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Nahost: "Das ist Krieg"

Im Gaza-Streifen bekämpfen sich Hamas und Fatah mit brachialer Gewalt, die gemeinsame Regierung droht zu zerfallen, die Lage für die Zivilisten ist verzweifelt. Die Friedensappelle von Präsident Abbas verhallen ungehört.

Der palästinensische Bruderkampf eskaliert: Hamas und Fatah liefern sich im Gaza-Streifen heftige Gefechte. "Das ist Krieg", sagte der verzweifelte Fatah-Sprecher Maher Magdad am Dienstag inmitten heftiger Kämpfe, bevor hunderte Milizionäre der radikal-islamischen Hamas sein Gebäude angriffen. Die Hamas erkämpft sich im Gazastreifen Schritt für Schritt die Kontrolle.

Vorwurf, Marionette zu sein

In einer Ansprache, die vom palästinensischen Fernsehen übertragen wurde, beschuldigte Fatah-Mann Magdad die Hamas, im Dienste ausländischer Kräfte zu handeln, die die Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas auslöschen wollten. Mit dieser Umschreibung unterstellte er, dass der Iran die Hamas steuern würde. Hamas dagegen lässt keine Gelegenheit aus, die verfeindete Fatah zur Marionette der USA und Israels zu erklären.

Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas forderte in einem dringlichen Appell eine sofortige Waffenruhe. "In meiner Funktion als Chef der Palästinenser-Regierung und oberster Chef aller Sicherheitskräfte und militärischen Einheiten rufe ich zu einem sofortigen Waffenstillstand und Gesprächen über ein Ende aller Gewalt und der internen Kämpfe auf", hieß es in einer Erklärung, die von der amtlichen Nachrichtenagentur Wafa verbreitet wurde. Die brutalen Auseinandersetzungen hielten dessen ungeachtet an.

In Gaza haben Hamas-Kämpfer einen Fatah-Offizier von einem Hochhausdach in den Tod stürzen lassen - Auftakt der jüngsten Eskalation. Als ein Hamas-Milizionär erschossen wurde, stürmten andere ein Krankenhaus in Bet Hanun und ermordeten dort einen Vater und seine Söhne praktisch in den Betten. In der Nacht ging das Haus eines Fatah-Sicherheitsoffiziers in Flammen auf. Seine Mutter (75) und zwei Töchter (15 und 19) starben in den Flammen.

Hamas ist besser organisiert

In Sachen Folter und Mordbrennerei stehen sich die beiden Palästinenserorganisationen in nichts nach. Allerdings ist die Hamas deutlich besser organisiert. "Die Fatah-Kämpfer sind Banden, die sich um einzelne Anführer scharren. Es gibt keine vereinte Führung", sagt ein palästinensischer Beobachter. "Die Polizei ist unterbezahlt und unmotiviert. Die Hamas hat dagegen eine Armee zur Verfügung. Tausende Mann unter Waffen. Und es scheint, dass sie unerbittlich einen Plan umsetzen."

Die Führung der 30.000 Mann starken Nationalen Sicherheitskräfte in den Palästinenser-Gebieten hat unterdessen angeordnet, gegen die mitregierende Hamas-Bewegung vorzugehen. Die Anhänger von Präsident Mahmud Abbas unterstellen, dass Hamas einen islamistischen Putsch wolle - der niedergeschlagen werden müsse.

Zivilisten im Gazastreifen sind schockiert über das Ausmaß der Gewalt. Die Verrohung wird einmal als Folge des Kampfes gegen Israel beschrieben, ein anderes Mal im Zusammenhang mit der allgemeinen Hoffnungslosigkeit im Gazastreifen gesehen.

630 Tote bislang

Die Fatah kündigte eine Entscheidung darüber an, ob sie sich angesichts der Gewalt aus der gemeinsamen Regierung mit der Hamas zurückzieht. Auch der Rücktritt ihrer Abgeordneten stehe zur Diskussion, sagte der Sprecher Abdel-Hakim Awad. Die Hamas warf der Fatah vor, die Regierung Hanija stürzen zu wollen. "Bestimmte Parteien arbeiten mit Gruppen zusammen, die unserem Volk feindlich gesinnt sind, und haben versucht, die Regierung der nationalen Einheit mit Gewalt zu Fall zu bringen", sagte ein Mitarbeiter Hanijas.

Die vor drei Monaten unter saudiarabischer Vermittlung gebildete Koalition galt eigentlich als Versuch, den Machtkampf im Zaum zu halten. Seit die gemäßigte Fatah im Januar vergangenen Jahres die Wahlen an die Hamas verloren hat, sind in den Kämpfen rund 630 Palästinenser getötet worden.

DPA/Reuters / DPA / Reuters