Madrid-Anschläge Prozessbeginn gegen Attentäter


Knapp drei Jahre nach den Anschlägen auf vier Madrider Pendlerzüge werden die mutmaßlichen Bombenleger vor Gericht gestellt. Die Staatsanwaltschaft fordert für die sieben Hauptangeklagten jeweils fast 40.000 Jahre Haft.

Knapp drei Jahre nach den Anschlägen auf vier Madrider Pendlerzüge werden die mutmaßlichen Bombenleger und deren Helfer vor Gericht gestellt. In dem "Jahrhundertprozess" müssen sich von Donnerstag (15. Februar) an in Madrid 29 Angeklagte wegen der verheerendsten Terrorakte in der spanischen Geschichte verantworten. Bei den Anschlägen am 11. März 2004 waren 191 Menschen getötet und 1824 verletzt worden. Die Staatsanwaltschaft fordert für die sieben Hauptangeklagten jeweils fast 40.000 Jahre Haft.

Sieben mutmaßliche Bombenleger, darunter zwei mutmaßliche Anführer der Terroristen, werden nicht auf der Anklagebank sitzen. Sie hatten sich drei Wochen nach den Anschlägen selbst in die Luft gesprengt, als sie in einer Wohnung in der Madrider Vorstadt Leganés von der Polizei umstellt worden waren. Dabei kam auch ein Polizist um Leben, der in der Statistik als das 192. Opfer der Anschläge geführt wird.

Terroraufruf Osama bin Ladens veranlasste Attentäter zum Anschlag

Die - zu einem großen Teil aus Marokko stammenden - Angeklagten gehörten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft einer islamistischen Terrorzelle an, die zwar nicht direkt zu El Kaida gehörte, sich aber von dem internationalen Netz beeinflussen ließ. Ein Aufruf von Osama bin Laden im Oktober 2003 zu Terrorakten in aller Welt bewegte laut Anklageschrift die Gruppe dazu, mit der Planung der Anschläge zu beginnen.

Am Morgen des 11. März 2004 bestiegen vermutlich 13 Terroristen in Alcalà de Henares vier Züge nach Madrid. Jeder trug eine Sporttasche mit einer Bombe bei sich. Vor der Ankunft in der Hauptstadt stiegen die Bombenleger aus und zündeten die Sprengsätze per Handy. Zehn Bomben explodierten, zwei wurden von der Polizei mit kontrollierten Sprengungen unschädlich gemacht. Die 13. Bombe wurde erst später in einer Sporttasche in einer Polizeidienststelle entdeckt. Dieser intakte Sprengsatz lieferte den Fahndern die entscheidende Spur zur Aufdeckung der Terrorzelle.

Die Verhandlung findet in einer Messehalle statt

Unter den Angeklagten sind drei mutmaßliche Bombenleger, die Marokkaner Jamal Zougam (33) und Abdelmajid Bouchar (23) sowie der Syrer Basel Ghalyoun (26). Außerdem gehören zu dem Hauptangeklagten der Ägypter Rabei Osman el Sayed (35) und der Marokkaner Hassan el Haski (43), die als die ideologischen Anführer der Gruppe gelten, der Marokkaner Youssef Belhadj (30), der auf einem Video als Sprecher in Erscheinung trat, und der Spanier José Emilio Suàrez Trashorras (30), der den Sprengstoff aus einem Bergwerk haben soll.

Die Staatsanwaltschaft fordert für sie je 38 490 Jahre Haft wegen Mordes in 191 Fällen und Mordversuchs in 1824 Fällen. Im Falle einer Verurteilung müssen die Angeklagten nach spanischem Recht höchstens 40 Jahre verbüßen. Der Prozess findet nicht im Gebäude des Nationalen Gerichtshofs statt, sondern in einer Messehalle im Stadtpark Casa de Campo, die die Polizei mit ihren Sicherheitsvorkehrungen in eine wahre Festung verwandeln wird. Das Gericht wird über 600 Zeugen und 100 Sachverständige anhören. Die Verhandlungen sollen im Juni zu Ende gehen, die Urteile im September gesprochen werden.

Auch drei ETA-Terroristen werden verhört

Die Richter werden unter einem enormen politischen Druck stehen. Dies hatte auch für die Ermittler gegolten. Drei Tage nach den Anschlägen hatten die Sozialisten (PSOE) überraschend die Parlamentswahlen gewonnen und die konservative Volkspartei (PP) von der Macht verdrängt. Dieses Trauma hat die PP nicht überwunden. Sie legt der PSOE heute noch zur Last, in Folge der Anschläge an die Regierung gekommen zu sein.

Der damalige PP-Ministerpräsident José María Aznar hatte zunächst die baskische Untergrundorganisation ETA für die Anschläge verantwortlich gemacht. Spaniens Konservative suchen heute noch nach Anhaltspunkten, die die ETA mit den Anschlägen in Verbindung bringen könnten. Die Ermittler schlossen eine Täterschaft der ETA jedoch aus. Dennoch wird das Gericht drei inhaftierte ETA-Terroristen als Zeugen vernehmen. Eine Vorladung von Aznar, wie sie von Nebenklägern gefordert wurde, lehnten die Richter aber ab.

Hubert Kahl/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker