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Gezielte Taktik Tausende ukrainische Häftlinge nach Russland deportiert – um vor eine grausame Wahl gestellt zu werden

Tausende Gefangene sollen aus ukrainischen Haftanstalten nach Russland deportiert worden sein. 
Ukrainische Häftlinge in einer Strafanstalt im okkupierten Donezk. Tausende Gefangene sollen aus ukrainischen Haftanstalten nach Russland deportiert worden sein. 
© Konstantin Mihalchevskiy / Imago Images
Zwischen 2500 und 5000 ukrainische Häftlinge sollen aus der Region Cherson in russische Gefängnisse deportiert worden sein. Russland soll damit eine ganz gezielte Taktik verfolgen. 

Mehr als 2500 ukrainische Häftlinge soll Moskau aus der Region Cherson nach Russland deportieren lassen. Dies berichtet "Sirena", ein Projekt des Teams von Alexej Nawalny unter Berufung auf eigene Daten und Informationen der Menschenrechtsorganisationen "Russland hinter Gittern" und "Gulagu.net".

Angehörige der deportierten Häftlinge sagten aus, dass im vergangenen Mai die Gefangenen aus den Kolonien in den Regionen Cherson und Mykolajiw zunächst in ein Straflager unweit der Stadt Cherson verlegt worden seien. Damals stand die Region unter der Besetzung durch russische Truppen. Zwei Wochen vor ihrem Rückzug im vergangenen November habe das russische Militär aber die Häftlinge nach Russland gebracht.

Die Menschenrechtsaktivisten machten zehn russische Justizvollzugsanstalten aus, in denen die ukrainischen Häftlinge offenbar untergebracht worden sind. Die meisten von ihnen befinden sich demnach in der Region Krasnodar, die nicht weit von der ukrainischen Grenze entfernt ist. Von dort aus sollen die ukrainischen Häftlinge jedoch schon bald in andere Kolonien in ganz Russland verlegt werden – womöglich, um sie voneinander zu trennen oder nach der Schwere ihrer Vergehen zu gruppieren. 

Folter und Schläge in Russland

Der Leiter der Organisation "Gulagu.net", Wladimir Ossetschkin, berichtete von Gewalt und Folter, denen die Häftlinge ausgesetzt seien. In der Strafkolonie IK 14 in Krasnodar sollen mindestes 253 Neuankömmlinge schwer geschlagen worden sein. Der Leiter der Justizvollzugsanstalt soll sich an der Folter beteiligen haben, bei der auch Elektroschocker eingesetzt werden sollen. 

Nach Erkenntnissen der Menschenrechtsaktivisten, die sich vor allem für die Rechte von Häftlingen einsetzen, sollen die Ukrainer in den Kolonien von den russischen Insassen isoliert werden. Eine spezielle Abteilung des Bundesgefängnisdienstes arbeite mit den Neuankömmlingen. Die ukrainischen Gefangene sollen keine Möglichkeit haben, Informationen über ihr Schicksal weiterzugeben, glaubt Ossetschkin. "Sehr viele von ihnen sind lebende Zeugen grober Menschenrechtsverletzungen, zahlreicher Gewaltverbrechen und Morde. Alle sind entweder Zeugen oder Opfer", stellt der Chef von "Gulagu.net" fest.

Die Taktik hinter der Deportation 

Auch die Menschenrechtsaktivistin Olga Romanowa berichtet über ukrainische Gefangene, die in der Justizvollzugsanstalt IK 19 in der Region Wolgograd gelandet sind, dort schwer geschlagen und in leere Kasernen gesperrt wurden. Die Leiterin der Organisation "Russland hinter Gittern" vermutet hinter der Verschleppung ukrainischer Häftlinge eine perfide Taktik. 

"So wie wir es verstehen, wird ihnen jetzt in Russland der Prozess gemacht. Sie sind in der Ukraine bereits für ihre Verbrechen verurteilt worden. Nun sollen sie aber in Russland nochmals abgeurteilt werden", schilderte Romanowa ihren Verdacht im Gespräch mit dem unabhängigen Sender Dozhd. "Wenn die Häftlinge merken, dass sie bei weitem härtere Strafen in viel schlimmeren Bedingungen absitzen müssen, wird man ihnen einen Vorschlag unterbreiten: einen Vertrag mit der Söldnertruppe Wagner zu unterschreiben." Das Ziel sei: Ukrainer anwerben und sie zwingen, gegen die eigene Heimat zu kämpfen. Sie geht von mindestens 5000 ukrainischer Häftlinge aus, denen dieses Schicksal droht. 

Menschliche Schutzschilde oder Kanonenfutter? 

Die Wagner-Truppe rekrutiert seit Monaten Insassen russischer Gefängnisse für den Krieg in der Ukraine. Ihnen wird im Gegenzug eine Amnestie in Aussicht gestellt. Bis zu 35.000 Häftlinge sollen bereits für die Söldner-Truppe kämpfen. Das geht aus den offiziellen Daten der russischen Behörden hervor, die in den vergangenen Monaten ein plötzliches Minus in der Zahl der Inhaftierten vermerkten. Der historische Rückgang ist weder auf eine öffentliche Amnestie durch den Präsidenten noch durch andere Umstände zu erklären. Insbesondere da die Zahl der Häftlinge nur in den Kolonien für Männer gesunken ist. "Mindestens 20 Prozent jeder Anstalt kämpfen längst im Krieg", sagt auch Romanowa.

Die Menschenrechtsaktivisten beobachten eine weitere beängstigende Entwicklung. Strafkolonien in der Region Rostow sollen "für die Bedürfnisse der militärischen Sonderoperation geräumt" werden, wie der Krieg in der Ukraine nach wie vor in Russland genannt wird. Russische Häftlinge werden demnach weggebracht, ohne dass ihre Angehörigen informiert werden. Die Führung der Kolonien behauptet, es sei "unsicher", sich in der Nähe der Grenze aufzuhalten. Die Aktivisten glauben jedoch, dass Gefangene aus der Ukraine in diese Anstalten verlegt werden könntet. "Wenn sie dorthin verlegt werden, gibt es dann nicht womöglich den teuflischen Plan, sie als menschlichen Schutzschild zu benutzen?", fürchtet man bei der Organisation "Russland hinter Gittern". Die Region Rostow grenzt unmittelbar an das Kriegsgebiet in der Ukraine. 

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