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Madrid: Auf der Jagd nach Hintermännern und Hintergründen

Soto del Real, das Madrider "Staatsgefängnis V", ist derzeit ständig in den Schlagzeilen. Hier sind Zougam, Bekkali und Chaoui inhaftiert - die mutmaßlichen Täter der Anschläge von Madrid.

Das Staatsgefängnis Madrid V ist besser bekannt unter dem Namen Soto del Real. So heißt das Dorf gut 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt, in dem der moderne Gebäudekomplex liegt. Derzeit ist Soto del Real in den Schlagzeilen, weil hier Jamal Zougam, Mohammed Bekkali und Mohammed Chaoui inhaftiert sind - die mutmaßlichen Täter der Anschläge von Madrid. Seit ihrer Festnahme am 16. März wurden die Einsitzenden tagelang vernommen. Bekkali soll laut schreiend seine Unschuld beteuert haben, Chaoui die meiste Zeit beten. Zougam verblüffte die Untersuchungsrichter, als er nach vier Tagen Einzelhaft das Verhör selbst mit einer Frage eröffnete: "Wer hat die Wahl gewonnen?"

Bis zu 30.000 Jahre Gefängnis drohen den Marokkanern für 1400-fachen Mordversuch und 190 Morde. Auch für die weiteren zwölf Toten werden sich die Männer wohl verantworten müssen, wenn das, was von deren zerrissenen Körpern geblieben ist, endlich identifiziert werden kann. Doch Polizei und Geheimdienste in Madrid gehen nicht davon aus, dass die Verhafteten aus eigenem Antrieb gehandelt haben. Nach dem Drahtzieher im Hintergrund werde noch gefahndet, heißt es aus nicht näher identifizierten Quellen.

Wettkampf um die heißeste Information

Nicht nur die Behörden haben Sonderermittlungsgruppen gebildet, sondern auch die meisten spanischen Medien, die sich einen Wettkampf um die heißesten Informationen liefern. 11-M nennen sie die Anschläge in Anspielung auf 11-S, wie der Terror vom 11. September in den USA auf Spanisch abgekürzt wird. Zougan, Bekkali und Chaoui hätten nur die Ausführung übernomnem, sagt Jorge Rodríguez, Terrorismusexperte der größten Tageszeitung 'El Pais' mit besten Kontakten zu Polizei und Justiz, der intellektuelle Kopf von 11-M sei ein anderer. Der Name des geistigen Vaters der Anschläge sei den Ermittlern bereits bekannt, berichtete seine Zeitung zu Beginn der Woche, mit einer Festnahme sei jederzeit zu rechnen. Ob dieser Hauptakteur des 11. März jedoch unter den Verdächtigen ist, die am Montag in Madrid festgenommen wurden, ist noch unklar.

Denn auch die bereits anfangs inhaftierten Marokkaner hatten das Zeug, mehr als nur Handlangerdienste zu verrichten. Der 32-jährige Bekkali hatte in seiner Heimat Chemie studiert und wollte in Madrid noch seinen Doktor in Physik machen. Auch Abderrahim Zbakh, der der Polizei bei der zweiten Verhaftungswelle ins Netz ging, könnte beim Bombenbasteln behilflich gewesen sein. Er ist ebenfalls Chemiker. Das Telefongeschäft 'Nuevo Siglo' der Halbbrüder Zougam, 30, und Chaoui, 34, bot eine ideale Tarnung. Hier gingen täglich Hunderte Kunden ein und aus. Nach dem Anschlag hing, wie überall in Madrid, sogar eine schwarze Schleife an der Wand als Zeichen der Trauer um die Toten. Mit dem Laden im Einwandererviertel Lavapies als Alibi konnten die Männer ohne aufzufallen große Mengen Handys und Sim-Karten kaufen - so wie das Gerät, das die Polizei am 11. März auf die Fährte der drei Maghrebiner führen sollte.

Ein Weckerklingeln brachte die Ermittler auf die Spur

Anscheinend hatten die Attentäter die Weckfunktion, die die Sprengladung auslösen sollte, statt auf 07.40 am (ante meridiem = vor Mittag) versehentlich auf 07.40 pm (post meridiem, also abends) programmiert. Ein Polizist hörte am Abend des Anschlags im Lärm der Aufräumarbeiten das Bimmeln. Beim Öffnen eines Rucksacks fand er eine nicht detonierte Sprengladung, die Sim-Karte brachte die Ermittler auf die Spur von 'Nuevo Siglo'. Bei der Durchsuchung des Ladens wurden inzwischen abgebrochene Gehäuseteile eines der präparierten Handys gefunden.

