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Nordkorea: Das marode Mangelreich des Kim Jong Il

Nicht nur die Menschenrechtslage in Nordkorea ist desaströs, sondern auch die Lebensmittelsituation. Während Diktator Kim Jong Il die Welt mit Kriegsdrohungen in Atem hält, darbt das Volk. Hilfslieferungen erreichen oft nur wenige Bedürftige. Selbst das Welternährungsprogramm in Pjöngjang kann kaum helfen, wie ein Mitarbeiter stern.de erzählt.

Von Niels Kruse

Eines der modernsten, wenn nicht sogar das modernste Mobilfunknetz der Welt sendet in Nordkorea. Es ist ein System der dritten Generation und in etwa vergleichbar mit dem deutschen UMTS-Netz. Betrieben wird es von der Firma Koryolink, einer Tochter des ägyptischen Mobilfunkanbieters Orascom. Nicht ohne Stolz präsentierten es die stalinistischen Machthaber im Dezember vergangenen Jahres der überraschten Öffentlichkeit - inklusive eines Handymodells.

Von dem abrupten Aufbruch in die Moderne profitieren längst nicht alle Nordkoreaner, sondern höchstens ein winziger Teil des 24-Millionen-Volks. Mit gerade einmal 100.000 Kunden rechnet Orascom - vor allem also mit der obersten und linientreuen Elite des Landes. Nichts fürchtet die Führung in Pjöngjang mehr, als dass Details aus dem isolierten Land nach außen dringen. Außer natürlich, dass Informationen aus der Welt nach innen sickern. Also bedarf der Besitz von Mobiltelefonen einer offiziellen Genehmigung. Wer dagegen verstößt, kommt ins Gefängnis oder im schlimmsten Fall in eines der gefürchteten Arbeitslager.

Schläge für die, die Liedtexte vergessen

Rund ein Dutzend davon soll es geben. Amnesty International beschreibt die Behandlung der Gefangenen im aktuellen Menschenrechtsbericht so: Schwere körperliche Arbeit, etwa in Steinbrüchen, zehn Stunden oder länger am Tag. Wer angeblich zu langsam arbeitet oder den Text patriotischer Lieder vergisst, wird misshandelt. Dazu mangelt es an Essen, Medizin und Hygiene. Viele Insassen sterben in Haft, einige kurz nach ihrer Entlassung. Freilich: Auch die Menschenrechtsorganisation kennt solche Informationen nur von den wenigen Flüchtlingen, die es schaffen, nach wochenlanger Flucht aus dem maroden Reich des Kim Jong Il zu entfliehen.

Denn so gut wie keine Hilfsorganisation ist dauerhaft in Nordkorea präsent. Einer der wenigen Ausländer, die dort wohnen dürfen, ist Torben Due, der für das UN-Welternährungsprogramm (WFP) in Pjöngjang arbeitet. Im Gespräch mit stern.de erzählt er von den Schwierigkeiten, selbst Grundnahrungsmittel wie Reis oder Mais im Land zu verteilen. Dabei leiden die Nordkoreaner so stark an Lebensmittelknappheit wie seit der großen Hungersnot in den 90er Jahren nicht mehr. Neben einer Dürreperiode auch deswegen, weil der konservative Regierungschef Südkoreas die Hilfslieferungen an den verarmten Bruder im Norden weitgehend eingestellt hat. "Es fehlen rund zwei Drittel der benötigten Nahrungsmittel", sagt Due. Statt den geschätzten sechs Millionen Bedürftigen könne das WFP zurzeit nicht einmal zwei Millionen Nordkoreaner versorgen. Die Zahl der fehl- oder unterernährten Menschen sei daher sehr groß, vor allem Kinder würden unter Mangelerscheinungen sichtbar leiden, sagt Due.

Auch hier bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis

Laut einer Studie, die das Ernährungsprogramm im vergangenen Jahr erstellt hat, würden immer mehr Menschen auf ein bis zwei Mahlzeiten schlicht verzichten - entweder, weil die Regale leer sind, oder weil sich keiner mehr Lebensmittel leisten kann. Denn selbst im kommunistischen Nordkorea bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis für Reis oder andere Grundnahrungsmittel. Wie hoch der aktuell ist, kann aber selbst Due kaum sagen, obwohl er mitten in der Hauptstadt lebt. Denn Ausländern wie ihm ist es untersagt, auf Märkte für Einheimische zu gehen. Für die Gäste gibt es eigene, isolierte Einkaufsmöglichkeiten. Nur aus den raren Gesprächen mit Nordkoreanern kann er überhaupt abschätzen, was die Bewohner von ihrem Einkommen für Essen ausgeben. "Trotz der schwierigen Lage beklagen sich viele Leute nicht, sondern versuchen das Beste aus der Situation zu machen", sagt Due.

Das mag vielleicht auch mit der Mentalität zu tun haben, aber sicher auch mit dem Umgang des Regimes mit den eigenen Leuten. Inoffiziell wird die Bevölkerung in drei Kategorien eingeteilt, die das Verhältnis zur Regierung widerspiegeln: In "verlässlich", in "grundsätzlich gewogen oder neutral" und in "Gegner". Experten zufolge zählen die Machthaber mehr als ein Drittel ihres Volkes zur letztgenannten Gruppe. Kritik allerdings ist in Nordkorea nicht vorgesehen. Die Medien werden vom Staat bis ins Kleinste kontrolliert: So gibt es zwar Internetzugänge, die sind allerdings unerschwinglich für Normalbürger und zum anderen derartig streng abgeriegelt, dass sie eher einem "Verlautbarungs-Intranet" entsprechen.

Insgesamt, so der neue Amnesty-Bericht, werde in Nordkorea "Kritik jeglicher Art" so wie nicht genehmigte Versammlungen oder Vereinigungen "drakonisch bestraft". Todesurteile würden durch den Strang oder durch Erschießungskommandos vollstreckt. Tausende von Nordkoreanern versuchen den elenden Bedingungen durch die Flucht ins Ausland zu entkommen. Die führt sie über Länder wie China oder Myanmar, die die Flüchtlinge allerdings sofort wieder nach Nordkorea abschieben, wenn sie entdeckt werden. Dort droht ihnen dann Haft, Folter, im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Ein nicht unerheblicher Teil von denen, die es schaffen, etwa nach Südkorea zu gelangen, hätte allerdings große Schwierigkeiten, sich an das dortige Leben zu gewöhnen, so Amnesty. In der alten Heimat erwarten die Angehörigen dann Sippenhaft oder gar der Tod.