Mahmud Ahmadinedschad Biedermann und Brandstifter


Er glaubt tatsächlich, was Irans Geistliche seit 27 Jahren predigen. Damit verschreckt der neue Präsident Ahmadinedschad nicht bloß den Westen, sondern auch die Mullahs.

Es ist zurzeit leichter, in Teheran einen Witz über den neuen Präsidenten zu finden, als einen Menschen, der ihn gewählt hat. "Weshalb trägt Ahmadinedschad Mittelscheitel?", erzählen sich die Leute in den Cafés. "Um die männlichen von den weiblichen Läusen zu trennen." "Und weshalb ist die Cholera in Teheran ausgebrochen, als Ahmadinedschad an die Macht kam? Weil er seine alten Socken zur Amtseinführung im Karadsch-Stausee versenkt hat."

Offiziell 17 Millionen Iraner haben ihm im Juni ihre Stimme gegeben. Viele wollen heute nichts mehr davon wissen.

Mit säuerlicher Miene fasst die 34-jährige Parvaneh, Sekretärin eines staatlichen Kulturinstituts, ihre Gründe zusammen: Als Beamtin musste sie wählen, aber "Rafsandschani, dieser korrupte Mensch, ist unwählbar. Da blieb nur Ahmadinedschad. Außerdem bin ich unverheiratet! Mit 34!" Das sei ihr Hauptgrund gewesen. Denn obwohl sie selbst Geld verdient, kann sie nicht heiraten und bei ihren Eltern ausziehen - die Wohnungspreise sind so dramatisch gestiegen, dass Millionen junger Leute zur familiären Zwangs-WG verdammt sind. Ihnen hatte der neue Präsident einen milliardenschweren Fonds für junge Paare versprochen. "Dass er jetzt so einen Schwachsinn erzählt und uns in aller Welt unmöglich macht, war nicht zu ahnen", sagt sie wütend. Ihrer tief gläubigen Oma wiederum, die wählen ging, weil es als religiöse Pflicht propagiert wird, gefiel der Kandidat, weil "er sich so für die Armen einsetzt".

Seine Ausfälle gegen Israel quittieren beide nur mit Kopfschütteln. Israel zu verwünschen, das habe Khomeini eingeführt, aber es sei in den letzten Jahren immer leiser geworden. Den meisten ist das Thema egal. Wenn Oma wie Enkelin wissen wollen, was im Land los ist, hören sie nicht die zensierten Nachrichten des iranischen Rundfunks - sondern "Radio Esraiil", das persische Programm aus Israel: Da erfährt man den neuesten Tratsch aus Teheran, wo gegen das Regime demonstriert wurde und wer gerade gegen wen intrigiert.

Auf "Radio Esraiil" gibt es auch immer aktuelle Berichte von der Roadshow der Provokation, mit der Mahmud Ahmadinedschad dieser Tage über Land zieht. Mitte vergangener Woche gastierte er in Zahedan, einer Provinzhauptstadt an der Grenze zu Pakistan.

Die Bühne steht unter freiem Himmel. Das Publikum: ein paar tausend Basidschis, Hilfstruppen der Revolution, Männer und Frauen. Unter ihnen hat Ahmadinedschad seine treuesten Anhänger. Gerade hat er versprochen, 350 Millionen US-Dollar an die arme Provinz zu überweisen. Dann kommt er wieder auf sein Lieblingsthema: Im Westen "haben sie einen Mythos kreiert, und sie nennen ihn das Massaker an den Juden. Und wagt jemand es, den Mythos des Massakers an den Juden zu bestreiten, dann stimmen die Zionisten und ihre Lakaien ein Geschrei an, dass es ihnen fast die Stimmbänder zerreist."

Ahmadinedschad genießt den Beifall seiner Fans - mindestens so sehr wie das Entsetzen im Westen, wo man sich jetzt erst zu fragen beginnt, mit wem man es hier zu tun hat. Wer ist dieser Mann mit dem schütteren Barthaar und den Schatten um die Augen? Der, kaum im Amt, nichts Dringenderes zu tun hat, als die Brücken zwischen Teheran und Europa einzureißen, die seine Vorgänger in jahrelanger diplomatischer Kleinarbeit aufgebaut haben.

