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"Er ist ein Projekt Putins" Vor laufender Kamera wird ein Deserteur hingerichtet – und Putin hält seine Hand über die Henker

Wladimir Putin fürchtet sich vor den Eliten Russlands. Um sie unter Kontrolle zu halten, setzt er auf Angst. 
Wladimir Putin fürchtet sich vor den Eliten Russlands. Um sie unter Kontrolle zu halten, setzt er auf Angst. 
© Sergei Bobylev/TASS / Imago Images
In Russland wird ein vermeintlicher Verräter hingerichtet. Vor laufender Kamera wird ein Mord begangenen. Mehr noch: Das Gewaltmonopol des Staates wird mit Füßen getreten. Und aus dem Kreml heißt es: "Es geht uns nichts an." Nur wenige Worte, aber sie sprechen Bände. 

Eine Hinrichtung vor laufender Kamera – damit wollen die Söldner der berüchtigten Privatarmee des Kremls, der Gruppe Wagner, ein neues Kapitel in ihrer unrühmlichen Geschichte aufschlagen. Am Abend des 12. November tauchte auf dem Telegram-Kanal "Grey Zone", der in Verbindung mit der Söldnertruppe steht, ein schockierendes Videos auf. Es zeigt die brutale Hinrichtung von Jewgeni Nuschin. 

Im Sommer war Nuschin aus der Justizvollzugsanstalt Nr. 3 in der Region Rjasan von der Wagner-Truppe angeworben worden. Jewgeni Prigoschin, der Chef und nominelle Besitzer der Privatarmee, stattete auf der Suche nach neuen Männern der Strafanstalt einen persönlichen Besuch ab. Sie sollen für ihn in der Ukraine kämpfen.

Die letzten 19 Jahre hatte Nuschin in Haft verbracht. Der Dienst bei der Wagner-Truppe bedeutete für den Mann, der wegen Mordes zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war, die Freiheit. Doch schon in seiner zweiten Nacht an der Front floh Nuschin. In Kiew angekommen, packte er über die desaströsen Zustände in der Wagner-Truppe aus, gab im ukrainischen Fernsehen Interviews. Nuschin wurde zu einer prominenten Mediengestalt. Doch seine letzten Augenblicke vor einer Kamera endeten mit seinem Tod.

Für seinen angeblichen Verrat erschlugen seine ehemaligen Kameraden Nuschin mit einem Schlaghammer. Bevor er starb, gab er an, am 11. November aus Kiew entführt worden zu sein. Er sei bewusstlos geschlagen worden, sei schließlich in einem Keller wieder zu sich gekommen, wo er erfahren habe, dass er "hingerichtet" werde. "Einem Hund den Hundetod", kommentierte Prigoschin die Aufnahmen. 

Wie bekam die Wagner-Truppe Nuschin in die Hände? 

Der Vorfall lässt viele Fragen offen. Wie fiel Nuschin wieder in die Hände der Wagner-Truppe? Dass er tatsächlich aus Kiew entführt wurde, schätzen Experten als unglaubwürdig ein. Die Söldnertruppe hätte nicht die Möglichkeiten, jemanden aus der ukrainischen Hauptstadt zu entführen. Wahrscheinlicher ist das Szenario, dass Nuschin im Rahmen eines Gefangenenaustauschs von der Ukraine nach Russland überstellt wurde. Doch das würde bedeuten, dass Kiew gegen die Genfer Konvention verstößt. Demnach dürfen Gefangene nicht ausgetauscht werden, wenn sie dies nicht selbst wünschen. Und Nuschin wird sich nicht selbst zu einem Austausch bereit erklärt haben – in dem Wissen, dass ihm in Russland im besten Fall ein Prozess wegen Verrats droht. 

