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Interview

Frieden zwischen Nord- und Südkorea: Experte: So realistisch ist Frieden in Korea - und so wurde Trump zu Kims Erfüllungsgehilfen

Nach sieben Jahrzehnten Spannungen und Krieg deutet sich zwischen Nord- und Südkorea eine neue Zeitrechnung an. Alles viel zu schön, um wahr zu sein? Asienexperte Bernt Berger im stern-Interview.

Asienexperte im stern-Interview zur Lage von Nordkorea und Südkorea

Für Nordkorea müsse es einen neuen "Status Quo" geben, so Asienexperte Bernt Berger (kl. Foto) im stern-Interview

Es ist ein Meilenstein in der Geschichte der koreanischen Halbinsel: Bei ihrem Gipfeltreffen vereinbarten der südkoreanische Präsident Moon Jae In und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un, dass bis Jahresende eine Friedensregelung für die bisher verfeindeten Nachbarstaaten erreicht werden soll. Nach fast 70 Jahren Spannungen und Krieg besteht damit auch die Aussicht auf eine Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten. 

Doch wie realistisch und vollkommen wäre eigentlich der Frieden zwischen den verfeindeten Nationen? Woher kommt die plötzliche Kehrtwende in der einst aufgeheizten Beziehung? Und ist das alles nicht eigentlich viel zu schön, um wahr zu sein?

Herr Berger, die koreanischen Staaten streben ein atomwaffenfreies Nordkorea und eine Friedensvereinbarung an. Ist das nicht alles viel zu schön, um wahr zu sein?

So sieht zumindest das Endziel aus, das darf man nicht vergessen. Und dieses Endziel kann mittel- bis langfristig auch erreicht werden. Nun stehen allerdings erst einmal harte Arbeit und diplomatische Verhandlungen an. Die Basis stimmt auf jeden Fall optimistisch, um das gemeinsame Vorhaben zu erreichen.

Welcher zentrale Punkt steht zunächst auf der Agenda von Nord- und Südkorea?

Die Erneuerung oder gar Ablösung des Waffenstillstandsabkommens, das seit Jahrzehnten eigentlich völlig veraltet und nicht mehr zeitgemäß ist. Dies wird vor allem einen neuen Status Quo für Nordkorea beinhalten, der dem Land - auch ohne Atomwaffen - Sicherheit garantiert. Der Friedensvertrag, der nun angestrebt wird, kann nur am Ende dieses diplomatischen Prozesses stehen.

Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un verspricht die atomare Abrüstung seines Landes. Wie glaubwürdig ist sein Versprechen?

Nordkorea und Südkorea - Was ist vom Friedensvorstoß zu halten? Experte Bernt Berger im Interview

Bernt Berger, 47, leitet seit September 2017 das Asienprogramm der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP). Er ist Experte insbesondere für Chinesische Außen- und Sicherheitspolitik, Konfliktresolution und Internationale Meditation sowie Nachbarschaftspolitik in Asien. Berger studierte Soziologie, Chinesisch, Internationale Geschichte und International Relations.

Das Versprechen ist glaubwürdig, weil die Abrüstung der nordkoreanischen Halbinsel schon lange zu Nordkoreas Politik gehört hat. Interessant ist dabei eigentlich das Wording des gemeinsamen Statements der Staatschefs, das lediglich eine Abrüstung der nordkoreanischen Halbinsel vorsieht - und nicht von Südkorea und seinen Schutzmächten. Daher ist davon auszugehen, dass in den Verhandlungen um einen Friedensvertrag die Form der Abrüstung und letztlich auch die Friedenslösung ganz klar definiert sein wird.

Gemeinsamer Grenzübergang, Händchenhalten, Umarmungen – das Treffen zwischen Kim und Moon strahlte vor allem Harmonie aus. Noch vor wenigen Monaten hat sich Kim Jong Un mit regelmäßigen Atomwaffentests und zahlreichen Provokationen – auch gegen die USA – als Kraftprotz dargestellt. Nun präsentiert er sich als Friedensstifter zwischen den Nationen. Wie erklären Sie sich diese Kehrtwende um 360 Grad?

Im Prinzip ist das keine Kehrtwende, sondern eine Strategie in Trumps erstem Amtsjahr. Kim Jong Un hat zwischen 2013 und 2017 jegliche Gespräche aufgrund mangelnder Erwartungen auf Eis gelegt. Stattdessen hat er mit der Fortentwicklung des Atomprogramms eine Eskalationsspirale aufgebaut. Dieses Narrativ der Abschreckung wurde glaubwürdig, als Donald Trump auf das Säbelrasseln Nordkoreas eingestiegen ist. Kim Jong Uns Ziel war es von Anfang an, an den Verhandlungstisch zu kommen. 2013 war das noch nicht möglich. Nun nimmt er beinahe ebenbürtig und gleichberechtigt an den Verhandlungen teil. 

"Eigentlich war die Rolle der USA dabei sehr gering"

Also hat Donald Trump letztendlich dafür gesorgt, dass Süd- und Nordkorea wieder zusammenfinden?

Die eigentlich Kehrtwende in der Beziehung der verfeindeten Länder war, dass sie die Olympischen Spiele in Südkorea zum Anlass genommen haben, wieder ernsthafte Gespräche miteinander zu führen. Für die Auslegung, dass Donald Trump einen erheblichen Teil dazu beigetragen hat, werden die USA sorgen. Den USA wird die Interpretation und der Eindruck wichtig sein, dass sie maßgeblich dazu beigetragen haben.

