Nahost-Konflikt Israelische Panzer rücken in Gaza-Streifen ein


Die israelische Armee ist mit Panzern in den Gaza-Streifen eingerückt, und es wurden Raketen auf Gaza-Stadt abgefeuert. Die Palästinenser sind desillusioniert angesichts der israelischen Parlamentswahl am 28. Januar.

Die israelische Armee ist am Freitag palästinensischen Angaben zufolge mit Panzern in den Gaza-Streifen eingerückt. Zuvor hatten bewaffnete Palästinenser bei Hebron im Westjordanland drei israelische Soldaten erschossen, wie aus israelischen Militärkreisen verlautete.

Palästinensische Augenzeugen berichteten, israelische Hubschrauber hätten sechs Raketen auf Gaza-Stadt abgefeuert und eine Gießerei zerstört. Eine nahe gelegene Moschee sei beschädigt worden. Vier Menschen seien verletzt. Israelische Militärkreise bestätigten Operationen im Gaza-Streifen, nannten aber keine Details.

Drei Soldaten aus Hinterhalt getötet

Zuvor hatten Palästinenser nach Angaben aus Militärkreisen in der Nähe der jüdischen Siedlung Beit Hagai im Westjordanland aus einem Hinterhalt drei Soldaten getötet. Sowohl die militante Palästinenser-Organisation Hamas als auch die El-Aksa-Brigaden, ein Ableger der Fatah von Palästinenser-Präsident Jassir Arafat, bekannten sich zu der Tat. Eine Mitarbeiterin des Rettungsdiensts sagte, die Soldaten seien offenbar aus kurzer Entfernung erschossen worden.

Israel hat sich besorgt über eine Zunahme von Gewalttaten vor den Parlamentswahlen am kommenden Dienstag gezeigt.

Parlamentswahl in Israel am 28. Januar

Desillusioniert, aber mit einem Fünkchen Hoffnung sehen viele Palästinenser der Parlamentswahl in Israel am kommenden Dienstag (28. Januar) entgegen. Während die Autonomiebehörde die israelischen Wähler am Scheideweg zwischen Gewalt und Frieden sieht, haben die radikalen Palästinensergruppen ihre Kampfansage schon gemacht. Sie wollen unabhängig vom Ausgang die Selbstmordattentate auch gegen israelische Zivilisten fortsetzen.

Angesichts der Umfragen in Israel, die der Likud-Partei von Ministerpräsident Ariel Scharon große Stimmengewinne voraussagen, spricht der Arbeitsminister in der palästinensischen Autonomiebehörde, Ghassan Chatib, von «kurzfristig sehr, sehr negativen Erwartungen». «Erstens: Scharon wird nicht so schnell verschwinden. Zweitens: Mit Blick auf die kriminelle Vergangenheit Scharons glauben wir, dass er einen Krieg im Irak ausnützt, um seine Kampagne gegen die Palästinenser auszuweiten und zu verschärfen.»

Israelische Wähler am Scheideweg?

Die israelischen Wähler stehen aus Sicht von Chatib am Scheideweg: «Wenn sie eine Regierung wählen, die ihre Hand friedlich ausstreckt, werden sie bei den Palästinensern große Bereitschaft und Zusammenarbeit finden. Wählen sie eine Regierung, die die Gewalt fortsetzt, werden sie auch eine Antwort der Palästinenser bekommen. Die Standhaftigkeit und der Widerstand gegen eine solche Politik werden weitergehen.»

Für militante Palästinensergruppen macht es keinen Unterschied, wer künftig die Geschicke in Israel lenkt. «Wir wollen keinerlei Illusion aufkommen lassen, dass der palästinensische Widerstand im Rhythmus der israelischen Wahlen kontrolliert werden kann. Im Konflikt mit den Zionisten gibt es keinen Unterschied zwischen den israelischen Parteien», sagt der hochrangige Führer der radikalen Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad, Mohammed el Hindi. Der bewaffnete Widerstand gegen Israel werde weitergeführt, solange die Besatzung andauere.

«Unterschied zwischen Terrorismus und Terrorismus»

Auch für den Sprecher der radikal-islamischen Hamas-Bewegung, Abdel Asis Rantisi, spielt es keine Rolle, ob die oppositionelle Arbeitspartei oder die Likud-Partei Scharons gewinnt. «Die meisten Palästinenser, die in den vergangenen 50 Jahren getötet worden sind, starben unter einer Arbeitspartei-Regierung. Mehr als 80 Prozent der jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten wurden von der Arbeitspartei gebaut», sagt er. Der Unterschied zwischen beiden Parteien sei wie der «Unterschied zwischen Terrorismus und Terrorismus». Auch Hamas werde den Widerstand fortsetzen.

Für den Geschäftsmann Rabah Sbetani aus Ramallah, dessen Umsatz nach zwei Jahren Intifada nur noch «tröpfelt», gibt es keinen Hoffnungsschimmer. «Alle Führer in Israel sind aus dem gleichen Holz. «Sie sind selbstsüchtig, und sie wollen unser Land», sagt der 70- Jährige.

Wähler haben historische Verantwortung

Der Bürgermeister der christlich-arabischen Stadt Bethlehem appelliert an die Israelis: «Die israelischen Wähler müssen verstehen, dass sie eine große historische Verantwortung haben. Sie müssen sich zwischen Frieden oder Gewalt entscheiden.» Der Geistliche Amdschad Sakara von der Geburtskirche in Bethlehem sagt: «Wir erwarten von den Wahlen Frieden, einen gerechten Frieden, mit Sicherheit für alle und einem Rückzug aus den Palästinensergebieten.»

Dem Studenten Kustandin Schomali schwant Schlimmes, falls die Likud-Partei weiter regieren sollte: «Dann werden wir niemals Frieden haben, und der Konflikt wird weitergehen, und die Intifada wird weitergehen.» Hanan Banura aus Bethlehem poltert los: «Wie können Sie es wagen, mich zu den Wahlen zu befragen, wenn mein Haus in Gefahr ist, zerstört zu werden, und wenn ich wegen der Ausgangssperren nichts mehr machen kann, noch nicht einmal zur Arbeit gehen.»

Seit Beginn des neuen Konflikts über 2000 Palästinenser und 700 Israelis getötet

Der seit 28 Monaten andauernde blutige Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat bisher mehr als 2000 Palästinenser und über 700 Israelis das Leben gekostet. Nach Angaben des palästinensischen Roten Halbmonds vom Freitag starben seit dem 29. September 2000 insgesamt 2010 Palästinenser einen gewaltsamen Tod als Folge des Konflikts. Die allermeisten wurden von israelischen Soldaten getötet. Mehr als 21 500 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Auf israelischer Seite starben nach Angaben der Armee 724 Menschen, darunter 218 Soldaten und Polizisten. 5055 Israelis wurden verletzt. Ein großer Teil der getöteten Israelis starb bei palästinensischen Terroranschlägen in Israel.

Unter den toten Palästinensern waren auch Dutzende Selbstmordattentäter, die vom Roten Halbmond als Opfer des Konflikts gezählt werden. Allein 51 Palästinenser sprengten sich bei Anschlägen auf israelischem Gebiet in die Luft. Auch Palästinenser, die von militanten Landsleuten als Kollaborateure Israels getötet wurden, zählen nach dieser Statistik zu den Opfern der Intifada.


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