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Besuch in Griechenland: Merkel und Tsipras – das vielleicht ungewöhnlichste Paar der europäischen Politik

Angela Merkel zeigt bei ihrem Besuch bei Alexis Tsipras: Aus ehemaligen Gegnern sind Verbündete geworden. Allerdings ist Merkel bereits auf Abschiedstournee und auch ihr griechischer Kollege könnte sein Amt bald verlieren.

Von Raphael Geiger, Athen

Video: Griechenland pocht bei Merkel-Besuch auf deutsche Reparationen

Als Angela Merkel am Freitagnachmittag in Athen wieder in den Flieger nach Berlin steigt, hat sie einen Höflichkeitsbesuch hinter sich - einerseits. Aber dieser Staatsbesuch war mehr als das. Schon deshalb, weil er in dieser Form bis vor kurzem nicht denkbar gewesen wäre. Die CDU-Kanzlerin und der griechische Premier Alexis Tsipras, dessen Partei die "radikale Linke" im Namen trägt, sind die vielleicht ungewöhnlichste Paarung der europäischen Politik. Die beiden mögen sich inzwischen sehr.

In Tsipras’ erstem Regierungsjahr 2015 war das nicht vorherzusehen. Tsipras war an die Macht gekommen mit einem Anti-Merkel-Wahlkampf. Und die deutsche Bundesregierung griff in den griechischen Wahlkampf ein, indem sie die Griechen vor Tsipras warnte.

Man stand auf verschiedenen Seiten des politischen Spektrums, es gab schrille Töne von beiden Seiten, aus Athen wie aus Berlin. Nachher sah man in Berlin zu lange nicht ein, dass Tsipras, im Amt angekommen, sehr schnell nicht mehr der Revolutionär war, sondern dass es ihm vor allem darum ging, persönlich anerkannt zu werden. Es dauerte, bis Merkel registrierte, dass sie in Tsipras jemanden hatte, der Griechenland einigermaßen ruhig hielt und der, von der Wirtschaft abgesehen, in den meisten Fragen auf ihrer Seite stand.

Was Merkel und Tsipras verbindet

Als die beiden am Donnerstagabend in Tsipras’ Amtssitz, der Villa Maximou, vor die Peesse treten, betonen sie immer wieder, dass sie ja eigentlich aus unterschiedlichen Parteienfamilien kommen. Und dass sie trotzdem so viel verbinde. Die Flüchtlingsfrage vor allem, in der Merkel und der Sozialist Tsipras Verbündete sind gegen konservative Regierungschefs in Wien oder Budapest.

Dazu dankt Merkel Tsipras ausführlich für den Deal, den er mit Mazedonien in der Namensfrage ausgehandelt hat. Die konservative griechische Opposition, eigentlich Merkels Schwesterpartei, lehnt den Deal strikt ab. In diesem Jahr sind Parlamentswahlen in Griechenland. Man kann in Merkels Besuch auch eine Wahlkampfhilfe für Tsipras sehen. Tsipras hat sich von Kritik an der Sparpolitik lange verabschiedet, lieber spricht er über die kleinen Fortschritte, die das Land mache. Zur Begrüßung sagt er zu Merkel: "Sie kommen heute in ein völlig anderes Griechenland", man gehe in "ein neues Zeitalter". Da geht Merkel gern mit.

Griechenland und die nicht enden wollende Krise

Am Freitag frühstückte die Kanzerlin mit Kulturschaffenden, traf Unternehmer und besuchte die Deutsche Schule von Athen. Die Schüler empfingen sie mit Standing Ovations. Doch hatte Merkel aus ihren Gesprächen offenbar mitgenommen, dass viele Griechen Tsipras’ Erfolgsgeschichte nicht teilen. Sie habe den Eindruck, sagte sie den Schülern, es herrsche nach den Krisenjahren eine "Müdigkeit" im Land.

Tatsächlich ist die Krise ja nicht zu Ende, die meisten der Schüler, die Merkel traf, werden sich im Ausland bewerben. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei 19 Prozent, und fast jeder Zweite, der Arbeit hat, verdient weniger als 700 Euro brutto. Vielleicht hätte Merkel den Griechen schon vor Jahren zuhören sollen, als sie als Kanzlerin die Sparprogramme durchsetzte. Merkel ist in der Spätphase ihrer Kanzlerschaft, auch Tsipras verliert möglicherweise bald sein Amt. Ob er die Wahl in diesem Jahr gewinnen kann, ist unklar. In den Umfragen liegt er hinter der Opposition zurück. Könnte also sein, dass dieser Besuch schon ein Abschied war. 

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