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Perlen der Kreml-Propaganda "Von Invaliden zu Cyborgs" – jetzt lässt Putin Prothesen zu "coolen Gadgets" erklären

Für die Kreml-Propaganda: Wladimir Putin kritzelt bei Video-Konferenz mit Menschen mit Behinderungen auf einem Blatt Papier
Das schafft nur die Kreml-Propaganda: Wladimir Putin bei einer Video-Konferenz mit Menschen mit Behinderungen, unter ihnen ein Soldat im Rollstuhl. Während er dem Kreml-Chef dankte, kritzelte dieser auf einem Blatt Papier herum
© Mikhail Metzel/POOL/TASS PUBLICATION
Immer wenn man glaubt, die Kreml-Propaganda könnte nicht tiefer sinken, tut sie es doch. In der Parallelwelt, in die Wladimir Putin seine Untertanen zu versenken wünscht, sollen nun Prothesen zu "beneidenswerten Upgrades" stilisiert werden. 

Je fester sich Wladimir Putin mit blauangelaufenen Fingern in seinen Präsidentensessel krallt, desto abgründiger werden die Tiefen seiner Propagandisten. In dem Paralleluniversum, das Putin in Russland erschafft, gilt längst die Regel: "Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke."

Als George Orwell diesen Satz für seine Dystopie "1984" formulierte, konnte er nicht ahnen, wie schnell sein Alptraum sich in Realität verwandeln würde. Und die Propaganda des Kremls geht noch weiter. Sie arbeitet nun daran diese Regel um einen Zusatz zu erweitern: "Prothesen sind besser als eigene Körperteile." Das soll Russland nach dem Willen des Kremls bald glauben. 

Gleich mehrere Staatssender machten sich in der vergangenen Woche daran, den Auftrag zu erfüllen. Der wichtigste Sender in Russland Perwyj Kanal, der beliebte Sender NTW, oder der Auslandssender RT – sie alle strahlten fast gleichzeitig Beiträge aus, die den Zuschauern erzählten, wie großartig das Leben mit Prothesen sei – im vollkommenen Brustton der Überzeugung. 

"Wir werden uns alle upgraden"

RT tat sich dabei mit einem besonders perfiden Meisterwerk der Propaganda hervor. "Das ist die digitale Transformation, die es den Menschen erlaubt in die Zukunft zu blicken – angefangen bei sich selbst, bei den eigenen Armen und Beinen", erklärt ein Hersteller-Vertreter in einem Beitrag von RT. "Wir gehen von einem Invaliden zu einem Cyborg über, dessen Fähigkeiten, die des normalen Menschen übersteigen. Das gibt uns einen Drive!", schwärmt der junge Mann. 

"Cyborg-Menschen gibt es nicht nur in Filmen! Das ist ein wahres Wunder der Technik", erklingt es begeistert aus dem Off. Dazu erklingt feierliche Musik. Menschen mit Prothesen spielen Frisby, oder widmen sich der Malerei – alles in einer perfekten am Computer erschaffenen Welt mit leuchtend grünem Gras und unnatürlich blauen Himmel.

"Der Entwickler Ilja Tshech ist sich sicher, dass die Besitzer solcher Gadgets bald beneidet werden!", setzt der Beitrag noch einen drauf. "Wir werden uns alle upgraden, um ein längeres, ausgefüllteres Leben zu führen und bei weitem mehr zu fühlen, als ein normaler Mensch", erklärt der junge Entwickler lächelnd in der nächsten Szene. 

Die neue Welt der Kreml-Propaganda 

"Es ist nichts Negatives, wenn ein Mensch keinen Arm oder kein Bein hat. Das ist kein Invalide. Wir benutzen dieses Wort gar nicht. Das ist dann ein anderer Mensch, ein besonderer Mensch mit anderen Fähigkeiten", kommt wieder der Hersteller-Vertreter zu Wort. 

"Wir brauchen Content dazu. Wir müssen mehr davon erzählen. Nicht nach dem Motto: Oje, wir haben keine Arme. Wie sollen wir leben?", ergänzt der Entwickler Tshech. Bei den letzten Sätzen verfällt er in einen weinerlichen Ton, der offenbar einen klagenden Menschen parodiert, der einen Körperteil verloren hat. "Nein, wir müssen positiv darüber reden: Das ist cool! Man kann damit dies oder jenes." 

Prothesen als "coole Gadgets zum "Upgraden", um die man beneidet wird – das ist also die schöne neue Welt der Kreml-Propaganda. 

Der Grund für die Kampagne 

Dass die Propagandisten plötzlich von Cyborg-Menschen schwärmen und überglückliche junge Männer vorführen, die Arme oder Beine aus Eisen haben, ist kein Zufall. Die Zahl der Verschreibungen von Prothesen ist in den letzten zwei Jahren in Russland um 40 Prozent gestiegen, wie der Sozialversicherungsfond (FSS), am 1. Dezember bekannt gegeben hat.

"Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der ärztlichen Verordnungen. Der Bedarf an Prothesen sowohl für die oberen als auch für die unteren Extremitäten steigt", erklärte der stellvertretende Vorsitzender des Fonds, der sich aus der in Russland obligatorischen Sozialversicherung speist. Auch der Bedarf an Hightech-Arm- und Beinprothesen sei um mehr als das 2,5-fache gestiegen. Pro Jahr würden 12 Milliarden Rubel aus dem Staatshaushalt für Prothesen ausgegeben werden – umgerechnet rund 182 Millionen Euro.

Was aber der Grund für den plötzlich gestiegenen Bedarf ist, verschwieg die Behörde: Es ist der Krieg in der Ukraine. Tausende junge Männer kehren nach Russland zurück – ohne Arme oder Beine. Für die Kamera statten ihnen von Ex-Präsident Dmitri Medwedew bis zum Verteidigungsminister Sergej Schojgu russische Politiker demonstrative Besuche ab, die dann in den Abendnachrichten die Sendezeit füllen. Erstaunlicherweise hatte keiner der Patienten, die vor die Kamera gezerrt wurden, bei diesen Besuchen eine Prothese vorzuführen. Und nur weil die Propaganda von Hightech-Prothesen erzählt, die besser seien als eigene Arme oder Beine, wird sie so schnell auch niemand von ihnen bekommen.

Ein Märchen für erwachsene Männer 

Das Gesundheitssystem Russlands ist in einem katastrophalen Zustand. Und die Zielgruppe der Propaganda sind gar nicht die Menschen, die bereits eine Prothese bräuchten. Es sind die jungen gesunden Männer, die keine Angst haben sollen, für Putin einen Arm oder ein Bein zu verlieren. 

Der Prothesen-Entwickler Tshech gehört aber nicht zu ihnen – auch wenn er seine Schöpfungen für beneidenswert hält. "Sie würden also ihren Arm gegen eine Prothese eintauschen?", wird er in dem Beitrag von RT gefragt. "Absolut", erwidert er. Doch ein nervöses Lachen kann er nicht unterdrücken. "Naja, vielleicht in 20 Jahren. Wenn die Prothese fühlen kann und über die feine Motorik verfügt."

In diesem Tweet werden Beiträge mehrere Staatssender zusammengefasst, die Prothesen zu einem "beneidenswerten Upgrade" stilisieren wollen. 

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