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Bericht Satellitenfotos sollen "dunkle Schiffe" vor Nord Stream-Leck zeigen

Das Nord Stream 1-Gasleck in der Ostsee, fotografiert aus einem Flugzeug
Ende September sprudelte es in der Ostsee, als Gas aus den Pipelines der Nord Stream traten
© Swedish Coast Guard / DPA
Warum wurde die Gaspipeline Nord Stream beschädigt? Viele sind sich einig: Es war Sabotage. Aber durch wen? Eine private Satelliten-Firma hat offenbar neue Hinweise.

Ende September hatten Explosionen mehrere Löcher in die von Russland nach Deutschland führenden Gas-Pipelines von Nord Stream in der Ostsee gerissen. Aus mehreren Lecks waren tagelang ununterbrochen große Mengen Gas ausgetreten. Bis zu 400.000 Tonnen Methan sollen schätzungsweise in die Atmosphäre gelangt sein. 

Der Verdacht der Sabotage steht im Raum.

Die große Frage nach wie vor ist aber: Wer steckt hinter den Explosionen? Westliche Regierungen sehen in Moskau den Drahtzieher. Russland selbst bezichtigte eine britische Marineeinheit für den "Terroranschlag" ­­– eine Behauptung, die Großbritannien zurückweist.

Neue Satellitenfotos könnten Licht ins Dunkel des Nord Stream-Mysteriums bringen.

Eine Analyse soll laut dem US-Technikmagazin "Wired" zeigen, dass zwei große Schiffe mit ausgeschalteten Trackern in den Tagen unmittelbar vor dem Auftauchen der Lecks im besagten Gebiet aufgetaucht sind.

Firma untersuchte Satellitenfotos

Laut dem privaten Satellitendatenüberwachungsunternehmen SpaceKnow fuhren die beiden "dunklen Schiffe", die jeweils etwa 95 bis 130 Meter lang waren, nur wenige Kilometer von den Leckstellen von Nord Stream 2 entfernt. Sie werden als dunkel bezeichnet, da sie praktisch nicht sichtbar sind.

"Wir haben einige dunkle Schiffe entdeckt, Schiffe von beträchtlicher Größe, die durch dieses Interessengebiet fuhren", sagte Jerry Javornicky, CEO und Mitbegründer von SpaceKnow, gegenüber "Wired". "Sie hatten ihre Leuchtfeuer ausgeschaltet, was bedeutet, dass es keine Informationen über ihre Bewegung gab, und sie versuchten, ihre Standortinformationen und allgemeinen Informationen vor der Welt zu verbergen."

Der CEO erklärte, das Unternehmen habe 90 Tage lang archivierte Satellitenbilder aus dem Gebiet durchsucht. Bilder von mehreren Satellitensystemen – einschließlich kostenpflichtiger und kostenloser Dienste – seien dabei analysiert worden.

Zwei Schiffe ohne Identifikationssystem

In den Wochen vor den Explosionen entdeckte SpaceKnow 25 Schiffe, die durch die Region fuhren, von "Frachtschiffen bis hin zu größeren Mehrzweckschiffen", so Javornicky. Insgesamt waren bei 23 dieser Schiffe die Transponder des automatischen Identifikationssystems (AIS) eingeschaltet. Bei zweien waren die AIS-Daten nicht eingeschaltet – und diese Schiffe passierten das Gebiet in den Tagen unmittelbar vor der Entdeckung der Lecks.

Nach internationalem Recht müssen große Schiffe AIS installieren und verwenden. Dieses Schiffsverfolgungssystem wurde entwickelt, um bei der Navigation zu helfen und mögliche Kollisionen zu vermeiden. Wenn es eingeschaltet ist, sendet AIS unter anderem den Schiffsnamen, den Standort, die Fahrtrichtung sowie die Geschwindigkeit.