"Soweit ich weiß, hat Prigoschin die ukrainische Seite erpresst", erklärte Wladimir Ossetschkin im Interview mit dem unabhängigen Sender Dozhd. Der Gründer der Menschenrechtsorganisation Gulagu.net kämpft für die Rechte Gefangener und fordert von Kiew nun Antworten. Er nimmt aber an, dass die Wagner-Truppe ein Ultimatum gestellt haben könnte: Wenn nicht in kürzester Zeit ein Austausch stattfände und nicht diejenigen Männer überstellt werden würden, nach denen verlangt wird, werde man ukrainische Gefangenen hinrichten. Die Wagner-Truppe habe nach bestimmten Gefangenen verlangt, unter ihnen Nuschin.

Waffe im Informationskrieg beseitigt 

"Sie wollten Nuschin nicht, weil er ein bedeutender Kämpfer war. Im Informationskrieg zwischen Russland und Ukraine ist Nuschin zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten im Netz geworden. Er hat nicht nur die Reihen der Streitkräfte und die Wagner-Truppe verlassen. Er hat dieses System angeklagt. Mehr noch: Er hat erklärt, gegen sie kämpfen zu wollen. Und er hat Bedingungen geschaffen, die es anderen erlaubten, in seine Fußstapfen zu treten", sagt Ossetschkin. 

Millionen von Menschen, unter ihnen auch Wagner-Söldner und mobilisierte Soldaten, hätten sich die Interviews von Nuschin angesehen. "Sie haben sie angesehen und als Leitfaden zu eigenen Handlungen verstanden. Sie haben gesehen, dass man sich ergeben kann und einem die Sicherheit garantiert wird. Das, was jetzt passiert ist, zerstört das Vertrauen in diesen Vorgang", so Ossetschkin. "Die Wagner-Söldner oder Häftlinge, die an die Front gehen, befinden sich offenbar in einer grauen Zone, in der sie absolut keine Rechte haben. Auf der einen Seite kann man ihnen mit einem Vorschlaghammer den Kopf einschlagen. Und auf der anderen Seite denkt man offenbar, dass sie keine Gefangenenrechte haben und man sie daher austauschen kann." 

Botschaft an die russischen Eliten 

Die demonstrative Hinrichtung von Nuschin entsendet eine brachiale Botschaft an die Streitkräfte, Mobilisierte, Wagner-Söldner – und die russischen Eliten. 

"Je länger ich das Ganze beobachte, desto mehr bin ich überzeugt, dass Prigoschin kein eigenständiger Spieler ist. Er ist ein Projekt Putins, um die Eliten einzuschüchtern", sagt der Politologe Abbas Galjamow, der einst selbst Reden für Putin verfasst hat. Im Gespräch mit dem Team von Alexej Nawalny erklärte er: "Die Eliten sind zunehmend unzufrieden mit dem Regime. Sie können jeden Augenblick der Kontrolle entkommen. In den Augen Putins ist solch eine Abschreckung der einzige Weg, die Eliten von aktiven Handlungen gegen ihn abzuhalten: Seht her, das erwartet euch!", laute die Botschaft Putins. 

"Prigoschin handelt ausschließlich im Interesse Putins", so das Urteil von Galajamow. Und die Reaktionen auf die Hinrichtung von Nuschin stützen diese Annahme – genau genommen die nicht vorhandenen Reaktionen. 

Kreml: "Es geht uns nichts an" 

Am Montag meldete sich Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zu Wort. Sein Kommentar fiel kurz aus, aber dafür umso vielsagender. "Wir wissen nicht, was das ist, oder inwiefern das der Realität entspricht. Es geht uns nicht an", erklärte er.

Vor laufender Kamera wird ein Mord begangen. Mehr noch: Die Wagner-Truppe deklariert einen Mord als Hinrichtung, als Bestrafung für einen vermeintlichen Verrat und beansprucht somit für sich das Recht, eine Todesstrafe verhängen zu können. Der Staat tritt sein Gewaltmonopol an eine private Söldnertruppe ab. Und den Kreml soll es nichts angehen. 