Mahmud Ahmadinedschad kam 1956 in kleinsten Verhältnissen zur Welt. Er ist noch keine zwei Jahre alt, als der Vater seinen Gemüseladen in einem Kaff südöstlich von Teheran aufgibt, um in der Hauptstadt sein Glück als Schmied zu versuchen. Mit dem Wohnort wechselt die Familie auch ihren Namen. Statt Sabordschian, der Berufsbezeichnung für den Fadenfärber in der Teppichfabrikation, führen Vater und Sohn ab sofort den neuen Nachnamen Ahmadi-Nedschad, was so viel bedeutet wie "zur tugendhaften Rasse des Propheten gehörig".

Der Name soll Programm werden im Leben des kleinen Mahmud. Schon mit zehn Jahren beginnt er, den Koran auswendig zu lernen. Als Schüler und Student glänzt er mit guten Noten, in den 70er Jahren druckt er heimlich Flugblätter gegen den gottlosen Schah. Nach der Revolution 1979 meldet er sich zum Frontdienst im Krieg gegen den Irak. Als Veteran und Mitglied der Revolutionsgarden wird er später Provinzgouverneur und 2003 Bürgermeister von Teheran.

Den Sprung ins Establishment der Mullah-Republik schafft der Sohn eines Schmieds trotzdem nicht, er hat ihn wohl auch nie gewollt. Denn er hat die Slogans der Revolution von einer gerechten Gesellschaft, die nach Allahs Geboten lebt, nicht nur mitgebrüllt, sondern versucht, wirklich danach zu leben. Bis heute soll es ihm zuwider sein, sich mit Leuten zu Tisch zu setzen, die ihre religiöse Steuer für die Armen nicht gezahlt haben. Als die Universitäten Ende der Neunziger vorübergehend zu Zentren des Widerstandes gegen die Mullahs werden, erscheint Ahmadi-Nedschad, inzwischen promovierter Ingenieur und Lehrbeauftragter, zu seinen Vorlesungen in seiner alten Basidschi-Kluft mit Palästinensertuch um den Hals.

Er ist ein wahrer Erbe Khomeinis - und steht damit auf ziemlich verlorenem Posten in der real existierenden Islamischen Republik im Jahr 27 nach dem Sturz des Schahs. Er wird selbst so überrascht gewesen sein wie die meisten seiner Landsleute, als er eines Morgens Mitte Juni aufwachte und Präsident war - Sieger in der Stichwahl gegen den haushohen Favoriten Rafsandschani. Gleichwohl, in Ahmadi-Nedschads Weltbild ist Platz genug auch für diese Wendung des Schicksals. Denn für ihn kommt die wahre Macht von ganz oben: von Allah, seinem Propheten und den zwölf irdischen Abgesandten, den Imamen, deren letzter im Jahre 941 auf mysteriöse Weise verschwand. Aber nach schiitischem Glauben wird er dereinst wiederkehren, um eine gerechte Ordnung auf Erden herzustellen.

Diesem islamischen Messias, Mahdi genannt, fühlt Ahmadinedschad sich verpflichtet. Gute Politik ist für ihn die Vollstreckung eines göttlichen Plans. "Allmächtiger Gott, ich bete zur dir, auf dass du deinen letzten Vertrauten alsbald wieder mögest erscheinen lassen, den Versprochenen, diesen vollkommenen und reinen Menschen. O Gott, mach uns zu seinen Gefährten und Jüngern, die seiner Sache dienen." So formulierte es der selbst ernannte Mahdi-Jünger auf der größten Bühne, die er in seiner kurzen Amtszeit bisher betreten hat: der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York.

Kaum zurück in Iran, berichtet Ahmadinedschad einem Ayatollah in der heiligen Stadt Qum von Momenten der Entrückung, die er während dieser Rede erlebt haben will. Ein Licht habe ihn umgeben, als er da stand hinter dem Rednerpult in New York, er, Mahmud, das Proletenkind, der religiöse Träumer, den sie immer nur belächelt hatten. "Ich spürte diese Aura, und plötzlich änderte sich die Stimmung im Saal. Die Führer der Welt wagten nicht, mit der Wimper zu zucken. Es schien, als halte eine Hand sie fest, und ihre Augen wurden geöffnet, die Botschaft der Islamischen Republik zu empfangen."

