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Kritik an Treffen in Oslo Im Privatjet zum Gipfel: Taliban sprechen mit dem Westen über die humanitäre Krise in Afghanistan

Eine Delegation von Taliban sitzen in einem Privatflugzeug auf dem Weg nach Norwegen
Taliban im Luxus-Flieger: In Norwegen wollen die Taliban mit Diplomat:innen aus westlichen Ländern sprechen. Es sind aber auch Gespräche mit Frauenrechtlerinnen und Journalist:innen geplant.
© Afghan Taliban / AFP
In Anbetracht der drohenden humanitären Katastrophe in Afghanistan treffen sich hochrangige Taliban in Norwegen mit Vertreter:innen aus westlichen Staaten. Bei dem Gipfel geht es auch um Menschenrechte. Doch das Treffen sorgt für Kopfschütteln.

Es ist ein bizarres Bild: Hochrangige Taliban-Vertreter in traditionellen Gewändern, Schals und Turbanen sitzen in einem Luxus-Privatjet. Auf einem anderen Foto posieren sie vor dem Flugzeug. Vor dem Hintergrund der humanitären Krise in Afghanistan wirken diese Fotos wie ein Treppenwitz. Denn ausgerechnet deshalb sind die Taliban zu einem Gipfel nach Norwegen geflogen: um über die humanitäre Lage in Afghanistan zu sprechen.

Es ist das erste Mal, dass die Islamisten seit ihrer Machtergreifung in Afghanistan mit einer Delegation in ein westliches Land reisen. Die Einladung kam aus Norwegen. Medienberichten zufolge wurde der Privatflieger von Norwegen bezahlt. Das norwegische Außenministerium teilte demnach mit, dass das Chartern der Maschine rund 3,5 Millionen norwegische Kronen gekostet habe – umgerechnet knapp 347.000 Euro.

Taliban treffen Frauenrechtlerinnen

"Es war aus Sicherheitsgründen notwendig. Wir übernehmen alle Flug- und Reisekosten der afghanischen Teilnehmer. Weitere Kosten des Besuchs sind Sicherheits-, Transport-, Hotel- und Sitzungskosten", sagte das Außenministerium zu den Ausgaben dem norwegischen Rundfunk NRK.

Zum Auftakt des mehrtägigen Gipfeltreffens kam die von Außenminister Amir Chan Muttaki geführte Taliban-Delegation am Sonntag mit Vertretern der afghanischen Zivilgesellschaft zusammen, wie die norwegische Regierung mitteilte. So soll die Taliban-Delegation unter anderem mit afghanischen Frauenrechtlerinnen und Journalist:innen zusammengekommen sein. Die Gespräche fanden hinter verschlossenen Türen statt. Eine der Teilnehmerinnen, die Frauenrechtsaktivistin Dschamila Afghani, sagte der Nachrichtenagentur AFP, es sei ein positives Treffen gewesen. Die Taliban "zeigten guten Willen. Mal sehen, was sie ihren Worten folgen lassen werden", sagte sie weiter. 

Am Montag und Dienstag sind Treffen mit westlichen Diplomaten geplant. An den politischen Gesprächen nehmen nach norwegischen Regierungsangaben auch Vertreter:innen aus den USA und mehreren europäischen Ländern teil, darunter Deutschland und Frankreich.

Menschenrechte auch Thema in Norwegen

Mittelpunkt der Gespräche in Oslo ist die humanitäre Krise in Afghanistan, die sich seit der Machtübernahme der Taliban im August massiv zugespitzt hat. Millionen Menschen sind nach UN-Angaben von Hunger bedroht. Der Umgang mit der humanitären Lage ist wegen der Menschenrechtsverletzungen der radikalislamischen Taliban allerdings hoch umstritten.

Auch wenn die Taliban nach der Machtergreifung betonten, die Rechte von Frauen auf Arbeit und Bildung zu achten, lassen Berichte über festgenommene Aktivistinnen, die Unterdrückung von Protesten und diskriminierende Regeln für Frauen daran Zweifel aufkommen. "Die Taliban haben faktisch eine Geschlechter-Apartheid eingeführt", sagte Davood Moradian, Leiter des Afghanischen Instituts für Strategische Studien, das jetzt außerhalb Afghanistans ansässig ist. Norwegen setze mit seiner Gesprächsinitiative seinen Ruf als Verteidiger der Frauenrechte aufs Spiel.

