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Olympia-Proteste: IOC erwägt Stopp des Fackellaufs

Die Proteste gegen den olympischen Fackellauf schlagen Wellen auf der ganzen Welt: Während die französische Regierung sich in alle Richtungen verteidigt, wird die Laufstrecke in San Francisco verkürzt. Einigen Olympia-Funktionären schweben aber viel drastischere Konsequenzen vor.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) schließt als Reaktion auf die heftigen Proteste gegen die chinesische Tibetpolitik einen Abbruch des internationalen Teil des Fackellaufs für die Olympischen Spiele in Peking nicht mehr aus. "Das ist sicher etwas, das im Exekutivrat besprochen wird", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge in Peking. Der Exekutivrat werde am Freitag über die Möglichkeiten beraten. Noch sei noch nichts beschlossen, sagte Rogge. Er wolle auch nicht spekulieren, in welche Richtung eine Entscheidung gehen werde.

Auch anderre Mitglieder des IOC stellten die Zukunft dieser Veranstaltung offen infrage. Das australische IOC-Mitglied Kevan Gosper erklärte in Peking, er sei schon immer gegen den internationalen Teil des Fackellaufs gewesen, der erst mit den Olympischen Spielen in Sydney 2000 eingeführt worden sei.

Für dieses Jahr wurden 21 Städte außerhalb Chinas ausgewählt. Man habe China vorab darauf hingewiesen, dass London, Paris und San Francisco Orte mit einem gewissen Risiko verbunden seien, sagte Gosper. Das israelische IOC-Mitglied Alex Gilady erklärte, es sei schon vorher überlegt worden, den internationalen Teil des Fackellaufs wieder zu streichen. Diese Diskussion werde jetzt sicher wieder von vorne beginnen.

Protest auf der Golden Gate Bridge

In Paris erzwangen Demonstranten am Montag trotz eines starken Polizeiaufgebots den Abbruch des Fackellaufs. Auch in London war es am Sonntag am Rande des Fackellaufs zu Zwischenfällen gekommen. Die Welle der Proteste gegen die chinesische Tibetpolitik erreichte unterdessen noch vor dem Olympischen Feuer die USA. Drei Demonstranten kletterten in einer spektakulären Aktion auf die Golden Gate Bridge in San Francisco und hängten die tibetische Fahne sowie zwei Transparente mit der Aufschrift "Freies Tibet 08" und "Eine Welt - Ein Traum. Freies Tibet" auf.

Nach den Protesten in Paris sollen die Sicherheitsvorkehrungen in San Francisco verschärft werden. Dies kündigte Bürgermeister Gavin Newsom an, ohne aber konkrete Maßnahmen bekanntzugeben. Newsom stellte in Aussicht, dass die geplante zehn Kilometer lange Route für den Lauf entlang einer Hafenpromenade verkürzt werden könnte. Nach Angaben der Polizei werden Beamte zum Schutz der 80 Fackelträger an deren Seite mitlaufen. Mehr als 500 Sicherheitskräfte sollten beim Eintreffen der Flamme aus Paris am Flughafen von San Francisco zugegen sein. Beim einzigen Stopp der Flamme in den USA haben Tibet- Unterstützer und mehrere Menschenrechtsgruppen Kundgebungen und Proteste geplant.

Stationen des Fackellaufs

"Vieles macht uns Sorge", räumte Polizeisprecher Neville Gittens ein. Entlang der Fackellauf-Route gäbe es "sehr viele Möglichkeiten, um Ärger zu machen". Schon vor den Ausschreitungen in London und Paris hatte San Francisco Pläne für einen längeren Lauf über die engeren, hügeligen Straßen der Stadt gestrichen. Auch Chinatown und die Golden Gate Brücke wurden aus Sicherheitsgründen verworfen. Eine zunächst länger geplante Zeremonie am Ende des Laufs wurde auf 20 Minuten gekürzt.

Die geplante Route durch Tibet werde dort möglicherweise weitere Festnahmen zur Folge haben, sagte einer der Demonstranten über Mobiltelefon. Sollte das IOC zulassen, dass der Fackellauf durch Tibet führe, werde die Organisation "Blut an ihren Händen haben". Clinton erklärte, ein Fernbleiben Bushs von der Eröffnungsfeier würde die Bedenken Washingtons wegen des Tibet-Konflikts und der chinesischen Sudan-Politik bekräftigen. Bush hat angekündigt, an der Eröffnungsfeier teilnehmen zu wollen, weil es sich um ein Sport- und nicht um ein politisches Ereignis handle. An dieser Einstellung habe sich nichts geändert, betonte ein Sprecher des Weißen Hauses, Tony Fratto.

Paris kritisiert Proteste

Die französische Regierung hat die Proteste beim olympischen Fackellauf in Paris gegen die chinesische Tibetpolitik kritisiert. Verteidigungsminister Hervé Morin sprach von einem "traurigen Augenblick für die olympische Bewegung". Er sei "betrübt, Menschen zu sehen, die den Sportlern feindlich gesinnt sind, die wir alle bewundert haben und die an einem Fest teilnehmen wollten", sagte Morin dem Rundfunksender France Info. "Olympia ist eine bestimmte Vorstellung vom Glück." Der sozialistische Altpremier Laurent Fabius warf der Regierung vor, mit ihrer "unklaren Position" die Spannungen geschürt zu haben.

Gleichzeitig wehrt sich Frankreich gegen Kritik aus China. "Im Land der Menschenrechte kann man nicht die Freiheit zum Demonstrieren verbieten", sagte Innenministerin Michèle Alliot-Marie dem Radio-Sender Europe-1. Die Sicherheitskräfte hätten ihre doppelte Aufgabe sehr gut erfüllt: den Schutz der fackeltragenden Sportler und die Garantie der freien Meinungsäußerung. Die Polizei habe 18 Personen zumeist wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt festgenommen.

AP/DPA / AP / DPA