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Nordkorea leitet Machtwechsel ein Das Erbe von Kim Jong Il, dem "Schmerbauch"


Für viele Nordkoreaner ist Kim Jong Il nicht mehr der "geliebte Führer", sondern der "Schmerbauch". Nun beginnt der gescholtene Diktator damit, seinen Sohn mit der Macht vertraut zu machen - ein nahezu unerträgliches Erbe.
Von Niels Kruse

So klingen Propaganda-Eruptionen auf nordkoreanisch: "Für das Vaterland, die Nation und den Millionen von Mitgliedern ist dies der glücklichste Umstand, dass Genosse Kim Jong Il weiterhin das höchste Amt der Arbeiterpartei bekleidet. Seine Wiederwahl als Generalsekretär wurde mit endloser Freude und glühender Begeisterung gefeiert." Mit diesen überschwänglichen Worten brachten die staatlichen Medien der isolierten Familiendiktatur die Kunde unters darbende Volk: Der "geliebte Führer" kümmert sich weiterhin um die Geschicke des Landes.

Dies ist die eine der im Fernsehen geheimnisvoll angekündigten "entscheidenden Entwicklungen" des ersten Parteitags seit 1980, der derzeit in der Hauptstadt Pjöngjang zelebriert wird. Bei der anderen dürfte es sich um die Vorstellung des designierten Nachfolgers von Kim Jong Il handeln. Allem Anschein nach wird sein jüngster Sohn Kim Jong Un nun auch offiziell an das Alleinherrscher-Amt herangeführt. Dazu wurde der Sproß, dessen Alter je nach Quelle 26 oder 27 Jahre beträgt, nun zum General ernannt. Bereits in den vergangenen Jahren soll er auf einer Militärakademie das Offiziers-Handwerk gelernt haben. Eine Armeekarriere ist in dem Land, das mehr als eine Million Soldaten unter Waffen hält und nach der Doktrin "Militär zuerst" regiert wird, für alle Führungsaufgaben überlebenswichtig.

Kim Jong Il hatte 17 Jahre Zeit für die Machtübernahme

Da aus dem abgeschotteten Land so gut wie keine verlässlichen Informationen nach außen dringen, lässt sich nur darüber spekulieren, in welcher Form der jüngste Kim-Sohn nun zum offiziellen Nachfolger seines Vaters ausgerufen wird. Beobachter glauben, dass Kim Jong Un auch in der Partei wichtige Posten übernehmen wird, um zumindest auf Funktionärsebene mit der nötigen Autorität ausgestattet zu sein. Dass der Sohn aufgrund seines Alters schnell in die Fußstapfen seines Vaters treten kann, bezweifeln viele Nordkorea-Experten. "Denn ihm bleibt schlicht zu wenig Zeit", sagt der Politologe Paik Hak Soon aus Seoul. Der "geliebte Führer" wurde 1980 mit den ersten wichtigen Ämtern betraut und hatte erst zwei Jahren nach dem Tod seines Vaters 1995 die Alleinherrschaft des Landes übernommen. Gerüchten zufolge soll die Kim-Familie in den vergangenen Monaten Luxusautos an führende Militärs verschenkt haben, um sie von Kim Jong Uns "Führungsqualitäten" zu überzeugen.

Vom jungen Kim ist bislang kaum etwas bekannt. Sicher ist, dass er auf einem Schweizer Internat war, wo er unter anderem Deutsch gelernt haben soll. Zudem hat er nach Auskunft ehemaliger Mitschüler Gefallen an Basketball und amerikanischen Actionfilmen gefunden. Nett und fleißig sei der Sohn des bizarren Diktators gewesen, sagen ehemalige Schulkameraden. Urplötzlich aber verschwand Chol Pak, wie er an der Schule genannt wurde. " Das er irgendwann einfach nicht mehr erschienen ist, 1998 war das wohl, hat uns aber nicht gewundert", sagte ein ehemaliger Mitschüler in einem Interview mit der "Welt am Sonntag".

Die Herrscher sind nicht mehr heilig

Ob der junge Kim in der Lage ist, die einzige kommunistische Dynastie aufrecht zu erhalten, ist unter Beobachtern umstritten. In den vergangenen Jahren haben Missernten, das Verbot von privaten Märkten, eine katastrophal schief gelaufene Währungsreform und die jüngste Flut die ohnehin dramatische Versorgungssituation weiter verschlechtert. Die Lage in dem Land scheint sich derartig zuzuspitzen, dass selbst die Kims, die per Staatsräson einen gottähnlichen Status genießen, nicht länger heilig sind.

So berichtet Daily NK, einer der wenigen Medien mit seriösen Verbindungen in das isolierte Reich, dass der geliebte Führer zunehmend öffentlich beschimpft wird - eine Art Gotteslästerung in Nordkorea, die mit Sippenhaft und Arbeitslager bestraft werden kann. Während der Hauch einer Kritik bislang in harmlos klingenden aber ironisch gemeinten Kommentaren geübt wurde, sollen nun die im koreanischen abfällig klingenden Bezeichnungen wie "dieser Kerl" zu hören sein. Oder, noch beleidigender: "Bastard" und "Schmerbauch".

Ruinen eines Atomstaats

Der so Gescholtene hinterlässt seinem Sohn Kim Jong Un ein kaum zu schulterndes Erbe: Während Kim, der Erste - der als Staatsgründer immer noch als Held und "ewiger Präsident" verehrt wird, herrscht Kim, der Aktuelle, vor allem mit dem Makel des beispiellosen Niedergangs. Kaum vorstellbar, dass das nicht auf den unerfahrenden Sohn abstrahlt. Sicher aber ist, dass der nächste Kim, zusammen mit dem Militär, die wirtschaftlichen Probleme in den Griff kriegen muss - denn sonst wird Nordkorea in einem atemberaubenden Tempo implodieren und eine Flüchtlingswelle nach China und Südkorea freisetzen, die die ganze Region destabilisiert. Und die Ruinen eines Staates zurücklassen, der zudem auf diversen Atomraketen sitzt.


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