Was vor den versammelten Repräsentanten der Staatengemeinschaft bestenfalls skurril gewirkt hat, ist in der Islamischen Republik ein höchst brisantes Thema. Denn wenn der Präsident seinem Volk empfiehlt, sich auf die Rückkehr des Mahdis vorzubereiten, dann sagt er damit auch, dass die Tage des Revolutionsführers Khamenei gezählt sind. Darum hatte schon der Ayatollah Khomeini für die Mahdi-Lehren einiger Mitrevolutionäre der ersten Stunde wenig übrig.

Friedlich soll die Bekehrung der Welt zum Besseren nicht abgehen. Der Mahdi wird "mit dem Schwert" zurückkehren. Für einen Ahmadi-Nedschad, der sich den Filz des eigenen Landes ansieht und dazu die Drohgebärden aus Washington und Jerusalem, erscheint die Zukunft wohl rosiger als in den Augen der meisten Zeitgenossen.

Und ein paar Mächtige aus dem Mullah-Kartell setzen auf diese Brandreden noch eins drauf, aus einem weltlichen, diabolischen Kalkül: Je mehr der Iran vom Rest der Welt isoliert wird, desto ungestörter lässt sich der Staat in eine Diktatur verwandeln und weiter plündern. Griffen die israelische oder die US-Luftwaffe tatsächlich die Atomanlagen an, bliebe der Schaden überschaubar. Aber die Iraner in ihrem Nationalismus würden sich hinter ihre militärische Führung scharen. Es wäre ein leiser Putsch mit ausländischer Hilfe. Wie gut die nationalistische Karte funktioniert, hat sich im Atomstreit gezeigt: Auch die demokratischen Reformer beschworen das unverzichtbare Recht der Nation auf Kernenergie.

Auf die Nuklearpläne des Landes indes hat Ahmadinedschad gar keinen Einfluss. Die Verantwortung dafür liegt in den Händen des Nationalen Sicherheitsrats, einem von vier Gremien, die neben und über dem Parlament die Geschicke des Landes bestimmen. Dass der neue Präsident viele Posten in der Regierung wie in Behörden mit seinen Vertrauten besetzen will, ist eine Kriegserklärung ans Establishment. Mit Ahmadinedschad haben sich Khamenei und seine Getreuen selbst ein Bein gestellt: Nachdem sie im Wächterrat alle chancenreichen Reformer von der Wahl ausgeschlossen hatten, sagt nun ausgerechnet jemand, den sie zu den treuesten Dienern des Systems zählten, dem System von innen den Kampf an.

Ahmadinedschad verkauft seine Säuberungswelle

als Kampf gegen die Korruption - doch auch seine Kandidaten sind nicht besser als ihre Vorgänger. Drei für den Posten des Ölministers Nominierte rasselten im Parlament durch. Ahmadi-Nedschads eigene Leute verweigerten Männern wie dem Revolutionsgardisten Sadeq Mahsouli ihre Stimme, der sich seinen Spitznamen "Commander Billionaire" nachhaltig erworben hat.

Auch der Nationale Sicherheitsrat will sich in den kommenden Tagen mit Ahmadinedschad beschäftigen. Eines seiner Mitglieder urteilte bereits öffentlich: Als Privatmann könne er ja reden, was er wolle. Aber als Präsident habe er gefälligst darauf zu achten, die internationalen Beziehungen des Irans nicht zu gefährden. Wohl noch nie hat es ein iranischer Präsident geschafft, sich in so kurzer Zeit so viele Feinde in allen Lagern zu schaffen.

Selbst der einzige Wähler Ahmadi-Nedschads, der sich nach längerer Suche in Teheran weiter zu seinem Votum bekennt, hegt nur noch dialektische Hoffnung: Eigentlich sollte die kleine Firma des 25-jährigen Feridun alle Elektroinstallationen in einem Fünf-Sterne-Hotel am Kaspischen Meer übernehmen. Es hätte seine Hochzeit finanziert. Drei Tage nach Ahmadi-Nedschads Wahl sagte der Investor ab. "Dieser Präsident hat mich ruiniert", sagt er, "aber ich stehe zu meiner Wahl. Mit ihm an der Spitze wird dieses ganze System noch rasanter untergehen!"

Katajun Amirpur/Steffen Gassel/Christoph Reuter/Negar Ros print

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