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Nordkorea: Gras gegen den Hunger

Politisch missliebige Menschen ließ man verhungern, diejenigen, die sich wehrten, wurden gefoltert oder hingerichtet - unter der Teilnahme ganzer Schulklassen. Das geht aus einem schockierenden Menschenrechtsbericht über Nordkorea hervor.

Die Schicksale könnten einem Albtraum entsprungen sein: Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Aussagen von Betroffenen der Hungersnot in Nordkorea gesammelt und zu einem schockierenden Bericht zusammengestellt. Das kommunistische Regime, das im Verdacht steht, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln, hat nach Berichten von Zeugen politisch missliebige Menschen verhungern lassen - und Menschen, die sich gegen den Hunger wehrten, gefoltert oder hingerichtet. Amnesty stellte den Bericht am Dienstag beim Weltsozialforum im indischen Bombay vor, wo Globalisierungskritiker nach Wegen zu einer besseren Welt suchen.

Die Hungersnot kostete alleine bei ihrem Höhepunkt von 1995 bis 1999 nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 600 000 und 3,5 Millionen Nordkoreaner das Leben - in einem Land mit nur 22 Millionen Einwohnern. Zwischen dem Hunger und Menschenrechtsverletzungen des Regimes hat sich ein verhängnisvoller Teufelskreis entwickelt.

Flucht ins Ausland aus Verzweiflung

So wurden Hungernde nach Aussagen in dem Report für den Diebstahl von Lebensmitteln hingerichtet - Kinder, manchmal ganze Schulklassen, seien gezwungen worden, den öffentlichen Exekutionen zuzusehen, heißt es in dem Bericht. Und das Regime machte mit dem Hunger Politik: Wer zur "feindlichen" Klasse zählte, laut Amnesty trifft das auf ein Viertel der Bevölkerung zu, wurde bei der knappen Nahrungsverteilung benachteiligt. Zehntausende wagten aus Verzweiflung die verbotene Flucht ins Ausland - die oft alles noch viel schlimmer machte.

China schickte viele Flüchtlinge wieder zurück, etwa den von Amnesty Kim genannten Mann. Ihn sperrten die Behörden in ein Internierungslager - wo seiner Aussage zufolge Menschen an eben jenem Hunger starben, dem sie entfliehen wollten. Das Essen habe aus Kartoffelschalen, Bohnen und dünner Suppe mit Kürbisstücken bestanden, sagt Kim. "Wir wurden gezwungen, von fünf Uhr morgens bis abends halb zwölf Uhr bewegungslos mit gesenktem Kopf zu sitzen." Gefangene hätten den Kot der Mithäftlinge mit bloßen Händen wegräumen müssen, Seife habe es keine gegeben.

Die von Amnesty Cho genannte Frau verbannten die nordkoreanischen Behörden nach der erzwungenen Rückkehr aus China in ein Arbeitslager. Von morgens fünf bis abends zehn Uhr hätten auch Schwangere in der Ziegelei oder dem Gemüsegarten arbeiten müssen, sagt sie; Essen habe es kaum gegeben. "Diejenigen, die dabei erwischt wurden, wie sie Gemüse für sich versteckten, mussten sich gegenseitig verprügeln. Wenn die Schläge nicht hart genug ausfielen, wurden sie von der Polizei verprügelt." Nach anderen Aussagen aßen Gefangene im Frühling vor lauter Hunger Gras.

Totale Kontrolle

Das Regime versucht, keine Informationen in den abgeschotteten Staat dringen zu lassen - und die Nordkoreaner im Glauben zu lassen, dass die Situation etwa beim Klassenfeind im prosperierenden Südkorea keineswegs besser ist. Wer ein Radio oder einen Fernseher hat, muss sich registrieren lassen, das Hören ausländischer Sender ist nicht erlaubt. Ein Yoo genannter Nordkoreaner sagt: "Die Kontrolle der Medien war so groß, dass es keine Möglichkeit gab zu erfahren, was in der Welt geschieht. Ich hatte den Eindruck, dass (die südkoreanische Hauptstadt) Seoul voller Bettler in den Straßen ist."

"Den Report zu erstellen, wurde im Laufe der Arbeit immer schockierender", sagt der Autor Rajiv Narayan. Da Amnesty nicht nach Nordkorea gelassen wird, sind in den Bericht Aussagen von Flüchtlingen, Journalisten und Hilfsorganisationen eingeflossen. Inzwischen sprechen Hilfsorganisationen zwar nicht mehr von Hungersnot, sondern von einer "ernsten Nahrungskrise" in dem Land. Trotzdem ist fast jedes zweite Kind chronisch unterernährt - und trotzdem verhungern in Nordkorea immer noch Menschen.

Can Merey / DPA