Eine Woche nach den Attentaten saßen bereits zehn Verdächtige hinter Gittern. Neben sieben Marokkanern wurden zwei Inder verhört, die bei der Beschaffung der Telefonkarten geholfen haben sollen. Der zehnte ist ein Spanier namens José, der die Attentäter vermutlich am 29. Februar zu einem Bergwerk im nordspanischen Asturien führte, wo sie gut hundert Kilo Sprengstoff des Typs Goma 2 Eco stahlen. Einer der Marokkaner soll den Vorbestraften im Gefängnis kennengelernt haben.

Es handelte sich um alte Bekannte

Der schnelle Zugriff ist der Tatsache zu verdanken, dass es die spanischen Fahnder mit alten Bekannten zu tun hatten: Zougam und Chaoui waren bereits im November 2001 von der spanischen Justiz vernommen worden, als diese eine Großaktion gegen spanische Terror-Zellen durchführte. Wie sich inzwischen herausstellte pflegten die Halbbrüder offenbar Umgang mit den inhaftierten mutmasslichen Köpfen der spanischen El Kaida, Abu Dahdah und Said Chedadi, dessen Bruder Mohamed wiederum unter den Verdächtigen ist, die nun wegen der Madrider Anschläge in Untersuchungshaft sitzen. Und es stellte sich heraus, dass Zougam einige Zeit bei Abdelaziz Benyaich gewohnt hatte, der 2003 als Drahtzieher der Anschläge in Casablanca verhaftet wurde.

Das Massaker in der marokkanischen Hafenstadt, bei dem im Mai 2003 dreizehn Selbstmordattentäter 32 Menschen mit in den Tod rissen, wird der "Gruppe der marokkanischen Islamkämpfer" zugeschrieben, einer Terror-Zelle, zu denen auch die Männer aus dem Telefonladen gehören sollen. Sollten hinter Casablanca und Madrid wirklich dieselben Drahtzieher stecken, so hätten sie inzwischen ihre Technik enorm verfeinert: Liefen die Selbstmordbomber in Marokko noch mit umgeschnalltem Sprengstoffgürtel zu Fuß zum Anschlagsort, weil sie sich kein Taxi leisten konnten, ließen die Attentäter von 11-M Chip-gesteuerte Bomben im Sekundentakt explodieren.

Ratlosigkeit und Unglauben bei der Familie

Doch so erdrückend die Beweise auch scheinen: Zougams Vater, Pförtner einer Arme-Leute-Moschee in Tanger, kann nicht glauben, dass sein Sohn ein Terrorist sein soll. "Ich kenne seinen Charakter, ich weiß, wie er erzogen wurde", sagt Mohamed Zougam, der in bescheidenen Verhältnissen am Stadtrand lebt. Die letzten Tage haben ihn mitgenommen, er läuft unruhig auf und ab, am Morgen war er so aufgelöst, dass ein Arzt kommen musste. Zwar hätte er Jamal und seinen Halbbruder Mohamed Chaoui nur selten gesehen, seit 1985 lebten die beiden mit der Mutter und zwei Schwestern in Madrid. "Aber er hat bei Besuchen hier immer betont, wie gut er in Europa aufgenommen worden sei." Trotzdem nagen Zweifel an Zougam senior: Zumindest Jamal sei in den letzten drei Jahren sehr introvertiert gewesen, wer weiß, was in Madrid mit ihnen passiert sei, sagt er.

"Wie könnte Mohamed Islamist sein?", fragt Bekkalis Schwester Fatima, perfekt geschminkt, mit offenem Haar und in engen Jeans. "Der ist doch nie in die Moschee gegangen und hatte immer nur Partys im Kopf." Immer sei sein Sohn mit der Familie ans Meer gegangen, habe sich gern vergnügt, sagt Bekkalis Vater, ein wohlhabender Teppichhändler. Während vor der Haustür der marrokanische Geheimdienst wacht, holt er Mohameds Real-Madrid-Trikot hervor, zeigt Familienfotos. Sein Sohn, der 200 Menschen getötet haben soll, grinst bei allen Aufnahmen fröhlich und offen in die Kamera. Als er Mohamed nach den Anschlägen in Madrid angerufen, habe der gerade mit den Hunderttausenden auf der Straße gegen den Terror demonstriert. Der einzige Fehler, den sein Sohn begangen habe, meint Vater Bekkali, sei der, im Telefonladen dieses Chaoui gejobbt zu haben.

In Madrid erinnert man sich an die Männer, die von ihren Familien als weltoffen und tolerant beschrieben werden, durchaus anders: Als sie begannen, immer radikalere Thesen zu vertreten, wurden sie von den Aufsehern der zentralen Moschee an der Madrider Ausfallstraße M-30 gebeten, sich doch ein neues Gotteshaus zu suchen.

Ulrike Putz