Die ehemalige afghanische Ministerin für Bergbau und Erdöl, Nargis Nehan, die jetzt in Norwegen lebt, lehnte die Teilnahme an den Gesprächen in Oslo ab. Sie befürchte, dass die Taliban dadurch "normalisiert" und "gestärkt" würden, sagte sie zu AFP. "Welche Garantie gibt es dieses Mal, dass sie ihre Versprechen einhalten werden?"

Taliban köpfen weibliche Schaufensterpuppen

"Wissen nicht, ob uns diese Gespräche weiterbringen"

Die Gespräche in Oslo bedeuteten "keine Legitimation oder Anerkennung der Taliban", betonte Norwegens Außenministerin Anniken Huitfeldt vor Beginn des Treffens. "Aber wir müssen mit den Behörden sprechen, die de facto das Land regieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass die politische Situation in eine noch schlimmere humanitäre Katastrophe mündet." Die Taliban ihrerseits hatten vor Beginn der Gespräche die Hoffnung auf verbesserte Beziehungen zum Westen bekundet.

Huitfeldt hatte argumentiert, man könne die Taliban nur im Dialog für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen. Ihre Hoffnung ist, dass sich die Situation für Frauen in Afghanistan durch diplomatische Bemühungen verbessern lässt. Dennoch sagte sie: "Wir wissen nicht, ob uns diese Gespräche weiterbringen."

Für Kritik sorgte auch, dass der 27-jährige Mohammed Anas Zadran, auch bekannt als Anas Haqqani, Teil der Taliban-Delegation ist. Haqqani, Berater des Innenministeriums in Afghanistan, ist der jüngere Bruder von Innenminister Sirajuddin Haqqani und stand laut NRK bis vor Kurzem wegen Verbindungen zu terroristischen Aktivitäten auf der schwarzen Liste der USA. Sirajuddin Haqqani, ehemaliger Leiter des Haqqani-Netzwerks, wird vom FBI wegen eines Anschlags auf ein Hotel in Kabul im Jahr 2008 gesucht, bei dem mindestens sieben Menschen getötet wurden, darunter ein norwegischer Journalist.

Mit diesem Plakat sucht das FBI in den USA nach Informationen über Sirajuddin Haqqani
Mit diesem Plakat sucht das FBI in den USA nach Informationen über Sirajuddin Haqqani
© Federal Bureau of Investigation

Proteste wegen Gipfeltreffen mit Taliban

Auch international stößt das Treffen auf Kritik. Sowohl in Oslo als auch vor norwegischen Botschaften in London oder Toronto protestierten Afghanen, wie aus Social-Media-Videos hervorgeht, die in der afghanischen Community vielfach geteilt wurden. Die Demonstrierenden warfen Norwegen vor, den Taliban den Hof zu machen und damit auf der falschen Seite zu stehen. Auch in Kabul protestierten einige Frauen und Mädchen im Geheimen und teilten Videos davon.

Jonas Gahr Støre, Ministerpräsident Norwegens, zeigte Verständnis für die Reaktionen auf den Taliban-Besuch. "Es ist eine Bewegung, die für Terroranschläge verantwortlich ist. Es ist eine Bewegung, die in Afghanistan (die Macht, Anm. d. Red.) übernommen hat. Sie haben Werte, die weit von unseren entfernt sind." Er betonte aber, dass Norwegen es so organisiert habe, dass die Vertreter der Taliban zunächst mit afghanischen Zivilisten zusammentreffen, bevor sie mit der EU, der UNO, den USA und norwegischen Diplomaten Gespräche führen.

Norwegen ist in der Vergangenheit immer wieder als Vermittler bei Konflikten in anderen Ländern aufgetreten, zuletzt unter anderem bei dem in Venezuela. Auch mit den Taliban steht das skandinavische Nicht-EU-Land seit Jahren im Dialog. Eine norwegische Delegation reiste in den vergangenen Tagen für Gespräche über die schwierige humanitäre Lage in Afghanistan nach Kabul.

Weitere Quellen: Nachrichtenagenturen DPA und AFP, TV2, abc nyheter, "Politiken"

rw

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