen sorgte zur selben Zeit der stundenlange Beschuss eines Wohnblocks in Tripolis, wo ein örtlicher Kommandeur der Rebellen Gaddafi und seine Söhne vermutete. Andere Aufständische vermuten ihn außerhalb der Hauptstadt. "Gaddafi ist nicht in Tripolis. Er ist an einem Ort ungefähr 150 Kilometer von Tripolis entfernt mit einem seiner Söhne", sagte Atman Ibrahim Mleita, Kommandeur der Rebelleneinheit al Karkar.

Der frühere Zentralbankchef Farhat Bengdara glaubt, dass Gaddafi entweder in einer Militärbasis nahe Sabha Zuflucht gesucht hat oder bereits auf dem Weg nach Algerien ist. Aus seiner Sicht könnte Gaddafi einen Teil des Goldes im Wert von insgesamt zehn Milliarden Dollar (knapp sieben Milliarden Euro) mit auf die Flucht genommen haben, sagte Bengdara der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera".

Italien will Gelder freigeben

Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, warnte in Mailand vor einer weiteren Destabilisierung seines Landes, falls der Westen nicht schnell die eingefrorenen Gelder des Gaddafi-Clans freigebe. Unter anderem müssten Mitarbeiter im Staatsdienst bezahlt werden, die seit vier Monaten keine Gehälter erhalten hätten.

Italien will zur Unterstützung der libyschen Übergangsregierung zunächst eine erste Tranche in Höhe von 350 Millionen Euro freigeben. Regierungschef Silvio Berlusconi kündigte weiterhin an, der italienische Energiekonzern Eni wolle die Bevölkerung mit Gas und Benzin versorgen. Außenminister Guido Westerwelle bot deutsche Hilfe bei der Beseitigung von libyschen Giftgas-Beständen an. Nach Erkenntnissen des Auswärtigen Amtes lagern in Libyen aus Gaddafis Zeiten noch allein elf Tonnen Senfgas.

swd/DPA / DPA