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Obamas Rede auf Demokraten-Parteitag Dieser Weg wird kein leichter sein


Es war nicht seine beste Rede, aber eine seiner kämpferischsten: Auf dem Parteitag der Demokraten redete Barack Obama Klartext. Er brauche eine zweite Chance, um Amerika aus der Krise zu führen.
Von Giuseppe Di Grazia, Charlotte

Barack Obama ist ein Redner, Bill Clinton ein Plauderer. Wenn Obama spricht, denkt man, er stünde auf einer Bühne; bei Clinton an eine Bar. Obama erklärt einem Amerika und danach glaubt man: "Mensch, da habe ich etwas gelernt." Bei Clinton: "Mensch, jetzt habe ich es kapiert." Man muss das alles wissen, um Barack Obamas Auftritt beim Parteitag der Demokraten zu verstehen. Der Präsident war selbstverständlich der Hauptredner, er sprach als Letzter, es ging vorher nur darum, wie sehr er seinen Rivalen Mitt Romney von den Republikanern angreift und wie sehr er die Amerikaner davon überzeugen kann, ihn trotz einiger Enttäuschungen am 6. November wieder zu wählen. Aber Bill Clinton hatte am Mittwochabend gesprochen und auf einmal war alles ganz anders. "The King's Speech" hatte die Huffington Post nach der Rede des früheren Präsidenten geschrieben.

Eigentlich muss sich Obama mit keinem anderen vergleichen lassen, wenn er eine Rede hält. Er ist zu gut. Es gibt keinen aktiven Politiker in Amerika, der es mit ihm aufnehmen kann. Mitt Romney schon gar nicht. Auf einmal sprachen einige davon, dass nicht der Republikaner an diesem Abend die Herausforderung für Obama sei, sondern Clinton. Aber das war eine falsche Sicht. Denn Bill Clinton hatte Obama zwei große Gefallen getan: Er hatte Punkt für Punkt aufgezeigt, wo die Republikaner falsch liegen. Und er hatte Obamas Leistungen verteidigt, er konnte das sagen, was Obama selbst nicht sagen kann: Obama ist der beste Mann für das Weiße Haus. Clinton hatte die Delegierten auf Obama bestens eingestimmt, indem er ihnen mit seinem Plauderton wieder Vertrauen in den Präsidenten eingehaucht hatte.

Das war nicht Obamas beste Rede

Als Obama dann gestern Nacht zu ihnen sprach, fand er von der ersten Minute an 22.000 begeisterte Anhänger in der Halle von Charlotte vor. Obama hielt nicht seine beste Rede, mit Sicherheit war sie nicht besser als die von Clinton, aber sie war eine sehr kämpferische. Sie überzeugte, weil er die Menschen nicht zum Träumen brachte, sondern mit seiner realistischen Sicht zum Nachdenken. "Der Weg, den wir bieten, mag härter sein, aber er führt zu einem besseren Ort", sagte Obama

Immer wieder bat Obama um Vertrauen und Geduld, er brauche mehr Zeit, um all die Probleme des Landes zu lösen. Was sich in Jahrzehnten angehäuft habe, sei nicht in wenigen Jahren zu lösen. Und er habe im Gegensatz zu seinem republikanischen Rivalen Mitt Romney einen Plan, einen Plan, den man auch umsetzen könne. Obama machte den Amerikanern klar, dass sie vor einer Schicksalswahl stünden: Es gehe bei der Wahl am 6. November nicht nur um zwei Kandidaten oder zwei Parteien, es gehe bei der Wahl zwischen zwei fundamental verschiedenen Visionen für die Zukunft.

Ehrgeizige Ziele, kühne Pläne

Obama setzt bei seinem Weg auf eine Stärkung der Mittelschicht, weniger Ausgaben fürs Militär und neue Energiegewinnung. Er werde Familien der Mittelschicht keine weiteren Steuerbelastungen zumuten, nur, um Millionären weitere Steuererleichterungen zu verschaffen. Bis 2014 will Obama die Exporte verdoppeln und bis 2016 eine Million Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie schaffen. Er will weiter in ein besseres Ausbildungssystem investieren und dafür 100.000 neue Lehrer einstellen, er will Amerika zudem unabhängiger von Energielieferungen aus dem Ausland machen. Außerdem will er die Milliarden, die die USA nun nicht mehr für die Kriege im Irak und in Afghanistan ausgeben müssen, in den Bau von Schulen und Straßen investieren. Das US-Defizit möchte er im gleichen Zeitrahmen um vier Billionen Dollar kürzen.

Obama will eine zweite Chance

Vor vier Jahren beim Parteitag in Denver drehte sich alles um Hoffnung und Wandel, hier in Charlotte ging es Obama vor allem um Geduld. Obama versuchte, die Amerikaner davon zu überzeugen, dass er Amerika wirklich nach vorne gebracht hat und noch weiter tun wird, dass er eine zweite Chance verdient hat. "Amerika, ich habe nie gesagt, dass es einfach wird. Die Krise ist noch nicht überwunden. Aber wir können es schaffen. Wir können unsere Probleme lösen, wir können unsere Herausforderungen meistern", sagte Obama und wurde dafür von seinen Anhängern in der Halle bejubelt.

Trotz der Erfolge, die er vorzuweisen hat, sind die Amerikaner noch immer nicht überzeugt von Barack Obama. Zu sehr hatte er die Erwartungen geschürt, die er nicht alle erfüllen konnte, zu sehr sind einige enttäuscht von ihm. In den Umfragen liegt Obama derzeit nur knapp vor dem blassen Mitt Romney. Mit seiner Rede von Charlotte hat Obama zumindest den demokratischen Delegierten glaubhaft machen können, dass er ein besserer Präsident sein wird als in den vergangenen vier Jahren. Ob er auch die noch unentschlossenen Wähler mit seiner Bitte um Geduld und Vertrauen gewonnen hat, muss sich aber noch zeigen.

Der Präsident hat dazugelernt

Die Rede zeigte jedenfalls, dass Obama aus Fehlern gelernt hat. Er war klug genug, nicht wieder zu viel zu versprechen. Er war klug genug, den Menschen eine nüchterne Analyse zu liefern. Obama ist auch nicht mehr so naiv wie vor vier Jahren, er vertraut nicht mehr darauf, dass die Republikaner sich von ihm durch seine rationalen Argumente von einer Zusammenarbeit überzeugen lassen. Er geht sie nun härter an, er bringt sie mit seinen Vorstößen unter Druck anstatt sich selbst unter Druck setzen zu lassen. Als die Republikaner die Steuersenkungen für die Mittelschicht Anfang des Jahres nicht verlängern wollten, warf Obama ihnen wochenlang vor, den amerikanischen Traum zu zerstören - die Rechten gaben nach. Barack Obama kann nun auch anders. Seine Anhänger erwarten, dass er das in seiner zweiten Amtszeit viel öfters zeigen wird.


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