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Massenproteste in Syrien Hunderttausende stellen sich Assad entgegen


Neuer Massenprotest, neue Tote: Die arabischen Beobachter können die Lage in Syrien nicht beruhigen. Hunderttausende sind auf den Straßen. Der Diktator antwortet mit Gewalt.

In Syrien sind in einer der größten Protestaktionen seit Beginn des Volksaufstands landesweit hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen. Allein in der nördlichen Widerstandsprovinz Idlib hätten nach den Freitagsgebeten 250.000 Menschen an mehr als 70 Orten gegen den autokratischen Präsidenten Baschar al Assad demonstriert, teilte in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Auch in Hama und dem Vorort Duma der Hauptstadt Damaskus protestierten nach Angaben von Oppositionellen Zehntausende Menschen. Die Sicherheitskräfte hätten in der Stadt Duma nördlich von Damaskus neben Tränengas und Blendgranaten auch Nagelbomben eingesetzt, um die Demonstranten auseinanderzutreiben, teilte die Beobachtungsstelle mit. In den Städten Idleb, Daraa und Hama hätten Sicherheitskräfte mindestens 16 zivile Regierungsgegner erschossen. Ungeachtet der Präsenz von Beobachtern der Arabischen Liga seien dort außerdem mehr als 40 Menschen verletzt worden. Ein Aktivist vor Ort habe berichtet, dass er von einem Schrapnell der Nagelbomben getroffen worden sei. Für die Angaben der Beobachtungsstelle gab es keine unabhängige Bestätigung.

"Dieser Freitag ist anders als die anderen Freitage"

Der Fernsehsender al Dschasira strahlte Live-Aufnahmen aus, die nach seiner Darstellung Zehntausende Demonstranten in einem Bezirk der Stadt Homs zeigten. Die Demonstranten tanzten und riefen: "Revolution und Freiheit für Syrien." Ein Aktivist in der Widerstandshochburg Hama sagte: "Dieser Freitag ist anders als die anderen Freitage. Die Leute sind begierig, den Beobachtern über ihr Leiden zu berichten."

Die Lage in Syrien wird immer schwieriger zu beurteilen: Einem anderen Bericht zufolge richteten sich die Proteste Zehntausender nämlich direkt gegen die Delegation der Arabischen Liga, weil sie das Blutvergießen bislang nicht stoppen konnte. Zusätzlich hatten Äußerungen des Chefs der Beobachtergruppe, des sudanesischen Generals Mustafa al Dabi, für Empörung gesorgt: Nach seinem Aufenthalt in der Protesthochburg Homs wurde al Dabi mit den Worten zitiert, er habe nichts Beunruhigendes gesehen. In einer offiziellen Stellungnahme rückte die Delegation am Freitag von al Dabis Äußerungen ab. Er selbst hatte später um Zeit für die Beobachter gebeten.

"Zeugen, die nichts sehen"

"Wir wissen, dass das Blutvergießen nicht allein deshalb enden wird, weil sie da sind", sagte ein Oppositionsvertreter aus Hama über die Vertreter der Arabischen Liga, die seit Mittwoch im Land unterwegs sind. "Aber wenigstens werden sie es sehen." Im Vorort Barseh von Damaskus hielten Demonstranten Spruchbänder hoch, auf denen zu lesen war: "Die Beobachter sind Zeugen, die nichts sehen."

Ein Aktivist äußerte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur DPA scharfe Kritik an al Dabi. Er sei Vertreter eines Regimes, das für die Unterdrückung der Opposition bekannt sei, sagte Omar Idlibi. Al Dabi gilt als Vertrauter von Sudans Präsidenten Omar al Baschir, gegen den wegen der Kriegsverbrechen in Darfur ein internationaler Haftbefehl vorliegt.

Opposition fordert Schutzzonen

Die Gegner des Assad-Regimes halten die Zustimmung der syrischen Führung zu der Mission für ein Ablenkungsmanöver. Dem Regime gehe es allein darum zu verhindern, dass sich der UN-Sicherheitsrat mit der Krise befasse. Die Opposition fordert schon seit geraumer Zeit sogenannte Schutzzonen an der Grenze zur Türkei.

Die Teams der Arabischen Liga setzten derweil ihre Besuche in den Krisenherden des Landes fort. Mehr als 100 Konfliktregionen wollen sie bis Ende Januar inspiziert haben. Am Freitag sprachen sie in der Stadt Harasta bei Damaskus mit Bewohnern, wie aus dem Umfeld der Beobachter verlautete.

Die Beobachter der Arabischen Liga sollen die Einhaltung eines Friedensplans überwachen, den die syrische Führung im November mit der Liga vereinbart hat. Darin sagt sie ein Ende der Gewaltaktionen gegen die Opposition zu. Nach UN-Schätzungen sind seit Beginn des Aufstandes gegen Assad im März mehr als 5000 Menschen getötet worden.

tkr/Reuters/DPA/AFP DPA Reuters

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