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Massenproteste in Ägypten Israel blickt sorgenvoll in Richtung Kairo


Offiziell schweigt Israel zu den Protesten am Nil. Hinter den Kulissen aber ist die Angst groß vor dem Verlust der wichtigen Verbindung nach Ägypten.

Israels Regierung schweigt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat seinen Ministern untersagt, sich öffentlich zur Krise in Ägypten zu äußern. Von Washington wünscht sich Israel die Unterstützung der Regierung in Kairo. Weil Israels Angst vor Instabilität und Unsicherheit in der Region so groß ist, hielt sich das Land bisher mit Äußerungen zu den gewaltsamen Protesten in Ägypten auffallend zurück. Das nördliche Nachbarland dürfte selbst überrascht sein vom Ausmaß und der Kraft der ägyptischen Proteste. Und es sorgt sich um den Frieden mit Kairo.

"Der Frieden mit Ägypten hält seit drei Jahrzehnten an und unser Ziel ist, dass das so weitergeht", lauteten die klaren Worte von Regierungschef Netanjahu am Sonntag. "Unsere Bemühungen richten sich auf den Erhalt von Stabilität und Sicherheit in der Region." Die beiden Länder hatten 1979 einen Friedensvertrag geschlossen. Ägypten war damit das erste arabische Land überhaupt, das einen solchen Schritt unternahm. Seitdem überstand das Abkommen zwei Libanon-Kriege (1982 und 2006), die erste und zweite Intifada der Palästinenser (1987 und 2000) und trotzte immer wieder den festgefahrenen Nahost-Friedensverhandlungen.

Diesmal befürchten Israels Politiker und Experten aber offenbar, dass die Proteste in Ägypten, die nach dem Vorbild des Umsturzes in Tunesien ablaufen, weitreichendere Folgen haben könnten. "Das Beunruhigendste ist derzeit das Klima der Unsicherheit, das in dem einflussreichsten Land im Nahen Osten herrscht", sagte am Samstag ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte. Zwischen Israel und Ägypten gebe es "enorm wichtige strategische und wirtschaftliche Verbindungen", die nun auf dem Spiel stünden. Wie zum Beweis für die derzeitige Furcht in Israel werden auch die Märkte nervös: Die Börse in Tel Aviv brach um 3,4 Prozent ein.

Israel übt sich daher einerseits in deutlicher Zurückhaltung. "Wir dürfen uns nicht in die inneren Angelegenheiten Ägyptens einmischen", sagte am Montag der Abgeordnete Schaul Mofas im Radio. Netanjahu schlug in dieselbe Kerbe. "Wichtig für Israel ist nun, Zurückhaltung und Verantwortung zu beweisen."

Andererseits ist die Furcht vor einer Eskalation der Lage in der Region zu spüren und die richtet sich vor allem gegen die Islamisten, die in Ägypten die Macht ergreifen könnten. Der Militärgeheimdienst musste sich von der israelischen Presse am Montag dafür kritisieren lassen, die Revolte in Ägypten nicht vorhergesehen zu haben. "Die Muslimbruderschaft ist für Israel ebenso wie für das derzeitige Regime in Ägypten ein Feind", sagte Mofas. "Wenn sie tatsächlich die Macht übernehmen, wäre das ein dramatischer Wandel in der gesamten Region", fügte er hinzu und warnte vor einem Überschwappen der Instabilität auf Länder wie Jordanien oder die Palästinensergebiete.

Israel hat also ein großes Interesse daran, dass radikale Strömungen sich nicht verselbständigen. Das sieht im Übrigen auch die Bundesregierung so. "Die israelische Haltung entspricht unserer", hieß es jüngst aus Regierungskreisen.

Marius Schattner, AFP AFP

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