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Präsidentschaftswahl in Bolivien: Morales' Weg vom Lama-Hirten zum Langzeit-Präsidenten

Bei den Präsidentschaftswahlen in Bolivien ist Evo Morales unangefochtener Favorit. Ein Sieg würde seine dritte Amtszeit in Folge bedeuten. Der 54-Jährige hat eine beeindruckende Bilanz vorzuweisen.

Als kleiner Junge hütete Evo Morales Lamas, damit seine Familie über die Runden kam, später wurde er Koka-Bauer. Seit knapp neun Jahren ist Morales Präsident von Bolivien. Und dabei wird es wohl auch nach der Wahl am Sonntag bleiben. Denn der erste indianische Staatschef des Landes hat Bolivien eine nie dagewesene politische und wirtschaftliche Stabilität gebracht und Millionen seiner Landsleute neue Hoffnung gegeben.

So erstaunlich sein Aufstieg ins höchste Staatsamt im Januar 2006 war, so ertragreich ist auch Morales' Bilanz nach zwei Amtszeiten. Als er die Amtsgeschäfte übernahm, war Bolivien noch ein Armenhaus Lateinamerikas, die Ureinwohner waren systematisch benachteiligt. "Heute haben wir Würde. Niemals wieder werden wir Bettler sein, niemals wieder gedemütigt", sagte der 54-Jährige immer wieder, und das nicht ohne Grund.

Die Renationalisierung des Öl- und Gassektors war einer seiner wichtigsten Maßnahmen, auch, weil sie nicht zur Flucht der internationalen Energiemultis führte. Das jüngste Symbol für den Aufstieg des Landes: Seit Mai surrt eine moderne Gondel - die längste städtische Seilbahn der Welt - über den Dächern der Millionenstadt La Paz und lindert das Verkehrschaos. Der Anden-Staat hat einen Satelliten ins All geschossen, hat international an Statur gewonnen, vor allem aber konnten die Lebensumstände der Bevölkerung verbessert werden.

"Mutter zog mich nur aus, um Flöhe zu suchen"

Den weiteren Kampf gegen die Armut hat Morales vor der Wahl zu seinem wichtigsten Ziel erklärt. Die Regierung trage dafür eine "enorme Verantwortung", sagte er. Und der begeisterte Freizeitfußballer ist dafür unermüdlich im Einsatz, hat oft schon um 5 Uhr morgens seine ersten Termine. Nicht selten kommt es vor, dass er an einem Tag an fünf verschiedenen Orten auftritt.

In einer pünktlich vor der Wahl erschienenen Autobiografie hat "El Evo" Morales seine Wurzeln eindrucksvoll beschrieben. Als Sohn einer armen Bauernfamilie von Aymara- und Quechua-Indianern wuchs er in der südlichen Provinz Oruro in einem kleinen Dorf ohne Strom und fließendes Wasser auf. Von seinen sieben Geschwistern starben vier an Krankheit oder Unterernährung. "Bis ich 14 war, wusste ich nicht, dass es Unterwäsche gibt", schrieb er. "Meine Mutter zog mich nur aus, um Flöhe zu suchen oder meine Kleidung an Ellenbogen und Knien zu flicken."

Anfang der 80er Jahre floh Morales vor einer Dürre in die nördlich gelegene Provinz Chapare. Dort lernte er nach einer Privatisierungswelle die Not tausender entlassener Grubenarbeiter kennen, wurde Chef der Koka-Bauernverbände. 1997 folgte die Wahl ins Parlament. Der Sozialist organisierte Proteste mit wochenlangen Straßenblockaden gegen die Regierungen des früheren Diktators Hugo Banzer (1997-2001) und seines Nachfolgers Jorge Quiroga (2001-2002). Im Januar 2006 wurde Morales schließlich mit 53 Prozent der Stimmen zum Präsidenten von Bolivien gewählt.

Morales will den Koka-Anbau legalisieren

Im Amt blieb er seinem Stil treu: Dichtes, schwarzes Haar, bunte, traditionelle Anden-Kleidung. Morales beschreibt sich selbst humorvoll als "hässlichen schwarzen Indianer mit Papageien-Nase". Er kämpft für eine internationale Entkriminalisierung des Koka-Anbaus, ruft die USA zu seinem Lieblingsfeind aus und knüpft neue Bündnisse mit dem Iran, Russland und China. "Das Volk ist antikolonial, antiimperialistisch, antikapitalistisch", lautet einer seiner Schlachtrufe.

2009 wurde Morales mit 64 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Seitdem sei es ihm nicht gelungen, Unsicherheit, Drogenhandel und Korruption zu bekämpfen, werfen ihm seine Gegner vor. An seiner Wiederwahl gibt es dennoch kaum Zweifel, Umfragen sehen ihn bei knapp 60 Prozent. Nur eine umstrittene Auslegung der Verfassung ermöglichte Morales die erneute Kandidatur. Jenseits der 60, so meint er, sollte niemand an der Macht bleiben. Danach will er ein Restaurant aufmachen.

mka/AFP / AFP