HOME

"Denunziation": Dieses Buch bringt Licht ins Dunkel Nordkoreas

Ein anonymer Autor schreibt über den Alltag in Nordkorea. Und riskiert damit sein Leben.

Nordkorea: Das Buch "Denunziation" beschreibt den Alltag in einem besonderen Land

Nordkorea: Keine Science-Fiction, sondern bittere Realität: Aufmarsch in Pjöngjang.

Nordkorea, verschlossen und arm und säbelrasselnd, ist ein Land der Absurditäten. Einhörner wollen sie dort entdeckt haben, und die "Großen Führer" treffen beim Golf vom Abschlag selbstverständlich direkt ins Loch. Solch staatlich verbreiteter Irrsinn ist immerhin noch trivial, verglichen mit den sonstigen Nachrichten aus dem Reich des Despoten Kim Jong-un. Der mit dem Feuer spielt und provoziert mit Raketen; der gigantische Militärmanöver abhalten, seine Verwandtschaft umbringen und sich Gott gleich verehren lässt mit Massenaufmärschen. Wo dann Hunderttausende stramm stehen und aussehen wie ein grauer Teppich aus Robotern. Genau das sind die Bilder, die Kim die Welt sehen lassen will. Sie gaukeln, sorgsam choreografiert, Geschlossenheit und Stärke vor.

Juche heißt der Jargon des Nordens, es ist die staatliche Ideologie aus Panzern, Protz und Propaganda, entwickelt unter Kim Il-sung, dem stalinistischen Diktator, der die Nation bis zu seinem Tod 46 Jahre lang regierte. Und unterdrückte. Sein Erbe lebt fort mit Juche. Alles in diesem Land folgt Juche, selbst die Literatur. Aber es gibt ein Leben jenseits dieser Doktrin, davon berichtet nun ausgerechnet ein Mann, der offiziell Juche betreibt und Propaganda schreibt. Und inoffiziell die Wahrheit. Man muss in Nordkorea verdammt mutig sein, die Wahrheit zu sagen. Man muss noch mutiger sein, sie niederzuschreiben.

Das Buch heißt "Denunziation", es ist gerade auf Deutsch erschienen und insofern eine Sensation, weil der Autor noch in lebt. Er publiziert unter dem Pseudonym Bandi, was Glühwürmchen bedeutet und ein klug gewählter Name ist, weil Glühwürmchen ein wenig Licht ins Dunkel bringen und zugleich Verheißung sind auf wärmere und bessere Tage. Bandi also, von dem man nicht viel weiß, außer dass er um 1950 geboren wurde, Schriftsteller ist und mithilfe einer Verwandten und eines Mittelmanns ein 750 Seiten dickes Manuskript außer Landes schmuggeln ließ, per Hand und mit Bleistift geschrieben auf dem für den Norden typischen braunen Papier. Bandi öffnet darin die Tür zu diesem erratischen und geheimnisvollen Land einen Spalt breit und erlaubt Einblicke in den nordkoreanischen Alltag in sieben Erzählungen, angesiedelt zwischen 1989 und 1995.

Die Geschichten spielen auf der Folie von Verzicht, Hunger, Repressalien

"Denunziation" ist kein literarisches Meisterwerk, der Stil karg und hölzern und schmucklos. Aber gerade deshalb glaubhaft, weil die Sprache so wirkt wie das Land selbst. Die Geschichten spielen auf der Folie von Verzicht, Hunger, Repressalien, aber eben auch: Widerstand. In "Stadt der Gespenster" zieht eine junge Mutter die Vorhänge ihrer Wohnung zu, weil sich der kleine Sohn vor einer Karl-Marx-Statue fürchtet. Sie enden in der Verbannung. In "So nah und doch so fern" versucht ein junger Arbeiter, ohne die obligatorische Reisegenehmigung in das Dorf seiner Jugend zurückzukehren, um die sterbende Mutter zu sehen. Er wird erwischt: Straflager.

"Die Bühne", die stärkste Geschichte, handelt von einem Schauspieler, der bei einer Probe improvisiert und Witze macht, darüber in einen massiven Streit mit dem linientreuen Vater gerät und dem schließlich zuruft: "Was denkst du denn von den Männern, die nach 'Treue' oder der 'Einigkeit im Geiste' rufen und damit die Tränen meinen, die das Volk unter Zwang vergießt? Sind nicht diese Männer dumm? Vater, du musst erkennen, dass auf der Bühne, und nichts anderes ist dieses Land, immer irgendwann der Vorhang fällt."

Das sind Sätze, die man von einem nordkoreanischen Autoren so noch nie gelesen hat, zumindest nicht von einem, der dort noch lebt. Die Authentizität des Manuskriptes lässt sich nicht hundertprozentig nachweisen, weil Bandi eben zwei Leben lebt. Ein offizielles, in dem er dem Regime dient. Und ein geheimes, in dem er das Regime kritisiert. Flöge er auf, wäre er tot. Wer aber "Denunziation" gelesen hat und dann noch Do Hee-Yyon trifft, zweifelt nicht an der Echtheit.

Herr Do ist Vorsitzender einer Hilfsorganisation für nordkoreanische Flüchtlinge, ihm ist es zu verdanken, dass die Texte in den Westen kamen, denn er half ebenjener Verwandten von Bandi, als sie bei ihrer Flucht von den Chinesen geschnappt wurde. Do bestach die Grenzer, sie kam frei und in den Süden, und so erfuhr Do von Bandi und den Geschichten. Er schickte konspirativ einen Emissär in den Norden, der die Texte außer Landes brachte, versteckt unter einem Stapel von Bandis offizieller Parteiprosa. Das war 2013, inzwischen wurde das Buch in 18 Sprachen übersetzt. Und Do ist jetzt ein Staatsfeind.

Nichts fürchtet das Regime in Nordkorea so sehr wie die Wahrheit

An einem Abend in London erzählt er angenehm ehrlich davon, dass es aufregendere Bücher über Nordkorea gibt. Bücher über Verfolgung, Folter und Tod. Aber dass sie eben verfasst wurden von in den Süden exilierten Koreanern, mithin in Sicherheit.

"Die Stärke von Bandis Geschichten liegt in ihrer Alltäglichkeit", sagt Do. Er hat Bandi persönlich nie getroffen, zwischenzeitlich fürchtete er sogar, dass er erwischt und getötet wurde. Aber vor einigen Monaten gab es ein Lebenszeichen. Das Glühwürmchen lebt. Und schreibt. Bandi wisse, dass seine Geschichten auf der ganzen Welt verlegt und gelesen werden, sagt Do. Der Zeitpunkt so wichtig wie nie.

Manchmal setzt sich Do in ein Radiostudio, das in den Norden strahlt, und dann spricht er von Bandi und dem Buch. Er glaubt an die Kraft der Worte, in diesem Fall an die zersetzende Kraft. Er glaubt, dass Worte stärker sind als Säbelrasseln und dass sie reisen werden von Mund zu Mund, "das Glühwürmchen wird Licht ins Dunkel tragen". Der Diktator mag Raketen bauen und testen, er mag den Amerikanern drohen mit großen Manövern und damit, der ganzen Welt das Fürchten zu lehren. "Aber", sagt Herr Do, "nichts fürchtet das Regime so sehr wie die Wahrheit. Vor allem, wenn sie aus der Mitte des Volkes kommt."

Die Rezension des Buches "Denunziation" ist dem aktuellen stern entnommen:





Themen in diesem Artikel