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Paul Krugman: "Bösartiger als Reagan"

Princeton-Professor Paul Krugman, 51, über Bushs Lügen, den Folterskandal und die schleichende Revolution der extremen Rechten in den USA.

Professor Krugman, für manche sind Sie der bestgehasste Mann des Landes, hat das Folgen für Sie?

Ja, ich bekomme viele Drohbriefe. In einem stand: "Ich wünschte, ich könnte ein paar Terroristen bezahlen, Sie umzubringen."

Überraschen Sie solche Ausfälle?

Am Anfang schon. Inzwischen ist mir klar, dass die USA ein tief gespaltenes Land sind. Es hat sich viel Hass angesammelt. Am schlimmsten war das natürlich nach den Terroranschlägen. Kurz nach dem 11. September zu schreiben, dass der Präsident der USA nicht der Retter der Nation ist, sondern dass er und seine Leute die Anschläge zum eigenen Vorteil ausnutzen - das fanden viele unerträglich. Heute stimmt mir ein Großteil meiner Leser zu.

Erst stellte sich heraus, dass der Irak-Krieg auf Lügen basierte, nun erleben wir den Folterskandal. Ist es nicht Zeit für Präsident Bush, die Verantwortung zu übernehmen und zurückzutreten?

Tja, das wäre wirklich nett. Bush ist eindeutig in einer schlimmeren Lage als Präsident Lyndon B. Johnson 1968 im Vietnamkrieg. Johnson stellte sich damals nicht zur Wiederwahl. Aber Bush feuert nicht einmal seinen Verteididungsminister, geschweige sich selbst.

Ist es denkbar, dass es wegen der Skandale zu einem formellen Amtsenthebungsverfahren kommt, wie wir das bei Präsident Bill Clinton in der LewinskyAffäre erlebt haben?

Angesichts der Fakten wäre, ganz objektiv, ein Amtsenthebungsverfahren sicher möglich und auch sinnvoll. Bedenken Sie nur, dass man Clinton wegen einer einvernehmlichen Liebesaffäre ein Impeachment-Verfahren angehängt hat! Bei Bush werden das aber die Machtverhältnisse in Washington verhindern. John Kerry dagegen müsste wahrscheinlich mit einem Enthebungsverfahren rechnen, ehe er sein Amt überhaupt antritt. So sind derzeit die politischen Verhältnisse in Amerika.

Aber könnte nicht doch das Klima der öffentlichen Meinung kippen und eine Wiederwahl Bushs verhindern?

Wenn Sie mich heute fragen, würde ich ja sagen, aber wer weiß?

Kann sich Bush denn alles erlauben?

Wenn ich deprimiert bin, denke ich: O Gott, was geht hier in Amerika eigentlich vor. Wenn ich optimistisch bin, denke ich: Wie viel offener diskutieren wir heute als vor zwei Jahren. Damals hat kaum einer gewagt, davon zu reden, dass ein Hauch von Korruption diese Regierung umgibt. Inzwischen würde wohl das halbe Land zustimmen. Ich fühle mich nicht mehr wie der einsame Rufer in der Wildnis.

Trotzdem halten sich die US-Medien mit Kritik an Bush immer noch zurück - warum?

Einige sind Teil der Maschinerie: Eine Hand voll wütender Milliardäre hat ein rechtes Netzwerk aufgebaut, zu dem Sender wie Rupert Murdochs Fox News und Zeitungen wie die "Washington Times" gehören. Die übrigen Medien gehen auf Nummer sicher und berichten nach dem Schema "einerseits - andererseits". Das liegt auch an den Hetzkampagnen, denen Kritiker wie ich ausgesetzt sind. Die meisten Journalisten sind nicht bereit, sich auf so etwas einzulassen und ihre Karriere zu riskieren.

Ihr Hang zu drastischen Formulierungen vermittelt gelegentlich den Eindruck, Sie seien eine Art Michael Moore der gehobenen Stände.

Ich hoffe nicht. Michael Moore ist Entertainer, und selbst wenn er Recht hat, ist seine provokante Art doch häufig kontraproduktiv.

Genau das sagen manche auch über Sie.

Ich weiß, ich gelte als "schrill" - das ist das allgemeine Lieblingswort. Aber warum eigentlich? Ich beschreibe nur, was in diesem Land vor sich geht - und weil das, was vor sich geht, sehr extrem ist, klinge ich in manchen Ohren wie ein Aufrührer.

Die Revoluzzer sehen Sie allerdings auf der Gegenseite: In Ihrem neuen Buch "Der große Ausverkauf" werfen Sie den Konservativen vor, einen Staatsstreich zu planen.

Einen sanften Staatsstreich, ja. Es fahren keine Panzer durch die Straßen, aber wir sehen eine revolutionäre Bewegung. Es geht darum, Amerika grundlegend zu verändern.

Nämlich wie?

Eines der Ziele ist die Abschaffung des Wohlfahrtsstaates. Man senkt die Steuern ohne Rücksicht darauf, ob das Land sich das leisten kann. Dann sagt man: "Wir haben ein gewaltiges Defizit, wir müssen die Ausgaben kürzen." Das passiert gerade. Dazu kommen die religiöse Rechte, die die Trennung von Kirche und Staat aufheben will, und die Neo-Konservativen, die für eine aggressive Außenpolitik eintreten.

Was steckt dahinter?

Das ist eine spannende Frage. Das Argument, dass es um die Kontrolle der Ölfelder geht, überzeugt mich nicht. Ich glaube, diese neue Rechte will eher darauf hinaus, ihr Weltbild durchzusetzen - ihre Vision davon, wie alle Welt zu sein hat.

Welche Rolle spielt George Bush dabei?

Ich glaube, er ist nur die Symbolfigur für diese Bewegung. Er kommt aus einer Familie, die immer gute Beziehungen zur Wirtschaftselite und zu den Mächtigen hatte, und er ist ein vom Glauben durchdrungener Christ - also der perfekte Kandidat für diese Bewegung.

Wie einst Ronald Reagan?

So ähnlich. Aber Bush ist härter, bösartiger als Reagan. Und die konservative Bewegung, die hinter ihm steht, ist kompromissloser und viel entschlossener als in den 80er Jahren. Die extremen Rechten von damals würden heute als moderate Republikaner gelten. Reagan hat sogar die Steuern erhöht, als das Haushaltsdefizit zu groß wurde. Heute ziehen die Hardliner ihre Politik rigoros durch. Da gibt es kein Zögern und kein Schwanken. Reagan war nur ein schwacher Vorgeschmack auf Bush.

Mal angenommen, diese Bewegung bleibt im November an der Macht - was dann?

Meine Vorstellungskraft geht ziemlich weit. Ich kann mir sehr gut eine Situation ausmalen, in der Amerika im Jahr 2009 oder 2010 nicht mehr besonders demokratisch aussieht. Gewiss wird keiner die Wahlen abschaffen. Aber es wäre denkbar, dass die Opposition finanziell weit unterlegen ist und die Medien - unter dem Druck der Regierung - sehr einseitig berichten.

Und Amerika - das Land der "Freien und Mutigen" - nimmt all das einfach so hin? Oder blühen Bush Massenproteste, ähnlich wie in den 60er Jahren?

Das ist sehr schwer zu sagen. Alle sechs Monate scheint die Stimmung komplett umzuschlagen, völlig unvorhersehbar. Ich weiß nicht, ob es realistisch ist, aber manchmal träume ich davon, dass Millionen durch die Straßen von New York marschieren und rufen: "Schmeißt die Kerle aus dem Amt!"

Interview: Hans-Hermann Klare/ Karsten Lemm / print