Schiffe mit ausgeschaltetem AIS sind selten. Häufig wird dahinter illegale Fischerei oder Menschenhandel vermutet. Besonders in der viel befahrenen Ostsee ist das Abschalten des AIS ungewöhnlich – und auch gefährlich.

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Nord Stream-Leck: SpaceKnow leitet Ergebnisse an Nato weiter

SpaceKnow erkannte die Schiffe, bei denen AIS abgeschaltet war, mithilfe von Radarbildern mit dem sogenannten synthetic-aperture radar (SAR) von Satelliten. Die meisten Satelliten, die die Erde beobachten, machen Fotos von dem, was sich unter ihnen befindet. Andere verwenden SAR, um Funkwellen vom Boden abprallen zu lassen und daraus Bilder zu erstellen.

Die SAR-Bilder, die "Wired" vorliegen, zeigen die besagten Schiffe als leuchtende Objekte, nicht weit von der Explosionsstelle um Nord Stream 2 entfernt.

"Wir gehen davon aus, dass es eines dieser beiden dunklen Schiffe war, die wir entdeckt haben", sagte Javornicky. Sein Unternehmen habe aber nicht die Aufgabe, festzustellen, was passiert sein könnte oder wer dafür verantwortlich ist, sondern habe die Daten stattdessen den Behörden zur Verfügung gestellt.

SpaceKnow meldete seine Ergebnisse an Vertreter der Nato, die die Nord Stream-Vorfälle untersuchen, wie "Wired" weiter berichtet. Javornicky sagte, Nato-Beamte hätten das Unternehmen gebeten, weitere Informationen bereitzustellen.

"Normalerweise steckt dahinter eine bewusste Handlung"

Eine Nato-Sprecherin sagte "Wired", sie kommentiere die "Einzelheiten unserer Unterstützung oder der verwendeten Quellen" nicht. Ein Nato-Beamter, der nicht öffentlich sprechen konnte, bestätigte dem Magazin jedoch, dass die Nato die Daten von SpaceKnow erhalten habe, und sagte, die Satellitenbilder könnten sich für ihre Untersuchungen als nützlich erweisen.

Andrey Kurekin vom Plymouth Marine Laboratory analysiert Satellitenbilder zur Erkennung von Objekten auf See. Er sagte "Wired", dass AIS auch ausfallen oder manipuliert werden könne. "Wenn Sie ein Schiff auf dem SAR-Bild sehen können, es aber nicht vom AIS-System gemeldet wird, bedeutet das nicht unbedingt, dass mit diesem Schiff etwas nicht stimmt."

Etwas anders sieht das Martin Dommerby Kristiansen von der dänischen Firma Gatehouse Maritime, die auf Schiffsüberwachung spezialisiert ist, die unter anderem auf den sogenannten AIS-Positionsdaten basiert. Er findet die neuen Informationen von SpaceKnow sehr interessant. Denn neben zivilen Schiffen auf zwielichtigen Fahrten würden Militärschiffe oft mit ausgeschaltetem AIS-Transponder unterwegs sein.

Die Größe der "dunklen Schiffe" deute darauf hin, dass es sich entweder um große Militärschiffe oder um zivile Schiffe ähnlich groß wie Frachtschiffe handeln müsse, so der Direktor von Gatehouse Maritime. "Bei so großen 'dunklen' Schiffen ist das ungewöhnlich. Dahinter steckt wohl der Wunsch, dass man nicht gesehen werden will. Es ist selten, dass AIS ausfällt – normalerweise steckt dahinter eine bewusste Handlung", sagte er der dänischen Zeitung "Berlingske".

Die Untersuchungen rund um die Lecks in den Nord-Stream-Pipelines gehen indes weiter. Neben der Firma Nord Stream untersuchen auch Dänemark, Schweden und Deutschland den Vorfall.

Quellen: "Wired", NPR, Säkerhetspolisen, Polzei Dänemark, "Offshore Technology", "Berlingske"

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