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Nahost: Vom Abitur zum Märtyrertum

Nicht lange hielt die Waffenruhe zwischen Israel und den militanten Palästinensern. Das jüngste Selbstmordattentat bedeutet einen Rückschlag für die Friedensbemühungen.

"Der Horror kehrte zurück", schreibt die israelische Tageszeitung "Jediot Achronot" am Tag nach dem ersten Selbstmordanschlag seit mehr als vier Monaten. Trotz der Sperranlage und der offiziell erklärten Waffenruhe schaffte es ein 18-jähriger Palästinenser aus den Reihen des Islamischen Dschihad, in Netanja vier Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Noch am Morgen habe er sich sein Abiturzeugnis abgeholt, schreibt das Blatt. Während Altersgenossen den Start in einen neuen Lebensabschnitt feiern, bringt der Attentäter den Tod.

Das Attentat bedeutet einen Rückschlag für Bemühungen um eine Annäherung Israels und der Palästinenser. Denn bei einem Treffen mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon die Zerschlagung von Terrorgruppen zur Bedingung für weitere Zugeständnisse gemacht. Abbas setzt dagegen auf einen Dialog mit den Führungen militanter Organisationen, um diese auf die Waffenruhe zu verpflichten. Doch trotz einer Beruhigung geht die Strategie nicht ganz auf, wie der jüngste Selbstmordanschlag zeigt.

Untergrundgruppe außer Kontrolle

Ende März hatte Israel der palästinensischen Autonomiebehörde die Sicherheitskontrolle über Tulkarem übergeben. Mehrere Dutzend militanter Palästinenser erklärten sich in Verhandlungen bereit, ihren Kampf ruhen zu lassen und in den Dienst der Polizeikräfte einzutreten. Eine kleinere Gruppe des Islamischen Dschihad verweigerte aber den Schritt aus dem Untergrund heraus. "Diese Gruppe steckt ganz offensichtlich hinter mehreren Anschlägen und hört auch nicht mehr auf die eigene Führung", sagt ein Palästinenser mit Kenntnis der lokalen Begebenheiten. Trotzdem hat die Palästinenserführung die Extremisten nicht gestellt.

Und anders als bei dem tödlichen Anschlag auf einen Nachtclub in Tel Aviv im Februar ist die Führung des Islamischen Dschihad diesmal nicht mehr um öffentliche Distanz zu dem Selbstmordattentäter bemüht. Der Anschlag sei natürliche Reaktion auf die täglichen israelischen Verletzungen der Waffenruhe, sagte der Dschihad-Anführer Chaled al- Batsch in der Stadt Gaza. "Ruhe für Ruhe, Antworten für Verletzungen (der Waffenruhe)", gibt er als Parole aus.

Unterdessen lässt der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas bereits Pläne für einen Schlag gegen den Islamischen Dschihad ausarbeiten. "Wir werden auf jede Weise und überall gegen den Islamischen Dschihad vorgehen", sagte Mofas am Mittwoch. Israelische Regierungsvertreter sind überzeugt, dass es sich bei den Attentätern nicht um einzelne Extremisten handelt. Die Organisation habe sich gegen die Waffenruhe entschieden und suche die bewaffnete Konfrontation.

Carsten hoffmann/DPA / DPA