Wie groß war die Rolle der USA in dem Friedensprozess denn wirklich?

Eigentlich war die Rolle der USA dabei sehr gering. Donald Trump hat bei der Eskalationsrhetorik von Kim Jong Un mitgespielt und dabei geholfen, das Narrativ zu kreieren, Nordkorea habe Abschreckungspotenzial. Das hat letztlich dazu geführt, dass Nordkorea sich entschieden hat, wieder an den Verhandlungstisch zu gehen. Der politische Druck der USA ist in dem Friedensprozess kein entscheidender gewesen.

Die Rede ist von einer "neuen Ära des Friedens", die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea soll "in Zukunft praktisch zu einer Friedenszone" werden. Wie realistisch sind die Pläne?

Es ist ein Ziel, das nur mittel- bis langfristig erreicht werden kann. Die Idee dazu liegt schon länger auf dem Tisch. Nicht zuletzt, weil Moon mit diesem Anspruch ins Amt gewählt wurde. Sowohl Nord- und Südkorea hatten immer das gemeinsame Ziel und Bewusstsein, dass sie letztendlich eine Nation sind.

"Ein großer Knackpunkt ist der Iran-Deal"

Also wird es bald ein (wieder-)vereintes Korea geben?

Das ist natürlich ein wünschenswertes Ziel. Realistischer ist zunächst eine friedliche Koexistenz beider Staaten (nebeneinander). Das Friedensabkommen wird zunächst intensive wirtschaftliche Kooperationen zwischen den beiden Ländern fördern.

Das Gelingen hängt letztlich auch von den USA und China ab, die das Friedensabkommen eigentlich ebenfalls unterzeichnen müssen.

Die Chinesen haben seit Jahren eine konstruktive Rolle in dem Annäherungsprozess gespielt, haben die Verhandlungen logistisch unterstützt und traten als Vermittler zutage. Da mache ich mir keine Sorge. Von Seiten der USA schon eher: Die USA müssen als zentrale Konfliktpartei natürlich mit an den Verhandlungstisch, immerhin werden grundsätzliche sicherheitsbildende Maßnahmen verhandelt. Da wird es sicherlich kompliziert, weil sich die USA auf einen langen Friedensprozess einlassen müssen, der viele kleine Details und Sicherheitsgarantien umfassen wird. Das funktioniert nicht mit einem Deal und einem einzigen Verhandlungstag.

Deals sind ja angeblich Donald Trumps Ding.

Hoffentlich wird er diesen Deal nicht aushandeln. (lacht) Nein, im Ernst: Der Vertrag wird von Diplomaten in zahlreichen Konsultationen ausgehandelt und letztlich von den Staatschefs unterzeichnet.

Woran könnten die Verhandlungen scheitern?

Ein großer Knackpunkt ist der Iran-Deal. Donald Trump hat eine Wiederaufnahme der Sanktionen angekündigt und seinen europäischen Vertragspartnern die Pistole auf die Brust gesetzt, sollte es keine Veränderungen oder andere Lösungen zu dem Vertrag geben. Sollte es tatsächlich zu einer Aufkündigung des Iran-Abkommens kommen, ist das ein fatales Signal an Nordkorea. Nach dem Motto: Verbindliche Zusagen von den USA können nicht von langer Dauer sein. Und genau das brauchen die Nordkoreaner, wenn sie abrüsten sollen: verbindliche Zusagen.

Nordkorea hat über Jahre vermutlich Milliarden in die Entwicklung seines Atomprogramms gesteckt – Geld, das in der Bevölkerung fehlte und zu Nahrungsnot und Tod geführt hat. Kurz: Kim hat für die Aufrüstung einen hohen Preis gezahlt. Und will nun komplett abrüsten. Was steckt dahinter?

Da muss man differenzieren. Die Hungersnöte in Nordkorea sind nicht in erster Linie entstanden, weil Kim aufgerüstet hat. Das Land an sich ist für Landwirtschaft nicht besonders geeignet, die Ernten sind dementsprechend mies. Außerdem ist die interne Logik des nordkoreanischen Regimes eine andere: Durch das Atomprogramm wird letztendlich Geld gespart, weil man durch die Abschreckung nicht mehr auf ein großes Heer angewiesen ist. Dieses vermeintlich gesparte Geld kann dann wieder in die Wirtschaft fließen. Daher ist es nun wichtig, dass sich alle Seiten Vertrauen - und zu dem Schluss kommen, dass eine nukleare Abschreckung nicht mehr notwendig ist. Das ist ein schwieriger Prozess, der von allen Seiten Konzessionen fordern wird. 

Wie realistisch ist also ein Nordkorea ohne Atomwaffen?

Kurz- bis mittelfristig ist es nicht realistisch. Langfristig schon. Vorausgesetzt, der Friedensvertrag beinhaltet klare Abmachungen, wie sich alle Parteien - und dazu gehören etwa auch Russland, China oder Japan - zu verhalten haben. Die Sicherheitsbeziehungen der Länder muss ganz klar geregelt sein. Eine sofortige Abrüstung in Nordkorea wird es daher nicht geben, das ist allein schon durch die technische Seite der Abrüstung auszuschließen. Sollte alles gut gehen, rechne ich - optimistisch - mit einem Friedensvertrag in den nächsten vier bis fünf Jahren.

Mit Material der AFP