Nordkorea Streicheleinheiten für den Schurken


Es mutet an wie eine Kehrtwende in der Beziehung zwischen den USA und Nordkorea. US-Präsident George W. Bush und der selbstherrliche Despot Kim Jong Il gehen aufeinander zu - offenbar vor allem deshalb, weil letzterer den Liebesentzug der Chinesen fürchtet.
Eine Analyse von Adrian Geiges, Peking

Kim Jong Il, von seinen Untertanen ehrfurchtsvoll "geliebter Führer" und "unser General" genannt, begreift sich selbst als genialen Regisseur. Doch anders als die Inszenierungen von Steven Spielberg oder Clint Eastwood laufen seine Filme nicht in großen oder kleinen Kinos, sondern auf der Weltbühne. Mit ihm selbst in der Hauptrolle. Die Rolle des Bösen hat er bisher meist mit einem amerikanischen Laiendarsteller besetzt - mit US-Präsident George W. Bush.

Späte Lehren aus dem Irak-Krieg

Das beruht auf Gegenseitigkeit. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sprach Bush in einer berüchtigten Rede von einer "Achse des Bösen", einer Achse so genannter "Schurkenstaaten". Zu jener Achse zählte er neben dem Irak und Iran auch Nordkorea. Im Irak sind die USA anschließend mit einer "Koalition der Willigen" einmarschiert, mit dem Iran und seinem Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad liegen die USA und die Europäer im Atom-Clinch. Nordkorea dagegen soll, so hat es die US-Regierung am Donnerstag kundgetan, von der Liste jener Länder verschwinden, die den Terror unterstützen. Zudem sollen die US-Sanktionen gegen Kim Jong Ils Reich aufgehoben werden. Im Gegenzug hat Nordkorea China eine Auflistung seiner Nuklearaktivitäten übergeben, wenn auch eine, die nicht alle Angaben zu den bereits gebauten Atomwaffen enthält.

Dieser Kurswechsel in Washington und Pjöngjang scheint überraschend, da er den Beginn einer Entspannung zwischen den beiden vermeintlichen Erzfeinden andeutet. Bei näherer Betrachtung ist die neue Wendung in der Beziehung allerdings keineswegs sensationell, sondern das Ergebnis einer nüchternen strategischen Kalkulation in den beiden Hauptstädten. Denn auf ihre Weise haben sowohl Kim Jong Il als auch George W. Bush aus dem Irak-Krieg gelernt: Kim hat erkannt, dass ein offener Kampf mit den Amerikanern gefährlich werden kann für sein Regime, zumindest dann, wenn man nicht wirklich Massenvernichtungswaffen besitzt. Auf der anderen Seite hat Bush erkannt, dass er sich ein weiteres Abenteuer mit toten GIs, Milliarden-Kosten und weiteren Ansehensverlusten nicht erlauben kann.

Pjöngjang und Peking: Entfremdete Genossen?

Für Nordkorea ist das Verhältnis zu China ein entscheidender Faktor. China, so denkt man, ist Nordkoreas engster Verbündeter. "Die Chinesen verachten uns Koreaner", sagte hingegen bei meinem letzten Besuch ein ranghoher nordkoreanischer Funktionär vor einer größeren Essensrunde. Indirekt beflügelte er Gerüchte, die man immer wieder hört: Um den Einfluss auf Nordkorea nicht zu verlieren, wolle die chinesische Führung Kim Jong Il absetzen, falls er zu verrückt spielt, und durch einen vernünftigeren, aber gleichzeitig Peking hörigen Mann ersetzen. Zu diesem Zweck habe China Truppen an der Grenze zu Nordkorea zusammengezogen. Überläufer, ehemalige nordkoreanische Generäle, stünden bereits in Pekings Sold.

In einem Land wie Nordkorea, ohne freien Informationsfluss, blühen die Gerüchte. So kann ich nicht beurteilen, ob an der Behauptung des nordkoreanischen Offiziellen etwas dran oder ob sie Unsinn ist. Aber interessant ist, dass er das gesagt hat, offenbar ohne Angst vor Verfolgung, die einem sonst schon drohen kann, wenn man die Namen des "großen Führers" oder des "geliebten Führers" ohne ihre Ehrentitel nennt.

Ein neuer Quotenhit für Regisseur Kim Jong Il

Da Nordkorea sich aus der Abhängigkeit von China lösen wolle, so der Funktionär weiter, strebe es gute Beziehungen zu den USA an. Ihre beiden Länder seien geografisch weit voneinander entfernt und hätten keine gegensätzlichen Interessen. Eine noch verblüffendere Äußerung, schließlich befinden sich Nordkorea und die USA offiziell noch im Kriegszustand, da es nach dem Koreakrieg nie einen Friedensvertrag gab.

Anders als etwa auf Kuba spielt sozialistische Ideologie in Nordkorea keine Rolle. Die Kim-Familie, das ist das einzige Ziel der nordkoreanischen Politik, möchte den Kult um sich selbst verewigen. Dieser Zweck heiligt alle Mittel - sowohl das Zünden einer Atombombe wie im Oktober 2006 als auch den Deal mit den zuvor so vermaledeiten "amerikanischen Imperialisten" jetzt: Atompläne werden, wenn man das Geschäft herunterbricht, flugs gegen eine Million Tonnen Schweröl getauscht. Zudem wird der Kühlturm des Yongbyon-Reaktors, wie am Freitag geschehen, gesprengt - und die ganze Welt schaut zu. Für den Regisseur aus Pjöngjang ist das ein neuer Quotenhit.


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