Nach dem Gesetz dürfte die Wagner-Truppe gar nicht existieren. Söldnertum ist in Russland gesetzlich verboten. Und doch existiert die paramilitärische Truppe nicht nur, sie darf nun auch noch Todesstrafen verhängen und vollstrecken. Die Carte blanche kommt direkt aus dem Kreml. 

Sankt Petersburg: Jewgeni Prigoschin hat im November das sogenannte Zentrum des privaten Militärunternehmens Wagner eröffnet
Sankt Petersburg: Jewgeni Prigoschin hat im November das sogenannte Zentrum des privaten Militärunternehmens Wagner eröffnet. Offiziell soll sich das Zentrum, der Weiterentwicklung von Verteidigungstechnologien widmen.
© Alexander Galperin / Imago Images

In Russland wächst die Furcht vor Prigoschin 

Und die Methode zeigt Wirkung. Das Magazin Bloomberg berichtete unter Berufung auf mehrere Quellen, dass russische Großunternehmer und Regierungsbeamte um ihre eigene Sicherheit und die ihrer Familien fürchten. Vor allem nachdem Prigoschin dringende "stalinistische Repression" gegen wohlhabende Russen gefordert hatte, die "die militärische Situation ignorieren". Es sei notwendig, "die Hebel und Mechanismen für die vollständige Vernichtung dieser Menschen als Geschäftsleute zu betätigen", erklärte Prigoschin in einem Interview mit dem Propaganda-Sender RT. 

Am vergangenen Sonntag, einen Tag nach der Veröffentlichung der Hinrichtung von Nuschin, schlug Prigoschin gegen einen seiner Erzfeinde los. Er reichte bei der Staatsanwaltschaft und dem FSB eine Klage gegen den Gouverneur von Sankt Petersburg, Alexander Beglow, ein. Der Herrscher über Putins geliebte Heimatstadt soll sich des Hochverrats schuldig gemacht haben. Der Kreml schweigt – und die Stille versetzt die Eliten in Schockstarre. War doch Beglow lange Jahre einer der treuesten Verbündeten Putins. 

Justiz bleibt tatenlos 

Unterdessen demonstriert Prigoschin, dass er selbst vom Justizsystem nichts zu befürchten hat. In einem höhnischen Schreiben hat er sich an die Generalstaatsanwaltschaft mit der Bitte gewandt, doch bitte zu überprüfen, ob die CIA nicht an der Hinrichtung von Nuschin beteiligt war. Man untersuche die Theorie, wonach "Jewgeni Nuschin von der CIA angeworben wurde und frühzeitig für 27 Jahre ins Gefängnis ging. (..) Er hat das private Militärunternehmen Wagner unterwandert und hat die Voraussetzungen für seine Hinrichtung geschaffen", heißt es in einer Pressemitteilung von Prigoschins Unternehmen.

Nicht, dass die Staatsanwaltschaft einen Finger rühren würde, um Ermittlungen wegen dem Mord an einem russischen Bürger einzuleiten. Sechs Tage sind verstrichen, seit die schockierenden Aufnahmen publik wurden. In dieser Zeit schafft es die russische Justiz üblicherweise, nicht nur eine Klage zu erheben, sondern auch ein Urteil zu fällen. Vorausgesetzt man ist ein TikTok-Blogger, der sich über Putins Soldaten lustig macht. Wie im Fall von Nikolai Lebedew, der innerhalb weniger Tage verhaftet und abgeurteilt wurde. Sein Vergehen: eine Parodie auf einen russischen Soldaten im Schützengraben. 

Russland-Ukraine-Krieg: Soldat im Schützengraben kämpft für die ukrainische Armee

Sehen Sie im Video: Nach wochenlangen Kämpfen hat Russland die Großstadt Cherson aufgegeben. Wie wichtig ist die Zurückeroberung für die Ukraine? Und was bedeutet die Niederlage für Putin persönlich? stern-Militärexperte Gernot Kramper ordnet aktuelle Entwicklungen im Russland-Ukraine-Krieg ein und erklärt, welche Faktoren der ukrainischen Armee im Moment besonders helfen.

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